Lone Scherfig

The Kindness of Strangers

Clara (Zoe Kazan) und Marc (Tahar Rahim) sind sich näher gekommen. Foto: Alamode Film

(Kinostart: 12.12.) Falsches Pathos killt Gefühle: Trotz guter Besetzung scheitert Regisseurin Lone Scherfig daran, eine Großstadtgeschichte voller Hoffnung authentisch in Szene zu setzen. Darin geht es um familiäre Gewalt und hilfsbereite Fremde.

Im Hinterhof eines Konzertsaals sitzt eine Mutter mit ihren Kindern im Auto. Die Drei sind müde und hungrig – und stecken hier fest. Als getragene Orchestermusik durch die Fenster dringt, beginnt die Mutter zu weinen. Das könnte einfach nur eine sentimentale Szene über die kathartische Kraft von Musik in Krisenzeiten sein. Schließlich sind die Drei auf der Flucht vor ihrem gewalttätigen Ehemann beziehungsweise Vater.

 

Info

 

The Kindness of Strangers

 

Regie: Lone Scherfig,

112 Min., Dänemark/ Kanada/ Schweden 2019;

mit: Tahar Rahim, Zoe Kazan, Andrea Riseborough

 

Weitere Informationen

 

Doch in dieser Schmonzette soll dieser vor Pathos triefende Moment offenbar zugleich als Schlüsselszene herhalten. Und darüber hinaus noch einen Einblick in das Innenleben der Protagonisten vermitteln  – womit er leider scheitert. Lone Scherfigs Film „The Kindness of Strangers – Kleine Wunder unter Fremden“, der immerhin in diesem Jahr die Berlinale eröffnen durfte, will so einiges.

 

Mit dem Vorschlaghammer

 

Vor allem möchte er eine Reflexion über Menschlichkeit in einer schlechten Welt sein. Aufgehängt wird das an der Geschichte von Clara (Zoe Kazan), die mit ihren Söhnen nach New York flüchtet und dort unerwartet Unterstützung von fremden Menschen erfährt. Leider kommt dabei nur ein vor Klischees strotzendes Großstadt-Märchen heraus, in dem versucht wird, mit dem Vorschlaghammer Rührung zu erzeugen.

Offizieller Filmtrailer


 

Stadtneurotiker und Archetypen

 

Die Szene im Auto erweist sich holperige Überleitung zur zweiten Hälfte des Films, in der sich das ganze Elend in Wohlgefallen auflöst: Die junge Familie findet Zuflucht bei aufopferungsvollen Menschen. Doch warum scheitert die Geschichte so grundlegend? Liegt es am Soundtrack mit seinen drögen Streicher-Arrangements? Sicher nicht am handwerklichen Können der dänischen Regisseurin, die mit „Italienisch für Anfänger“ (2000) ihren Durchbruch erlebte. Später bewies sie unter anderem mit der genialen schwarzen Komödie „Wilbur Wants to Kill Himself“ (2003) ihre Wandlungsfähigkeit.

 

Dabei enthält der Film viel versprechende Ingredienzen: New York als ewigem Sehnsuchtsort samt einer Schar von Stadtneurotikern. Dazu Protagonisten, die sich durchaus als schicksalsträchtige Archetypen eignen. Etwa die Hauptfigur Clara – auch wenn sie sich bisweilen in Selbstmitleid ergeht: „Ich bin nichts, nur eine Hausfrau“. Oder der Ex-Knacki Marc (Tahar Rahim), für den sich Clara interessiert, nachdem er unschuldig im Gefängnis saß. Toll besetzt ist auch die von Andrea Riseborough virtuos gespielte Krankenschwester Alice, die mit drei Jobs jongliert.

 

Stichpunktartiges Leid

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „The Riot Club“ – Sittenbild adliger Snobs in Oxford von Lone Scherfig

 

und hier eine Besprechung des Films „Beziehungsweise New York“turbulente transatlantische Patchwork-Komödie von Cédric Klapisch

 

und hier einen Beitrag über den Film „2 Tage New York“ – franko-amerikanische Culture-Clash-Komödie von Julie Delpy

 

und hier einen Bericht über den Film “Blank City” – über die No-Wave-Szene im New York der späten 1970er Jahre von Céline Danhier

 

Doch dem Film fehlt genau das, was er von seinen Figuren einfordert: Authentizität. Man sieht den Kindern und ihrer Mutter schlichtweg nicht an, dass sie leiden – trotz der fortwährenden Behauptung von Leid. Ihr Schmerz lässt sich allenfalls erahnen; sie ersticken im Korsett ihrer Opferrolle. Die Figuren wirken so leblos wie in einer schlechten Zeitungsreportage.

 

So wird dem Zuschauer bald schon egal, was mit ihnen geschieht. Nun ist es angesichts des üblichen Blutdurstes im Kino zwar ein eleganter Schachzug, Gewalt nicht direkt zu zeigen, sondern von ihr zu erzählen. Doch gerade diese Geschichten sind nicht glaubwürdig: Clara rattert ihren Leidensweg stichpunktartig herunter. Zudem fehlt dabei eine Bezugnahme auf glücklichere Zeiten, die eine Fallhöhe und dadurch vielleicht so etwas wie Empathie schaffen könnten.

 

Dichtung statt Recherche

 

Das alles mindert keineswegs die Relevanz des Themas: Gewalt in der Familie ist auch hierzulande ein unterschätztes Problem. Laut Bundeskriminalamt wird alle drei Tage eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner umgebracht. Diesen oft unsichtbaren Alltagshorror in einem Film erfahrbar zu machen, wäre durchaus ein lohnenswertes Unterfangen.

 

Dass dies hier schief geht, liegt nicht nur an der Figurenzeichnung, sondern auch an der mangelnden Entschlossenheit der Regisseurin. Ihr visueller Fokus in langen Einstellungen auf die Stadt New York und ihre Hochhaus-Architektur droht das eigentliche Thema des Films zu verdrängen. Was den inhaltlichen Kern angeht, hätte es sicher zudem nicht geschadet, Betroffene von häuslicher Gewalt zu ihren konkreten Erfahrungen zu befragen, statt ihnen eine beliebig wirkende Opfergeschichte anzudichten.