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Polizist Gwada (Djebril Zonga, re.) vor einem martialischen Blowup-Poster. Foto: Wildbunch Germany

Die Wütenden – Les Misérables


(Kinostart: 23.1.) Ein Zündfunke reicht, und die Lage eskaliert: Der in Mali geborene Regisseur Ladj Ly zeigt anschaulich, was Unruhen in der Pariser Banlieue auslöst. Temporeich und authentisch – Victor Hugo wäre stolz auf diese Aktualisierung seines Romans.


Ein einig Volk von Brüdern und Schwestern: Der Prolog zum Debüt-Spielfilm von Ladj Ly, dessen Familie aus Mali stammt, spielt im Sommer 2018 im mit Trikoloren geschmückten Zentrum von Paris. Hier geraten der minderjährige Issa (Issa Perica) und seine Freunde aus der Vorstadt in den kollektiven Taumel: Die Fußball-Nationalmannschaft ist Weltmeister. Während die Emotionen der Menge überkochen, scheint die Einheit aller Franzosen ungeachtet aller Unterschiede durch Klassen, Ethnien und Geschlechter wahr geworden.

 

Info

 

Die Wütenden –
Les Misérables

 

Regie: Ladj Ly,

102 Min., Frankreich 2019;

mit: Damien Bonnard, Alexis Manenti, Djebril Zonga

 

Weitere Informationen

 

Für die Vorstadt-Kids wird sich das allerdings spätestens am nächsten Morgen als Illusion erweisen. Wer in ihrem Banlieue-Viertel wohnt, den Plattenbauten von Les Bosquets in Clichy-Montfermeil, hat kaum Chancen, einen gut bezahlten Job zu ergattern und damit den gesellschaftlichen Aufstieg in die Mittelklasse zu schaffen.

 

Unruhig seit 1862

 

Bekannt ist Monfermeil in ganz Frankreich seit 1862: Hier spielt ein Teil der Handlung von Victor Hugos berühmtem sozialkritischen Roman „Die Elenden“, im Original: „Les Misérables“. Mit ihm hat der Film außer dem Schauplatz auch die genaue realistische Beschreibung gesellschaftlicher Missstände gemeinsam. Überdies rückte das Viertel bei den gewalttätigen Unruhen des Jahres 2005 ins Rampenlicht der Medien: Hier begann die Randale, die anschließend ganz Paris und Frankreich erfasste.

Offizieller Filmtrailer


 

Polizisten als Regelverletzer

 

Wie hart der Alltag in dieser Banlieue ist, bekommt auch Stéphane (Damien Bonnard) gleich an seinem ersten Einsatztag zu spüren. Das neue Mitglied einer Spezial-Polizeieinheit zur Verbrechensbekämpfung ließ sich aus der Provinz hierher versetzen, um in der Nähe seines Sohnes und seiner Ex-Frau zu sein. Nun fährt er in der Tagschicht mit zwei Kollegen herum, mit denen er ein Team bilden soll. Chris (Alexis Manenti) und Gwada (Djebril Zonga) sind bereits seit zehn Jahren dabei und im sozialen Mikrokosmos des Viertels längst fest verankert.

 

Allerdings nicht als neutrale, über den Dingen stehende Ordnungsinstanz, sondern als rivalisierende Akteure im Clinch mit allen Anderen. Selbst in ähnlichen Verhältnissen lebend wie die Plattenbau-Bewohner, treten sie ihnen mit ständiger Bereitschaft zur Regelverletzung entgegen. Bei der Patrouillenfahrt des Trios lernt man die Leute des Viertels kennen: Jugendliche, die sie „kleine Wanzen“ nennen, den selbsternannten Bürgermeister und sein Gefolge, den islamistischen Dönerladen-Besitzer Salah oder den Clan-Chef Zorro. Schnell wird klar: Die Polizei-Einheit ist eher Teil des Problems als der Lösung.

 

Schwarzer Polizist gilt als Verräter

 

Insbesondere Teamleiter Chris glaubt sein Selbstverständnis als Alphatier beständig durch rassistische wie sexistische Sprüche untermauern zu müssen. Er findet ebenso viel Gefallen an der Macht, die ihm seine Dienstmarke verleiht, wie an übergriffigen Personenkontrollen. Auch Stéphane will er von Anfang an seine Überlegenheit spüren lassen; etwa, indem er ihm beim ersten Treffen wegen seiner Haargel-Frisur den Spitznamen „Pomado“ verpasst – da ist der Konflikt zwischen den beiden flics vorprogrammiert.

 

Der dunkelhäutige Gwada, der dritte Polizist auf Streife, scheint gelassener. Er ist selbst im Viertel aufgewachsen; bei dessen Bewohnern gilt er deshalb in erster Linie als Verräter, weil er im Staatsdienst arbeitet. So steht er bei aller zur Schau gestellten Abgeklärtheit innerlich unter starkem Druck – später wird er es sein, der durch einen leichtfertig abgegebenen Schuss die Lage eskalieren lässt.

 

Nur schlechte Gärtner

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Glanz der Unsichtbaren“ – launige französische Sozial-Komödie über Obdachlose von Louis-Julien Petit

 

und hier eine Besprechung des Films „Dämonen und Wunder – Dheepan“ – brillanter Sozial-Thriller über Tamilen-Immigranten in der Pariser Banlieue von Jacques Audiard, prämiert mit Goldener Palme 2015

 

und hier einen Bericht über den Film „Les Misérables“ – überwältigend opulente Verfilmung des Musicals nach dem Roman von Victor Hugo durch Tom Hooper mit Hugh Jackman

 

und hier einen Beitrag über den Film „Bande de Filles – Girlhood“ – Gruppen-Porträt farbiger Teenager in der Pariser Banlieue von Céline Sciamma.

 

Das geschieht, während ein gestohlenes Löwenbaby gesucht wird. Obendrein filmt auch noch ein schüchterner Teenager mit seiner Drohne die aus dem Ruder laufende Polizeiaktion. Dadurch macht er die flics gleichzeitig zu Jägern und Gejagten; von nun an wird innerhalb der raffinierten Dramaturgie jedes Atemholen nur noch zur kurzen Unterbrechung einer Krise, die sich immer weiter zuspitzt.

 

„Merkt Euch, Freunde! Es gibt weder Unkraut noch schlechte Menschen. Es gibt bloß schlechte Gärtner“, wird am Ende Victor Hugo zitiert. Seit der Veröffentlichung seines Klassikers vor mehr als 150 Jahren scheint sich an den Spannungen zwischen Arm und Reich, Staatsmacht und Ausgegrenzten wenig geändert zu haben – allenfalls die Herkunft der unterdrückten Wütenden, was der Film kraftvoll und temporeich darstellt. In Stéphanes unbelastetem Blick von außen findet Regisseur Ly die ideale Perspektive für eine genaue Bestandsaufnahme der Zustände im Viertel.

 

Regisseur lebt selbst vor Ort

 

Sie fällt sehr glaubhaft aus, bis hin zum Ghetto-Slang der Akteure mit ihrem Mutterwitz. Was daher rühren dürfte, dass Ladj Ly selbst in Montfermeil aufgewachsen ist, wo er bis heute lebt. Seine hiesigen Erfahrungen inspirierten nicht nur die Handlung; er hat auch viele seiner Laien-Darsteller direkt vor Ort engagiert.

 

„Die Wütenden – Les Misérables“ gewann 2019 beim Festival in Cannes den Preis der Jury und ist nun als Frankreichs Kandidat für den Auslands-Oscar nominiert. Zurecht: Solches formal wie inhaltlich wuchtiges Kino lenkt anschaulich und überzeugend die Aufmerksamkeit auf schwelende soziale Konflikte, die von der Mehrheits-Gesellschaft gern ignoriert werden.



Von Holger Heiland, veröffentlicht am 22.01.2020





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