Hamburg

Goya, Fragonard, Tiepolo – Die Freiheit der Malerei

Giovanni Battista Tiepolo (1696–1770): Die Opferung der Iphigenie (Detail), 1747/1750, Öl auf Leinwand, 39 x 62 cm, © Hamburger Kunsthalle / bpk. Foto: Elke Walford. Fotoquelle: Hamburger Kunsthalle

Hinfort mit Akademie-Regeln: Der Italiener Tiepolo, der Franzose Fragonard und der Spanier Goya etablierten nach 1750 eine neue, lockere Malweise. Ihre „Freiheit der Malerei“ vergleicht die Kunsthalle erstmals systematisch, doch mit begrenzter Reichweite.

Sie sind einander wohl nie begegnet. Dennoch zählen Giovanni Battista Tiepolo (1696-1770), Jean-Honoré Fragonard (1732-1806) und Francisco José de Goya y Lucientes (1746-1828) nicht nur zu den bedeutendsten Malern des 18. Jahrhunderts; sie kannten auch Werke der jeweils anderen und hatten einiges gemeinsam. Unter dem programmatischen Titel „Die Freiheit der Malerei“ vergleicht nun die Hamburger Kunsthalle erstmals ihre Bilder miteinander; ein sinnvoller und erhellender Ansatz mit allerdings begrenzter Reichweite.

 

Info

 

Goya, Fragonard, Tiepolo
– Die Freiheit der Malerei

 

13.12.2019 – 13.04.2020

täglich außer montags

10 bis 18 Uhr,

donnerstags bis 21 Uhr

in der Hamburger Kunsthalle, Glockengießerwall 5

 

Katalog 29 €

 

Weitere Informationen

 

Der Venezianer Tiepolo, der in späteren Jahren mit seinem Sohn Giovanni Domenico arbeitete, war ein Starkünstler seiner Epoche. Europaweit geschätzt und mit hochdotierten Aufträgen überhäuft, darunter die berühmten Deckenfresken in der Würzburger Residenz, zog er 1762 nach Madrid, wo er bis zu seinem Tod für den kaiserlichen Hof tätig blieb.

 

Flockig verwirbelte Pastellfarben

 

Als letzter großer Vertreter des italienischen Barock verband er expressive Theatralik mit eigentümlicher Leichtigkeit. Seine locker komponierten Darstellungen spickte er mit ironischen Anspielungen und launigen Details, gemalt in flockig wirbelnder Pinselführung und pastelligen Farben.

Impressionen der Ausstellung


 

Hof in Madrid, Reiche in Paris

 

Solche Bilder dürfte Goya in Madrid gesehen haben; er kam 1763 in die spanische Hauptstadt, um seine Ausbildung fortzusetzen. Als Tiepolo starb, hielt sich Goya in Italien auf, um die Kunst der Antike und Renaissance zu studieren. Vier Jahre später ließ er sich endgültig in Madrid nieder, wo er rasch die Gunst des Monarchen gewann; 1786 stieg er zum Hofmaler auf. Fortan führte er quasi eine künstlerische Doppelexistenz: Mit dekorativen Tableaus und präzisen Bildnissen wurde er zum gefragten Porträtisten – zugleich schuf er Genreszenen und Grafik voller drastischer, teils ätzender Sozialkritik.

 

Sie war Fragonard fremd; ihm lagen eher humorvolle Sticheleien. Nach Lehrjahren von 1756 bis 1761 in Italien etablierte er sich in Paris als Auftragsmaler für die vermögenden Stände. Die belieferte er mit heiteren Sittenbildern und Alltagsszenen, gern erotisch aufgeladen; das unbeschwert hedonistische Rokoko-Lebensgefühl im späten ancien régime fing niemand so beschwingt ein wie er. Fragonard war bekannt für seine rasche Malweise; oft verzichtete er auf Konturen und setzte Farbtupfer flüssig nebeneinander. Viele seiner Bilder erscheinen heute fast impressionistisch an der Grenze zur Abstraktion.

 

Ähnliches Vorgehen, verschiedene Motive

 

„Die Freiheit der Malerei“, verstanden als Abkehr von strengen akademischen Regeln, spiegelt sich in den Werken aller drei Künstler. Damit wirkten sie wegweisend in einer Zeit, die Althergebrachtes allmählich abschaffte oder aufhob: Die Französische Revolution von 1789 fiel ja nicht vom Himmel, sondern war durch zahlreiche Neuerungen in den Wissenschaften, der Wirtschaft und Gesellschaft vorbereitet worden. Ebenso verband die drei  Maler ihr unorthodoxes Vorgehen – in anderen Aspekten waren sie sehr verschieden.

 

Tiepolo erhielt etliche Aufträge vom Klerus, Fragonard vom reichen Bürgertum, Goya vom Hof: Allein das führte zu großen Unterschieden bei Motivwahl und Ausführung. Ihre Parallelen will die Ausstellung in sieben thematischen Kapitel herausarbeiten, doch diese Engführung trägt nur bedingt: Die meisten können sich nur auf Belege von ein oder zwei Künstlern stützen.

 

Keine Fragonard-Karikaturen

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung „Tiepolo – Der beste Maler Venedigs“ – große Werkschau in der Staatsgalerie, Stuttgart

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung „Constable, Delacroix, Friedrich, Goya: Die Erschütterung der Sinne“ mit Werken von Francisco de Goya im Albertinum, Dresden

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung „Dürer, Michelangelo, Rubens – Die 100 Meisterwerke der Albertina“ – mit Werken von Jean-Honoré Fragonard in der Albertina, Wien.

 

Dass alle drei häufig Ölskizzen erstellten und damit diese Vorstufe des Malprozesses aufwerteten, leuchtet ein. Als Porträtmaler profilierten sich aber nur Goya und Fragonard; Tiepolo schuf allenfalls Kopf- und Charakterstudien zur Vorbereitung seiner Großkompositionen.

 

Sowie zahlreiche „Commedia dell’arte“-Szenen mit drolligen Pulcinella-Figuren – Theater und Maskenbälle spielen im Werk von Goya und Fragonard eine weitaus geringere Rolle. Ähnlich bei Karikaturen: Von Tiepolo sind zahlreiche Witzzeichnungen seiner Mitbürger erhalten, von Fragonard keine.

 

Kriegsgräuel vs. Bilderrätsel

 

Goya schuf mit seinen Radierungs-Zyklen „Caprichos“ (80 Blätter, 1793/99) und „Desastres de la Guerra“ (82 Blätter, 1810/14) zwei zeitlose Grafik-Meisterwerke, deren Einfluss bis heute nachhallt. Während die „Caprichos“ soziale Missstände anklagen, führen die „Desastres de la Guerra“ schonungslos Kriegsgräuel vor Augen – in unübertroffener Drastik: Sie wurden wegen ihrer vernichtenden Kritik an damaligen Zuständen erst 1863 publiziert.

 

Dagegen wirken die insgesamt 33 Blätter der „Vari Capricci“ und „Scherzi die Fantasia“, die Tiepolo zwischen 1740 und 1760 schuf, wie harmlose Fingerübungen – auch wenn diese Patchwork-Bilderrätsel seinerzeit gewagt gewesen sein mögen.

 

So gerät der Rundgang durch sieben Stationen stellenweise holprig; die von den Wandtexten behauptete Übereinstimmung des Künstler-Trios erscheint bei den Exponaten recht lückenhaft. Mag daher das Konzept der Ausstellung etwas überdehnt wirken – ihr Besuch lohnt dennoch: Derart viele Meisterwerke dieser drei Maler, die ansonsten in deutschen Museen eher schwach vertreten sind, findet man selten beisammen.