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Michael Suter (Vinicio Marchioni) und Anna Martini (Sabine Timoteo) kommen sich vermeintlich näher. Foto: Filmperlen Filmverleih

Cronofobia


(Kinostart: 20.2.) Aluminiumschwere Entfremdung in der Schweiz: Ein Dienstleistungs-Tester mit Schuldgefühlen stellt einer jungen Witwe nach. Das inszeniert Regisseur Francesco Rizzi in einer aseptischen Schweiz unter Neonlicht – quälend langsam und zäh.


Das Interessanteste an diesem Film ist sein Titel: Chronophobie nennt man die krankhafte Angst vor dem Vergehen der Zeit, das als zu schnell empfunden wird. Als Gefühl, dass die Ereignisse zu rasch vorüberziehen, so dass man sie kaum miterleben und verarbeiten kann. Ist das in unserer Epoche ständiger medialer Überforderung nicht ein Massenleiden? Chronophobie als conditio sine qua non des digitalen Zeitalters?

 

Info

 

Cronofobia

 

Regie: Francesco Rizzi,

93 Min., Schweiz 2018;

mit: Vinicio Marchioni, Sabine Timoteo, Giorgia Salari

 

Weitere Informationen

 

Ob und wie die Protagonisten von „Cronofobia“ davon heimgesucht werden, bleibt offen. Den Zuschauer befällt jedoch nach einer Weile das gegenteilige Übel: Leiden am zu langsamen Verstreichen der Filmzeit. Alles erscheint so zäh – und wenn etwas geschieht, dann war es sehr vorhersehbar. Da möchte man öfters die Figuren stupsen oder rütteln: Nun hab‘ Dich nicht so und mache endlich etwas, damit die Chose vorankommt – wir haben nicht ewig Zeit!

 

Kleintransporter mit Schminktisch

 

Michael Suter (Vinicio Marchioni) ist professioneller Tester von Dienstleistungen; etwa Beratungsgesprächen in Fachgeschäften oder dem Zimmerservice in Hotels. Dazu fährt er wie ein Vertreter kreuz und quer durch die Schweiz zu seinen Einsatzorten; allerdings in einem Kleintransporter, der wie ein Wohnmobil ausgestattet ist, samt Bett und Dusche. Sowie einem Schminktisch, an dem er mit Perücken und falschen Bärten sein Aussehen verändert wie ein Agent oder Privatdetektiv: ein Mann mit tausend Gesichtern, aber ohne Identität.

Offizieller Filmtrailer OmU


 

Verfolgt von dunklem Geheimnis

 

Anna (Sabine Timoteo) ist Friseurin. Nach Feierabend vergräbt sich in ihrem Eigenheim; sie trauert um ihren verstorbenen Mann. Indem sie so tut, als lebe er noch; bei jeder Mahlzeit stellt sie ein zweites, leeres Gedeck auf den Esstisch. Dieser jungen Witwe stellt Michael nach: Er parkt vor ihrem Haus, beobachtet sie durch die Fenster oder sucht sie inkognito an ihrem Arbeitsplatz auf. Aber er ist kein Stalker; ihn verbindet mit ihr, was Klatschpostillen üblicherweise ein „dunkles Geheimnis“ nennen.

 

Annas Gatte war Bankmitarbeiter; nachdem er von Michael der Unterschlagung überführt wurde, beging er Selbstmord. Nun plagen den Profi-Tester Schuldgefühle; er will das Unglück irgendwie wieder gutmachen, indem er die Nähe der Hinterbliebenen sucht. Das enthüllt in der Mitte des Films Michaels Vorgesetzte (Giorgia Salari), weil sie ihn unbedingt wieder auf betrügerische Beschäftigte ansetzen will, was er lange verweigert. Als er schließlich einwilligt, verläuft sein erster Testkauf in einem Sportgeschäft ähnlich fatal.

 

Stoiker trifft Nervenbündel

 

Doch die Verkettung von Schuld und Sühne interessiert Regisseur Francesco Rizzi weniger als die Annäherung zweier emotional Versehrter. Die ihnen naturgemäß schwer fällt in dem aseptischen Ambiente, das Rizzi inszeniert: eine Schweiz aus lauter anonymen Nicht-Orten wie Einkaufszentren, Autobahn-Raststätten und Parkplätzen. Klinisch rein, auf Hochglanz poliert, austauschbar und stets in Neonlicht getaucht. So kalt war die Welt meist schon im Autorenfilm der 1980er Jahre.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Dene wos guet geit“ – subtile Satire auf Geldgier in der Schweiz von Cyril Schäublin

 

und hier einen Bericht über den Film „Ein Sommersandtraum“ – leichtfüßige Beziehungskomödie aus der Schweiz von Peter Luisi

 

und hier einen Beitrag über den Film „Die Farbe des Ozeans“ – intensives Flüchtlings-Drama auf Gran Canaria von Maggie Peren mit Sabine Timoteo.

 

Kein Wunder, dass sich Michael überall wie ein Fremder fühlt – und es explizit sagt. Denn spielen kann er seine Entfremdung nicht: Vinicio Marchioni stapft so stoisch ausdruckslos durch den Film wie weiland Clint Eastwood durch klassische Italo-Western. Um des Kontrastes willen verordnet Regisseur Rizzi seiner Partnerin das andere Extrem: Sabine Timoteo gibt mit drastischem Overacting ein Nervenbündel, das zwischen Ausrastern und Apathie pendelt.

 

Statt Küssen in den Swingerclub

 

Dass zwischen beiden die Chemie stimmen und sie einander näher kommen könnten, wirkt nie plausibel. Aber das Drehbuch verlangt das: Also sagen sie es in banalen Sentenzen mit bedeutungsschwangeren Pausen auf.

 

Wobei manche Szenen ebenso konstruiert wirken: Einmal zertrümmert Anna mit einem Hammer das Seitenfenster von Michaels Wagen – es ist in der nächsten Einstellung wundersamerweise wieder heil. Oder sie wehrt seine Küsse ab – schleppt ihn aber flugs in einen Swingerclub, den sie mit ihrem Gatten aufgesucht hatte. Wiederholungszwang zerstört zarte Bande.

 

Diese verhinderte Liebesgeschichte bleischwer zu nennen, wäre falsch; dazu fehlt ihr die tragische Fallhöhe. Eher aluminiumschwer – eisig glänzend, aber auch matt und stumpf. Dafür eignete sich als Filmtitel besser „Melancholia“, doch der ist seit 2011 vergeben: an ein Meisterwerk von Regisseur Lars von Trier.



Von Anne-Katrin Müller, veröffentlicht am 18.02.2020





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