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Mélanie (Ana Girardot) und Rémy (Françoise Civil) sind sich so nah und doch so fern. Foto: Copyright: Studiocanal/Emmanuelle Jacobson-Roques

Einsam Zweisam (Deux moi)


(Kinostart: 19.12.) Zwischen Therapeut und Tinder-Date: Regisseur Cédric Klapisch inszeniert mit Leichtigkeit und viel Liebe zum Detail, wie zwei einsame Großstadtherzen zusammenfinden. Nur seine altbackene Kulturkritik irritiert bisweilen.


Regisseur Cédric Klapisch hat nicht nur ein Händchen für romantische Komödien; er ist zugleich ein vielseitiger Zeitgeist-Chronist. Beleuchtete er mit „…und jeder sucht sein Kätzchen“ (1996) noch das Verschwinden traditioneller Pariser Milieus, feierte er mit „L’auberge espagnole“ (2002) das Lebensgefühl junger Erasmus-Studenten. Mit den beiden Nachfolgern „L’auberge espagnole – Wiedersehen in St. Petersburg“ (2005) und „Beziehungsweise New York“ (2013) spürte er dann dem folgenden Fernweh der Protagonisten nach. In seinem letzten Film „Der Wein und der Wind“ (2017) widmete er sich Windgut-Erben mit unterschiedlichen Zukunftsvorstellungen.

 

Info

 

Einsam Zweisam
(Deux moi)

 

Regie: Cédric Klapisch,

110 Min., Frankreich/ Belgien 2019;

mit: Ana Girardot, François Civil, Camille Cottin, François Berléand

 

Weitere Informationen

 

Mit seinem neuen Werk „Einsam Zweisam“ kehrt er zu seinen Ursprüngen zurück: Thema des Films ist die Verlorenheit in der Großstadt. Mélanie (Ana Girardot) und Rémy (Francois Civil) haben sich in der Anonymität irgendwie eingerichtet. Die beiden 30-jährigen Protagonisten kennen einander nicht, leben aber nur ein paar Schritte voneinander entfernt. Er arbeitet in einem riesigen Versandlager, sie als Biochemikerin in der Krebsforschung.

 

Panikattacke nach Beförderung

 

Rémy ist aus der Provinz in die große Stadt gezogen. Die Pariserin Mélanie trauert seit fast einem Jahr ihrem Ex-Freund nach und versucht, ihren Kummer wegzuschlafen. Rémy kann dagegen gar nicht mehr schlafen, seit er befördert wurde. Schließlich wurden die meisten seiner Kollegen entlassen. Nach einer Panikattacke in der Métro schickt ihn der Arzt zum Therapeuten. Dem erklärt Rémy entrüstet, dass er keine Probleme habe und auf keinen Fall verrückt sei. Mélanie hingegen begibt sich freiwillig in psychologische Behandlung – und kann gar nicht aufhören zu reden.

Offizieller Filmtrailer


 

Welpencharme reicht nicht

 

Die beiden führen parallele Leben, die – soviel ist bald klar – über kurz oder lang zusammenlaufen. Bis es soweit ist, hält die Geschichte allerdings einige Schlenker bereit. Mit großem Vergnügen inszeniert Klapisch verpasste Gelegenheiten, bis hin zur entscheidenden Begegnung. Atmosphärisch erinnert das an Ernst Lubitschs Klassiker „Rendezvous nach Ladenschluss“ (1947) – nur, dass die Protagonisten sich nicht nur nicht kennen, sondern nicht einmal von der Existenz des anderen wissen. Erst einmal müssen sie aber sowieso zu sich selbst finden. Und das gelingt in der Großstadt offenbar am ehesten mit Hilfe eines Therapeuten.

 

Diese Sitzungen machen dramaturgische Rückblenden überflüssig. Und bringen einem zugleich die Hauptfiguren näher, ohne sie bloßzustellen. Beide sind auf ihre Art verloren und verletzt, leben im immer gleichen Trott. Angestachelt von Freundinnen, aber letztlich lustlos, lenkt Mélanie sich mit Tinder-Dates ab. Echte Freude empfindet sie dabei nicht. Rémy hingegen hat trotz seines Welpencharmes wenig Glück bei Frauen.

 

Altbackene Kulturkritik

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Der Wein und der Wind“ – Familien-Tragikomödie von Cédric Klapisch

 

und hier einen Bericht über den Film „Beziehungsweise New York“ – turbulente transatlantische Patchwork-Komödie von Cédric Klapisch

 

und hier eine Besprechung des Films „Mein Stück vom Kuchen“ – charmante Klassenkampf-Komödie von Cédric Klapisch

 

Diese mit leichter Hand inszenierte Parallelität ihrer Entwicklung macht den Reiz der Geschichte aus. Paris als Schauplatz spielt auch dieses Mal eine zentrale Rolle. Dreh- und Angelpunkt ist ein Mini-Supermarkt, dessen arabischer Betreiber Mansour (Simon Abkarian) alles und jeden in der Gegend kennt. Hier ist die Welt tatsächlich noch wie vor 23 Jahren in „…und jeder sucht sein Kätzchen“.

 

Sogar eine schon damals betagte Darstellerin taucht wieder auf; inzwischen ist sie 101 Jahre alt. Ebenso hat erneut ein weißes Kätzchen seinen Auftritt. Zunächst lockt es Rémy emotional aus der Reserve, um dann bei Mélanie zu landen. Klapischs Selbstzitate sind durchaus charmant. Unangenehm stößt dagegen seine unterschwellige Kritik an der Unbarmherzigkeit des Wisch-und-Weg-Modus von Dating-Apps auf. Noch vor fünf Jahren wäre das vielleicht erhellend gewesen; nun wirkt es eher aufgesetzt.

 

Kleine Schritte, große Liebe

 

Doch sobald der Film zu seinem eigentlichen Thema zurückfindet, erscheint er liebenswert und durchaus authentisch. Dabei findet er schöne Bilder für die unvermutete Nähe der beiden: etwa wenn Mélanies Zigarettenrauch vom Balkon in Rémy Wohnung weht, oder wenn er sie in der Badewanne singen hört. Für die vielen kleinen Schritte also, die es braucht, um irgendwo anzukommen – zum Beispiel bei einer großen Liebe.



Von Ingrid Beerbaum, veröffentlicht am 18.12.2019





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