Bremen

Ikonen – Was wir Menschen anbeten

Kehinde Wiley: Porträt von Malak Lunsford, 2019, 101,6 x 60,96 cm; © Kehinde Wiley 2019. Fotoquelle: Kunsthalle Bremen

Gott ist tot, es lebe die Kunst: Die Sinnstiftung, die früher Religion bot, beansprucht heute der Kunstbetrieb. Diesen Geltungstransfer führt die Kunsthalle vor – anhand von 60 Werken in je einem Raum. So ambitioniert wie erhellend; inklusive Verzettelung.

Ikonen im Dutzend billiger: Das Modewort „ikonisch“ wird inzwischen fast wahllos benutzt. Alles Mögliche soll damit aufgewertet werden: von Architektur und Design über Stars und Sternchen bis zu Konsumgütern aller Art. Was nur denkbar ist, weil echte Ikonen in säkularisierten Gesellschaften ihre Funktion verloren haben; Andachtsbilder dienen immer seltener dem Gebet. Ihre transzendente Aura wird nun von allerlei Profanem in einer Art Bedeutungs-Vampirismus aufgesogen.

 

Info

 

Ikonen – Was wir Menschen anbeten

 

19.10.2019 – 01.03.2020

täglich außer montags

10 bis 18 Uhr,

dienstags bis 21 Uhr

in der Kunsthalle, Am Wall 207, Bremen

 

Begleitheft gratis,
Katalog 35 €

 

Weitere Informationen

 

Diese parasitäre Beziehung wird besonders deutlich im Verhältnis von Religion und moderner Kunst als ihrer „Alleinerbin“, wie sie der Kunsthistoriker Hans Belting genannt hat: Je mehr die alleinselig machende Autorität der Kirche verblasste, desto stärker trumpften die Künstler auf. Das an Glaubensgewissheiten zweifelnde Bürgertum des 19. Jahrhunderts wandte sich einer Kunstreligion zu; es erhoffte sich von Kunstwerken spirituelle Erfahrungen. Dieser Geltungsanspruch besteht im Prinzip fort: Jede Arbeit will die definitive Darstellung ihres Sujets sein – und ihr Schöpfer der allmächtige Demiurg seiner eigenen Bedeutungswelt.

 

Aura ohne Ablenkung

 

Das ist ein fast unüberschaubar facettenreiches Thema. Um es in eine Ausstellung zu packen, treibt die Bremer Kunsthalle enormen Aufwand. Mit einem kühnen Kunstgriff: Sie hat das gesamte Haus leer geräumt und präsentiert in 60 Räumen jeweils nur ein einziges Exponat – auf dass seine auratische Kraft konzentriert auf den Betrachter wirken möge.

Feature zur Ausstellung. © Kunsthalle Bremen


 

Wenig Sakralkunst, viele Zitate

 

Dafür greift der Titel „Ikonen – Was wir Menschen anbeten“ eigentlich zu kurz. Es geht weniger um herkömmliche Kultbilder als vielmehr darum, wie sich die Aufladung von Artefakten mit Bedeutung im Lauf der Zeit entwickelt und verändert hat. Deshalb hält sich die Schau mit Sakralkunst im engeren Sinne nicht lange auf: eine russische Ikone, ein mittelalterlicher Reliquien-Schrein, eine Frührenaissance-Madonna, ein barockes Franziskus-Bild und „Ecce Homo“ von 1821 – das war’s.

 

Die übrigen Räume füllen Werke der klassischen Moderne und zeitgenössischen Kunst, die auf markante Weise die Motive und das Prestige religiöser Bildproduktion zitieren, fortschreiben – oder auch parodieren. Etwa als Künder einer neuen Formenwelt: Kasimir Malewitsch platzierte sein „Schwarzes Quadrat“ 1915 in genau der Zimmerecke unter der Decke, wo in russischen Haushalten traditionell die Heiligen-Ikone hängt. Wassily Kandinsky wollte mit abstrakten Kompositionen eine Art Epiphanie erzeugen: „Der Heilige Geist ist nicht gegenständlich zu erfassen, sondern nur ungegenständlich.“

 

Joseph Beuys ist bereits unsterblich

 

Ähnliche Erfahrungen sollte die Farbfeldmalerei von US-Künstlern wie Barnett Newman und Mark Rothko oder die Monochromie des Franzosen Yves Klein auslösen: die Leuchtkraft reiner Farben als spirituelles Erlebnis. Daran schließt heutzutage James Turrell an, der komplette Räume mit diffusem Farblicht füllt – Erleuchtung durch Eintauchen. Oder der japanische Fotograf Hiroshi Sugimoto: Seine Schwarzweiß-Aufnahmen der Weltmeere laden zur Reflexion über das zeitlose Walten der Elemente ein.

 

Wer Ewigem nachspürt, verleiht sich oft selbst höhere Weihen. Vincent van Gogh porträtierte sich als Schmerzensmann mit angedeutetem Nimbus in der imitatio Christi. Joseph Beuys erklärte jede Aktion zur künstlerischen Tat; auf die Frage, ob er unsterblich werden wolle, antwortete er: „Ich bin es bereits.“ Marina Abramović walzt in Performances alltägliche Handlungen exzessiv aus und stilisiert sich damit zur Grenzerfahrungs-Märtyrerin.

 

Hip-Hop-Tänzer im Goldrahmen

 

Andere bedienen sich bei religiösen Bildformeln für sehr diesseitige Zwecke: Katharina Fritsch mokiert sich mit einer quietschgelben Gipsmadonna über Sakral-Kitsch. Noch ungenierter geht der US-Künstler Kehinde Wiley vor: Er porträtiert Schwarze wie den Hip-Hop-Tänzer Malak Lunsford fotorealistisch in ihrem aktuellen Outfit – aber in Posen von Heiligen oder Renaissance-Fürsten, eingefasst in gotisch anmutende Goldrahmen. So wird jeder Promi im Nu zum imponierenden Altmeister-Idol.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung „Modern Icons – Malerei aus der Sammlung Ludwig – interessante Themen-Schau im Ludwig Forum, Aachen

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung „Kraftwerk Religion – Über Gott und die Menschen“ – facettenreiche Schau im Deutschen Hygiene-Museum, Dresden

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung „zeigen, verhüllen, verbergen – Schrein“ – Themen-Schau „zur Ästhetik des Unsichtbaren“ im Kolumba, Kunstmuseum des Erzbistums Köln

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung „James Turrell“ – große Werkschau des Lichtkünstlers im Museum Frieder Burda, Baden-Baden

 

und hier eine Kritik des Films „Beuys“ – Doku-Porträt des Aktionskünstlers aus Archivmaterial von Andreas Veiel.

 

Diese Inflationierung des Ikonischen verfolgt die Schau in etlichen Ausprägungen – und verzettelt sich damit. Nicht jede Andenken-Sammlung ist ein Hausaltar für private Verehrung. Nicht jede Handelsmarke wird zum Kultobjekt, nur weil der Hersteller es gern so hätte. Und die Flut von Selbstdarstellern in Sozialen Medien als „Ikonisierung des Ichs“ zu deuten, verwässert den Begriff vollends: Würde jeder zur Ikone seiner selbst, gäbe es keine Bewunderer mehr.

 

40 Stimmen in 40 Boxen

 

Solche Trivialisierung entwertet auch Arbeiten, die tatsächlich Schauer des Ergriffenseins hervorrufen können. In der Klanginstallation von Janet Cardiff wird eine Renaissance-Motette von 40 Sängern vorgetragen. Jede Stimme erklingt aus je einem Lautsprecher; diese geistliche Musik hört sich an jeder Stelle im Raum anders an. Ähnlich hypnotisch wirkt die Installation „Lapis“ von James Whitney: Er filmte 1966 mit unzähligen Punkten bemalte und rotierende Glasscheiben. Untermalt von Raga-Melodien, erscheinen sie wie Mandalas zur Meditation.

 

Allein durch seine schieren Ausmaße überwältigt das wandfüllende Gemälde des dänischen Künstlers Alexander Tovborg. Die komplexe Komposition „Mann und Jeanne d’Arc (Das Gleichgewicht)“ in giftigen Neonfarben erinnert mit ihrer schroffen Symmetrie an altamerikanische Monumental-Reliefs – Ehrfurcht gebietend, da kaum zu entschlüsseln.

 

Kuratoren als Hohepriester

 

In dieser Panorama-Schau über den Sinntransfer von Religion zu Kunst fehlt nur ein Exkurs zur Rolle von Kuratoren: Wie Hohepriester weihen sie Werke mit Renommee und dekretieren Interpretationen in einem Jargon, der Laien meist unverständlich bleibt. Mit Erfolg: Solange das Publikum ihm glaubt, herrscht der Kunstbetriebs-Klerus unangefochten.