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Ricky (Kris Hitchen) ist auf seinen Liefertouren immer in Eile. Liza Jane (Katie Proctor) begleitet ihren Vater. ©: Joss Barratt. Fotoquelle: NFP marketing & distribution*

Sorry we missed you


(Kinostart: 30.1.) Rundfahrt durch die Welt der Scheinselbstständigen: Ein Paketzusteller steht derart unter Stress, dass er das Glück seiner Familie ruiniert. Regisseur Ken Loach, Altmeister des sozialen Realismus, inszeniert einen Horrorfilm über alltägliche Demütigungen.


„Wir zahlen keine Löhne, sondern ein Honorar. Sie sind nicht angestellt, sondern arbeiten selbstständig. Und natürlich können Sie jederzeit selbst entscheiden, ob sie zur Arbeit kommen oder nicht.“ So begrüßt der Filialleiter (Ross Brewster) der Logistik-Firma PDF in Newcastle seinen neuen Mitarbeiter Ricky (Kris Hitchen); der kann es kaum abwarten, seinen Job als Paketzusteller anzutreten. Das Wichtigste sei, frei zu sein, sagt Ricky –  und spricht damit das Leitmotiv des Films aus.

 

Info

 

Sorry we missed you

 

Regie: Ken Loach,

101 Min., Großbritannien/ Frankreich/ Belgium 2019;

mit: Kris Hitchen, Debbie Honeywood, Rhys Stone

 

Website zum Film

 

Freiheit gibt es in der hier dargestellten Arbeitswelt allenfalls in den Worthülsen derer, die sie anderen schmackhaft machen wollen. So wird der Vater zweier Kinder bald erfahren, dass die Worte seines Chefs nur eine Illusion beschreiben, an die er selbst nicht glaubt, wie seine verbitterte Mine andeutet. Das Publikum ahnt ebenso, dass hier etwas faul ist – schließlich sieht es einem Film von Ken Loach zu.

 

Keine Spur von Selbstbestimmung

 

Der britische Regisseur ist berühmt für seine schnörkellosen Sozialdramen, in denen er die Härten der neoliberalen Arbeits- und Gesellschaftsordnung aufspießt, indem er ihre Folgen für den Einzelnen vorführt. Schnell wird deutlich, dass Rickys neuer Job keine Selbstbestimmung bietet, sondern Ausbeutung pur.

Offizieller Filmtrailer


 

Tägliche 14-Stunden-Schicht

 

Sein Arbeitgeber übernimmt weder die Kosten für Krankenversicherung noch für Ausrüstung. Den nötigen Lieferwagen kann Ricky nur anschaffen, weil seine Frau Abby (Debbie Honeywood) dafür ihren Pkw verkauft, obwohl sie als selbstständige Altenpflegerin eigentlich auf den Wagen angewiesen ist. Nun muss sie mit dem Bus fahren – und kann selbst kaum ihre Termine einhalten.

Wie sich die so genannte Flexibilisierung der Arbeitswelt auf das Leben der Beschäftigten auswirkt, ist Thema dieses Films – oder besser: auf das, was von ihrem Leben übrig bleibt. Rickys Freiheit bedeutet de facto, sich freiwillig völlig überladenen Routenplänen zu unterwerfen, die ihn täglich bis zu 14 Stunden lang im Laufschritt Pakete ausliefern lassen. Wenn der Empfänger nicht anwesend ist, muss er erneut kommen: „Sorry we missed you“ („Schade, dass wir sie verpasst haben“) lautet der Standardtext auf seinen Notizzetteln – wie der Filmtitel.

 

Menschen als Opfer, nicht Komplizen

 

Rickys Überforderung wirkt sich allmählich auf seine Familie aus. Seine Gattin Abby kann seine ständige Gereiztheit wegen Erschöpfung kaum noch ertragen. Sein pubertierender Sohn Sebastian verdrückt sich in eine Sprayer-Jugendgang und fliegt wegen kleiner Delikte beinahe von der Schule. Nur Tochter Liza Jane hält bedingungslos zu ihrem Vater und begleitet ihn auf seinen Touren – was aber unzulässig ist.

 

Dass Ken Loach die psychologischen und sozialen Folgen dieses Schuftens mit fast sadistischer Konsequenz ausmalt, ist typisch für seinen Regiestil: Er will den Benachteiligten oder prekären Existenzen eine Stimme geben. Als Anwalt der kleinen Leute sieht er aus etwas altmodisch-altlinker Perspektive Menschen stets als Opfer eines Systems – aber nicht auch als deren Komplizen. Denn die Unterwerfung unter aktuelle Formen der Ausbeutung geht einher mit der eigenen Unfähigkeit, sich kollektiv zu wehren – zum Bespiel mithilfe von Gewerkschaften.

 

Aus Zeitmangel in Plastikflasche pinkeln

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Ich, Daniel Blake“ – eindrucksvolles Drama über kafkaeske Sozial-Bürokratie von Ken Loach, prämiert mit der Goldenen Palme 2016

 

und hier eine Besprechung des Films „Jimmy’s Hall“ – Klassenkampf-Drama im Irland der 1930er Jahre von Ken Loach

 

und hier einen Bericht über den Film „Angels’ Share – Ein Schluck für die Engel“ – feuchtfröhliche Whisky-Komödie von Ken Loach

 

und hier einen Beitrag über den Film „Speed – Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ – informative Doku über Alternativen zum Turbo-Kapitatlismus von Florian Opitz.

 

Rickys Unfähigkeit, sich gegen Unzumutbares aufzulehnen, macht an manchen Stellen den Film schwer erträglich. Man sieht dem notorisch überforderten Ricky dabei zu, wie er einen Rückschlag nach dem anderen erleidet, und sich immer mehr von seiner Frau und seinen Kindern entfremdet. Wie er ständig von seinem Chef angebrüllt und einmal auf seiner täglichen Tour sogar ausgeraubt und verprügelt wird.

 

Ebenso gebeutelt wird auch der Zuschauer – „Sorry we missed you“ wirkt manchmal wie ein Horrorfilm über alltägliche Schrecken. Doch statt Schockeffekten wird hier nur die gewöhnliche Brutalität täglicher Demütigungen eines Kurierfahrers gezeigt, der aus Zeitmangel in eine Plastikflasche pinkeln muss.

 

Sehenswert für Online-Besteller

 

All das könnte etwas weniger dramatisches Pathos und ein bisschen mehr Humor vertragen. Dennoch gelingt dem inzwischen 83-jährigen Regisseur eine eindrucksvolle Darstellung der psychischen und sozialen Folgen der so genannten „Gig Economy“, in der Pseudo-Selbstständige sich um jeden kleinen Einzelauftrag bemühen müssen. Damit macht Loach ökonomische Zusammenhänge sichtbar, die oft ignoriert werden. Das ist verdienstvoll und sehenswert – gerade für diejenigen, die genervt sind, wenn ihr Paket mal wieder nicht rechtzeitig ausgeliefert wird.



Von Philipp Rhensius, veröffentlicht am 27.01.2020





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