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Luciano Pavarotti bei einem Auftritt. Foto: © Wild Bunch Germany

Pavarotti


(Kinostart: 26.12.) Fanveranstaltung: Luciano Pavarotti war der erfolgreichste Opernsänger des 20. Jahrhunderts. Seine lange Karriere als Menschenfischer und Charthit-Lieferant dokumentiert Regisseur Ron Howard beflissen – dunkle Punkte lässt er aus.


Es beginnt verheißungsvoll: 1995 besucht Luciano Pavarotti (1935-2007) das legendäre Opernhaus von Manaus; steinreiche Kautschukbarone ließen es 1884/96 mitten im Urwald aus dem Boden stampfen. Das „Teatro Amazonas“ wird eigens für den hohen Besucher aufgeschlossen; sein Flötist hält alles auf Video fest. Der Tenor steht in Freizeitkleidung auf der Bühne, singt den Anfang der Arie „Nessun dorma“ aus „Turandot“ von Puccini, eine Handvoll Leute klatscht – und das exzentrisch Exaltierte von großer Oper wird an diesem aberwitzigen Ort nahezu plastisch spürbar. Doch diese Tonlage kann der Film nicht halten.

 

Info

 

Pavarotti

 

Regie: Ron Howard,

114 Min., Großbritannien/ USA 2019;

mit: Luciano Pavarotti, Bono, Andrea Griminelli 

 

Weitere Informationen

 

Neben Enrico Caruso und Maria Callas war Pavarotti der erfolgreichste Opernsänger des 20. Jahrhunderts. Kommerziell ohnehin: Er verkaufte zu Lebzeiten mehr als 26 Millionen Tonträger. Aber auch in Sachen Popularität: Spätestens als Zugpferd der „Drei Tenöre“ mit Placido Domingo und José Carreras wurde Pavarotti zum household name; ihren Auftritt in den römischen Caracalla-Thermen zur Eröffnung der Fußball-WM 1990 sahen rund eine Milliarde TV-Zuschauer. Und seine Benefiz-Konzertreihe „Pavarotti & Friends“, bei der er Duette mit zahlreichen Stars sang, eroberte in den 1990er Jahren weltweit die Popcharts.

 

Anpassung an Spektakel-Industrie

 

Eine Ausnahmeerscheinung, gewiss. Pavarotti hat mehr Menschen klassische Musik nahe gebracht als irgendjemand sonst vor oder nach ihm. Indem er sie auf leicht konsumierbare Häppchen reduzierte, die er mit zirzensischem Bombast zum Besten gab: Damit speiste er sie in die Vermarktungslogik der Spektakelindustrie ein. Seine Person böte reichlich Anhaltspunkte, um über die Anpassung der ach so traditionsbewussten Klassik-Branche an den globalisierten Unterhaltungsbetrieb zu reflektieren. Ron Howard lässt die Finger davon.

Offizieller Filmtrailer


 

Ein Leben lang Grundschullehrer

 

Der US-Regisseur ist ein vielseitiger Routinier, der einige herausragende Filme gedreht hat. „Apollo 13“ (1995) über die letzte bemannte Mondmission, „A Beautiful Mind – Genie und Wahnsinn“ (2001) über den Mathematiker John Forbes Nash oder „Frost/ Nixon“ (2008) über ein legendäres TV-Interview mit Tricky Dick wurden für ihre psychologisch subtile Figurenzeichnung gerühmt. Davon ist in „Pavarotti“ nichts zu spüren: Diese Doku verharrt in unerschütterlicher Bewunderung.

 

Pavarotti stammte aus einfachen Verhältnissen in Modena. Sein Vater Fernando war Bäcker, sang im Chor, hatte ebenfalls eine schöne Stimme, verzichtete aber wegen Lampenfiebers auf eine Bühnenkarriere. Bevor sein Sohn sie einschlug, arbeitete er als Grundschullehrer – und dieser Berufseinstieg war ihm zeitlebens anzumerken: Mit schlichten Wohlfühl-Worten, die alle Zuhörer wie Erstklässler mitnahmen, umgarnte er sein Publikum. Gepaart mit breitem Lächeln, wirkte seine massige Erscheinung wie die Inkarnation des Weihnachtsmanns; solch einen Menschenfischer kannte der elitäre Opernbetrieb zuvor nicht.

 

Kochkünste + Schelmen-Scherze

 

Wie Pavarotti ab seinem Bühnendebüt 1961 von Erfolg zu Erfolg eilte, zeichnet diese Doku beflissen Engagement für Engagement nach. Allerdings ohne seine Spitzenleistungen auch gebührend vorzuführen: Im reichlich vorhandenen Archivmaterial wird keine Arie vollständig gesungen; meist müssen ein paar Zeilen ausreichen. Stattdessen widmet sich Regisseur Howard den Familienverhältnissen des Tenors: Seine erste Frau Adua, ihre drei gemeinsamen Töchter und seine zweite Frau Nicoletta Mantovani kommen ausführlich zu Wort.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Maria by Callas“ – Dokumentation über die weltberühmte Opernsängerin von Tom Volf

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung  „Die Oper als Welt – Die Suche nach einem Gesamtkunstwerk“ – prächtige Ausstellung im Centre Pompidou-Metz, Frankreich

 

und hier einen Bericht über den Film „Lilien im Winter – La Bohème am Kap“ – eindrucksvolle Verfilmung von Puccinis Opern-Klassiker in südafrikanischen Townships von Mark Dornford-May.

 

Wie Heerscharen von denen, die man Weggefährten nennt: Dirigenten, Sänger und Musiker, mit denen er zusammenarbeitete, aber auch seine Manager. Alle wissen natürlich nur Gutes über den Superstar zu berichten. Zwischen zahllosen Anekdoten über seine Kochkünste und schelmischen Scherze schimmern dunklere Aspekte seiner Biographie kaum durch. Sein erster Agent Herbert Breslin galt in der Branche als „a real bastard“; ihn löste später Tibor Regas ab. Mit welchen Methoden dieser Impresario die Mega-Events der 1990er Jahre stemmte, erfährt man nicht.

 

Geeignet für Autogrammjäger

 

Ebenso wenig kommen Pavarottis Probleme mit den Finanzbehörden zur Sprache; er wurde zwei Mal wegen Steuerhinterziehung angeklagt. Oder der langjährige Streit seiner Witwen um das hinterlassene Millionen-Vermögen. Alles geht in Wohlklang auf, aber stets nur ein paar Takte lang.

 

So dürfte diese Doku alle Melomanen enttäuschen, die im Schmelz seiner Stimme schwelgen möchten, und gleichfalls diejenigen, die das Rampensau-Phänomen Pavarotti interessiert. Am ehesten kommen Autogrammjäger auf ihre Kosten, die nur ihr Idol anhimmeln wollen – doch sie sind inzwischen so selten geworden wie Freiluftkonzerte im Hyde und Central Park.



Von Swantje Seberg, veröffentlicht am 23.12.2019





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