Jan Bülow

Lindenberg! Mach dein Ding

Udo (Jan Bülow, Mitte) mit Steffi Stephan (Max von der Groeben) auf der Bühne. Foto: DCM-Letterbox-Gordon Timper

(Kinostart: 16.1.) Als Karikatur eines Rebellen schwer beliebt: Deutschrocker Udo Lindenberg ist längst ein Denkmal seiner selbst. Das Potenzial seiner wild bewegten Anfänge schöpft Regisseurin Hermine Huntgeburth nicht aus – trotz eines tollen Hauptdarstellers.

Udo wirkt – immer noch. Erst im November 2019 musste ein deutscher Politiker seinen Hut nehmen, weil er den 73-jährigen Rockmusiker öffentlich diffamiert hatte. Ein „Judaslohn“ sei das Bundesverdienstkreuz erster Klasse, das Udo Lindenberg am Tag der deutschen Einheit verliehen wurde, meinte Stephan Brandner. Der AfD-Abgeordnete wurde daraufhin als Vorsitzender des Rechtsausschusses im Bundestag abgewählt.

 

Info

 

Lindenberg!
Mach dein Ding

 

Regie: Hermine Huntgeburth

135 Min., Deutschland 2019;

mit: Jan Bülow, Detlev Buck, Max von der Groeben, Charly Hübner,

 

Website zum Film

 

Lindenberg äußert sich standhaft und verlässlich gegen rechte Tendenzen. Sein Schlager-Rock hat mit Revolution und Aufbegehren zwar seit Jahrzehnten nichts mehr an dem Hut, der zu seinem Markenzeichen geworden ist. Doch die Affäre Brandner war wie ein weiterer Ritterschlag – mit gutem Timing: Wenige Wochen später kommt nun ein Biopic über die Anfänge des selbsternannten „Panik“-Präsidenten in die Kinos.

 

Erfolgreiche Statusverwaltung

 

„Lindenberg! Mach dein Ding“ von Regisseurin Hermine Huntgeburth – bekannt unter anderem durch die Bestsellerverfilmungen „Die weiße Massai“ (2005) und „Neue Vahr Süd“ (2010) – zeichnet nach, wie Lindenberg von seiner Kindheit in Westfalen bis zum Durchbruch in Hamburg Anfang der 1970er Jahre obsessiv auf den Rockstar-Status hingearbeitet hat, den er bis heute erfolgreich verwaltet.

Offizieller Filmtrailer


 

Zeitreise in die frühen Jahre

 

Die Musicalisierung mit „Hinterm Horizont“ hat Lindenberg schon hinter sich, jetzt kommt also der Kinofilm. So wie beim anderen großen Udo, dem aus Kärnten. Mit dem Unterschied, dass „Ich war noch niemals in New York“ (2019) kein Biopic ist und Udo Jürgens nicht mehr unter uns weilt. Lindenberg hingegen scheint gefangen in einer Silhouette aus zu engen schwarzen Hosen, zu großen schwarzen Sonnenbrillen und extrabreiter Hutkrempe.

 

Er hat sich zur Karikatur seiner selbst gemacht, nicht nur im übertragenen Sinn. Sondern auch in den Bildern, den so genannten Likörellen, die er in seiner Hamburger Hotelsuite von sich malt – mit Likör als Farbe. Regisseurin Huntgeburth tut daher gut daran, deutlich vorher anzusetzen; ihr Spielfilm über Lindenbergs frühe Jahre knüpft nicht an einen konkreten Anlass an.

 

Nachkriegsmief wegrocken

 

1970 war er noch ein Niemand, der sich in diversen Bands ausprobierte und sein Geld als Sessionmusiker am Schlagzeug verdiente, etwa für die „Tatort“-Titelmelodie mit Klaus Doldinger. Wenige Jahre später wurde er zum Star: Seinen Durchbruch feierte er 1973 mit „Alles klar auf der Andrea Doria“, dem ersten großen Hit aus Rockmusik mit deutschen Texten. Das ist zugleich der Endpunkt des Films.

 

Im Kino gab es jüngst sehr prominente Beispiele dafür, wie gut Popstar-Biographien auf der Leinwand funktionieren. Wenn „Bohemian Rhapsody“ (2018) über den Queen-Sänger Freddie Mercury und „Rocketman“ (2019) über Elton John Kasse machen und wichtige Preise abräumen, warum sollte das nicht auch mit dem „ersten deutschen Rockstar“ klappen? Das titelgebende Ding bei „Lindenberg! Mach dein Ding“ ist: den Mief der Kriegsgeneration in der Muttersprache wegrocken und dabei die eigenen Träume verwirklichen.

 

Ambitionierte TV-Produktion mit Längen

 

Schauspieler Jan Bülow trägt die Gegen-alles-Haltung, die Huntgeburth bei ihrem Udo ins Zentrum rückt, tatsächlich wie eine zweite Haut; egal, ob er lustig bedruckte Unterwäsche anzieht oder Schlaghose und „Panik“-Gürtel. Bülow zeigt den jungen Lindenberg als jemanden, der von nichts überzeugt ist außer von der eigenen Großartigkeit – und der deswegen gegen alles andere in Abwehrhaltung geht.

 

Tatsächlich ist der Hauptdarsteller selbst ein Hit. Huntgeburths Film wird dem Mythos des Aufmüpfigen insgesamt jedoch nicht gerecht. Formal fügt er sich in das Einerlei deutscher Kinoroutine; meist wirkt er wie eine überambitionierte TV-Produktion. Bei einer Laufzeit von zwei Stunden und 15 Minuten gibt es deutliche Längen, die mit ein wenig visuellem Zirkus überspielt werden.

 

Nicht nur im Westen wichtig

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Miles Davis – Birth of the Cool“ – hervorragende Doku über die Jazz-Legende von Stanley Nelson

 

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und hier einen Bericht über den Film „Bohemian Rhapsody“ – harmlos biederes Biopic über die Rockband Queen + Freddie Mercury von Bryan Singer

 

und hier einen Beitrag über den Film „Gundermann“ – gelungen facettenreiches Biopic über den DDR-Liedermacher von Andreas Dresen.

 

Dabei ist der Stoff Gold wert. Lindenberg wurde ein Jahr nach Kriegsende in Gronau in Westfalen geboren. Seine Geschichte damals und seine Prominenz heute machen ihn zum idealen Vehikel, um deutsche Zeitgeschichte aufzurollen. „Lindenberg! Mach dein Ding“ versucht das natürlich, aber es klappt nicht wirklich – nicht zuletzt, weil Lindenberg sich eben nicht nur als Figur der alten Bundesrepublik interpretieren lässt.

 

Schließlich hatte er spätestens mit dem „Sonderzug nach Pankow“ (1983) für viele Rockfans in der DDR eine vielleicht noch größere Bedeutung als für bundesdeutsche. Doch sein erstes Album, das auf den Spitzenplatz der Charts kam, erschien erst lange nach der Wiedervereinigung: „Stark wie Zwei“ von 2008. Im Film sitzt Udo einmal im bunten Jackett einer Riege von faden Krawattenträgern seiner Plattenfirma gegenüber: dort businessorientiertes Establishment, das zugleich als Sehnsuchtsverwalter der Nation fungiert – hier der aufmüpfige Rocker.

 

Marktgängiges Rebellentum

 

Die Stimmung am monströsen Besprechungstisch ist ähnlich schützengrabenhaft wie an Weihnachten bei der Familie Lindenberg – mit dem Unterschied, dass sich die beiden Parteien über das Geschäftliche in Null Komma nichts einig werden. Die Szene ist ein perfektes Sinnbild für die Grundambivalenz von Pop: das marktkonforme Zurechtbiegen des Dagegen-Seins. In diesem Film fällt dieser Konflikt jedoch schnell und bereitwillig unter den Konferenztisch. Der echte Udo ist Beweis genug, wie gut das Spiel immer noch funktioniert.