Essen

Der montierte Mensch

Tony Oursler: Studie für Fap0s, 2016, 194,9 × 279,6 × 78,5 cm; Fotoquelle: Folkwang Museum, Essen

Zwischen Fortschrittsbegeisterung und Maschinenstürmerei: Die Angstlust vor und an der Technik ist seit mehr als 100 Jahren ein wichtiges Thema der bildenden Kunst. Ihre Geschichte zeichnet das Museum Folkwang nach – anschaulich und am Ende ausfransend.

„I want to be a Machine“, schmetterte die Band „Ultravox“ auf ihrem Debütalbum 1977. Im Folgejahr veröffentlichten „Kraftwerk“ ihr Konzeptalbum „Die Mensch-Maschine“ über die künftige Mutation zu fremdgesteuerten Automaten: New Wave und Synthie-Pop beerdigten in der Populärkultur die Naturseligkeit der Hippies.

 

Info

 

Der montierte Mensch

 

08.11.2019 – 15.03.2020

täglich außer montags

10 bis 18 Uhr,

donnerstags + freitags bis 20 Uhr

im Museum Folkwang,
Museumsplatz 1, Essen

 

Katalog 38,90 €

 

Weitere Informationen

 

 

Die Angstlust, durch technische Innovationen Wohlstand und Handlungsspielräume enorm zu vergrößern, aber zugleich die Menschlichkeit einzubüßen, reicht in den Künsten zurück bis zu den Anfängen der Industrialisierung. Davon zeugt Mary Shelleys Roman „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“ über einen künstlichen Menschen, der sich gegen seinen Schöpfer empört. Er erschien bereits 1818 – als Abrechnung mit wissenschaftlicher Hybris im Gewand der Schauerromantik.

 

Arbeiter-Ameisen + Maschinen-Kolosse

 

Der bildenden Kunst drängte sich Technik als Thema erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts auf: Inzwischen prägten riesige Fabriken als Kathedralen der Arbeit die städtische Lebenswelt. Das führt sehr prägnant die Ausstellung im Museum Folkwang mit Fotografien vor, die einst in unmittelbarer Nachbarschaft entstanden: In den ausgedehnten Fertigungshallen der Essener Krupp-Werken erschienen die Arbeiter zwischen Maschinen-Kolossen wie entbehrliche Ameisen.

Impressionen der Ausstellung


 

Verschmelzung von Mensch + Motor

 

Bereits in den 1880er Jahren hatten Fotografen wie Eadweard Muybridge und Étienne-Jules Marey menschliche Bewegungsabläufe mit Kameras in Einzelbilder zerlegt: Die neuen Apparate machten bislang Ungesehenes sichtbar und ermöglichten damit seine Manipulation – etwa zur Optimierung von Arbeitsvorgängen zur Produktivitätssteigerung.

 

Nach 1900 schlugen sich manche Kunstströmungen ganz auf die Seite der Ingenieurskunst: „Bereiten wir die bevorstehende und unvermeidliche Verschmelzung des Menschen mit dem Motor vor“, proklamierte 1911 Filippo Tommaso Marinetti, selbsternannter Vordenker der italienischen Futuristen. Seine Aufforderung zur Selbstabschaffung war zwar reichlich verfrüht, brachte aber mitreißende Kunstwerke hervor: Euphorischer als in den Bildern und Plastiken mit wirbelnden Kraftlinien von Giacomo Balla oder Umberto Boccioni sind Dynamik des Aufbruchs und Rausch der Geschwindigkeit wohl nie gefeiert worden.

 

Technik-Visionen fürs Theater

 

Ähnlich technikbegeistert waren Konstruktivisten in Deutschland und Russland, doch sie drückten das mathematisch-geometrisch aus. Interessanterweise häufig für Theater und Ballett: Dafür waren Kostüm- und Kulissen-Entwürfe so unterschiedlicher Künstler wie Oskar Schlemmer, Alexandra Exter oder El Lissitzky gedacht. Offenbar galt ihnen die Bühne als Experimentierfeld für ihre Visionen vom ‚Neuen Menschen‘ – diese Tradition führt in direkter Linie zur Gestaltung heutiger Computerspiele, wie die Schau anschaulich zeigt.

 

Gleichzeitig wurde radikale Technikkritik laut – geradezu ätzend bei den Dadaisten. „Der wildgewordene Spießer Heartfield“ (1920) von George Grosz und John Heartfield ist ein verstümmelter Gliederpuppen-Torso, behängt mit Accessoires technisierter Gewalt: Anstelle des Kopfes leuchtet eine Glühbirne, von der Schulter baumelt eine Pistole, eine Saugglocke ersetzt ein Bein, und im Schritt der Figur hängt ein Gebiss. Welch‘ sympathischer Zeitgenosse!

 

Der Mensch als Industriepalast

 

Während in den 1920er Jahren linksgerichtete Agitprop-Künstler wie Franz Wilhelm Seiwert ausgebeutete Arbeiter als stilisierte Schemen darstellten, griffen in Forschung und Verwaltung mechanistische Metaphern Platz. Etwa in „Das Leben des Menschen“ (1922/31), dem fünfbändigen Hauptwerk des Mediziners Fritz Kahn, einem Autor populärwissenschaftlicher Bestseller: Seine Auffassung vom Menschen als „leistungsfähigster Maschine der Welt“ fand in der beliebten Info-Grafik „Der Mensch als Industriepalast“ (1926) weite Verbreitung.

 

Solche Maschinen-Menschen ließen sich leicht zu Kanonfutter degradieren. Zurecht hebt die Schau hervor, wie totalitäre Regime der 1930/40er Jahre technischen Fortschritt als Vehikel für Enthumanisierung und Aufrüstung nutzten: Die Ästhetiken von Propagandaplakaten im faschistischen Italien, der Sowjetunion und dem Dritten Reich ähneln sich sehr.

 

Robot-Dancer gegen Ballett-Tänzer

 

Ins Auge springt dieser Zusammenhang bei Walter Ruttmann: Der frühere Avantgarde-Regisseur („Berlin – Die Sinfonie der Großstadt“) drehte nach 1933 für die NS-Machthaber. Im Film „Metall des Himmels“ (1935) gehen hektisch geschnittene Aufnahmen von Stahlwerken und Munitionsbetrieben nahtlos in Geschützfeuer und Bombenhagel über.

 

Nach dem Zweiten Weltkrieg war einerseits Waffentechnik diskreditiert: Engagierte Kunstwerke gegen den Atomtod sind Legion. Andererseits faszinierte die aufkommende Kybernetik durch ihre Selbststeuerung via Feedbackschleifen: Der Franzose Nicolas Schöffer baute in den 1950/60er Jahren rollende Skulpturen, die sich mithilfe von Sensoren selbst bewegten. Sie ließ er gegen Ballett-Tänzer antreten; dabei wirkten seine „robot dancer“ eher hüftsteif.

 

Hausfrau im Küchen-Würgegriff

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung „Globale: Ryoji Ikeda + Transsolar + Tetsuo Kondo + HA Schult“ – drei simultane Digitalkunst-Ausstellungen im ZKM, Karlsruhe

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung „Playtime“ mit Kunst zur Veränderung der Arbeitswelt im Lenbachhaus, München

 

und hier einen Bericht über das Digitalkunst-Festival „Transmediale 2015 – Capture All“ im Haus der Kulturen der Welt, Berlin

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung „Bios – Konzepte des Lebens in der zeitgenössischen Skulptur“ im Georg Kolbe Museum, Berlin

 

und hier eine Besprechung der Doku „Jean Tinguely“ von Thomas Thümena – informatives Film-Porträt des archetypischen Maschinen-Künstlers.

 

Ebenfalls in den 1950er Jahren konstruierte Jean Tinguely Maschinen, die abstrakte Bilder kritzeln konnten, etwa „Meta-Matic No. 10“ von 1959 – 58 Jahre vor dem aktuellen Zeichen-Roboter von Goshka Macuga und Patrick Tresset, der gleichfalls automatisch vor sich hin malt. Ein Indiz, dass schon vor einem halbem Jahrhundert viele Ansätze und Motive entwickelt worden sind, die immer noch die Beschäftigung von Künstlern mit Technik prägen.

 

In den 1970er Jahren kam hingegen feministische Kritik an der Technik auf: als Instrumenten von Sexismus und Diskriminierung. Etwa in Helen Chadwicks origineller Fotoserie „In the Kitchen“ (1977): Sie sperrte sich selbst in Nachbauten einer Waschmaschine oder eines Herdes ein – eine Hausfrau im Würgegriff der weißen Ware.

 

Keine Maschinenkritik ohne Maschinen

 

Diesen Thesen und Topoi haben zeitgenössische Künstler trotz Digitalisierung und Computerisierung scheinbar wenig Neues hinzuzufügen. Tony Ourslers mannshohe Köpfe, bei denen Sinnesorgane von Monitoren ersetzt werden, beeindrucken durch ihre schiere Größe – gehen aber kaum über den 26 Jahre alten „Andy Warhol Robot“ hinaus, den Nam June Paik aus lauter TV-Geräten zusammensetzte.

 

Das ist symptomatisch für diese Ausstellung: Die Traditionslinien in der Moderne von Begeisterung für und Kritik an Technik bis in die 1960/70er Jahre zeichnet sie sehr einprägsam nach. Danach erscheint die Werkauswahl diffus und etwas beliebig – so unübersichtlich wie die Gegenwart selbst. Was daran liegen mag, dass selbst die eifrigste Maschinenstürmerei heutzutage nicht mehr ohne massiven Einsatz von Rechenmaschinen auskommt.