Corneliu Porumboiu

La Gomera – Verpfiffen & Verraten (The Whistlers)

Gangsterbraut Gilda (Catrinel Marlon) küsst den korrupten Polizisten Cristi (Vlad Ivanov), um die Ermittler zu täuschen. Foto: Alamode Filmverleih

(Kinostart: 13.2.) Pfeifkonzert: Ein rumänischer Polizist lernt auf der Kanaren-Insel nonverbale Verständigung. Der ambitionierte Genre-Mix von Regisseur Corneliu Porumboiu aus Gauner-Komödie, Neo-Noir-Thriller und Sozialkritik wirkt reichlich überkonstruiert.

Pfeifen als Kulturtechnik ist ziemlich aus der Mode gekommen, wie etwa auch die Maultrommel oder Mundharmonika. Eckensteher, die zum Zeitvertreib ein Liedchen pfeifen, sieht und hört man kaum noch; heute tippen sie eher auf Smartphones herum. Auch lokale Pfeifsprachen zur Kommunikation über weite Distanzen, von denen es weltweit rund 70 geben soll, fristen nur noch einen Nischendasein – wenn sie nicht bereits in Vergessenheit geraten sind.

 

Info

 

La Gomera – Verpfiffen & Verraten (The Whistlers)

 

Regie: Corneliu Porumboiu,

98 Min., Rumänien/ Frankreich/ Deutschland 2019;

mit: Vlad Ivanov, Catrinel Marlon, Rodica Lazar

 

Weitere Informationen

 

El Silbo Gomero, das auf der Kanaren-Insel La Gomera verwendet wird, war Mitte der 1970er Jahre praktisch ausgestorben. Dann wurde es als authentisches Kulturgut der einstigen Guanchen-Ureinwohner wiederentdeckt, von der Regierung zum Pflichtfach in allen Schulen der Insel gemacht und von der UNESCO zum immateriellen Weltkulturerbe erklärt. Heutzutage soll es immerhin 22.000 Personen geben, die diese Sprache beherrschen.

 

Pfeifen soll Polizei-Kollegen täuschen

 

Ebenfalls wie eine Fördermaßnahme wohlmeinender Kulturbürokraten wirkt der El-Silbo-Schnellkurs, den der korrupte rumänische Polizist Cristi (Vlad Ivanov) als Hauptfigur des Films absolviert. Denn der Anlass für Cristis Kurztrip nach La Gomera zum Spracherwerb erscheint abseitig: An seinem Dienstort Bukarest wird er ständig beschattet und überwacht. Also soll er beredt pfeifen lernen, damit ihn seine Kollegen nicht verstehen, wenn er mit der Drogenmafia kommuniziert, der er heimlich zuarbeitet.

Offizieller Filmtrailer


 

Versuchter Duschen-Mord wie in „Psycho“

 

Das klingt hanebüchen und bleibt es auch im Fortgang des Films. Zwar eignet sich Cristi, offenbar ein Naturtalent, die komplizierte Pfeiftechnik samt umfangreichem Vokabular in Windeseile an – doch im letzten Drittel des Films hat er nur drei oder vier Mal Gelegenheit, seine frisch erworbenen Fremdsprachenkenntnisse einzusetzen. Solch ein kurz angetippter und dann vernachlässigter Gimmick wäre in einer grellen Gauner-Komödie, in der ohnehin alles zu dick aufgetragen ist, kein Problem – solange er für ein paar Lacher sorgt.

 

Doch Regisseur Corneliu Porumboiu hat viel mehr im Sinn: eine Neo-Noir-Hommage an Krimis der Schwarzen Serie. Also lässt er Femmes Fatales als eiskalte Engel die Sache deichseln: etwa die Gangsterbraut Gilda (Catrinel Marlon), die wie eine der berühmtesten Rollen von Rita Hayworth heißt, oder Cristis Chefin Magda (Rodica Lazar), die an Marlene Dietrich erinnern soll. Alle Protagonisten spucken so lakonische Sentenzen aus, als soufflierte ihnen Humphrey Bogart. Und ein versuchter Messermord unter der Dusche darf als Referenz an „Psycho“ von Hitchcock auch nicht fehlen.

 

Millionen nicht unter, sondern in Matratzen

 

Zugleich knüpft Porumboiu an seine früheren Filme an, mit denen er ein wichtiger Vertreter des rumänischen Neorealismus wurde. „Police, adjective“ (2009) handelte von absurd kleinteiligen Fahndungsmethoden als bitterer Parabel auf Geheimdienst-Paranoia im Postkommunismus – in „La Gomera“ hängt über jeder Tür eine Überwachungskamera. In „Der Schatz“ (2016) gruben sich zwei Glücksritter im eigenen Garten durch Rumäniens verschüttete Vergangenheit, anstatt die ersehnte Goldkiste zu finden. Diesmal sind die Drogengeld-Millionen, denen alle nachjagen, ausgerechnet in Matratzen des Billig-Motels „Opera“ versteckt – wo im Foyer klassische Arien erklingen.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Der Schatz“ – gelungene Postkommunismus-Parabel von Corneliu Porumboiu

 

und hier einen Bericht über den Film „Police, adjective“ – subtile rumänische Geheimdienst-Parabel von Corneliu Porumboiu

 

und hier einen Beitrag über den Film „Mir ist es egal, wenn wir als Barbaren in die Geschichte eingehen“komplexes Theater-im-Film-Historiendrama über Rumäniens faschistische Vergangenheit von Radu Jude.

 

Die Spatzen pfeifen es von den Dächern: Hier verhebt sich ein Regisseur an einem Mix unvereinbarer Genres. Da nimmt es nicht wunder, dass der eher simple Plot – Cristi will Bandenboss Paco austricksen und dessen Handlanger Zsolt ausschalten, der als einziger das Geldversteck kennt, um schließlich mit Gilda und der Kohle durchzubrennen – mit verschachtelten Szenen und Rückblenden erzählt wird, um ihn mit Bedeutung aufzuplustern. Zudem spielen alle Akteure vermeintlich ein doppeltes Spiel, was alles heillos verrätselt.

 

Wiedersehen in Singapur

 

Möglichen Spaß am Entschlüsseln von Motiven und Seitenwechseln vereitelt Porumboius Regiestil: reduziert und elliptisch, wobei das Wesentliche ganz beiläufig erscheint. Das taugt für messerscharfe Satiren über Rumänien heute, aber kaum für spielerische Sex-and-Crime-Persiflagen. Dadurch wirken manche Momente schlicht albern: Cristis Mutter tritt als kettenrauchender Vamp auf, spendet aber einen Batzen Schwarzgeld der orthodoxen Kirche. Mitten in ein Gangster-Treffen platzt plötzlich ein Filmregisseur auf Locations-Suche hinein.

 

Und der Schluss verabschiedet sich vollends von jeder Plausibilität: Gilda lockt Cristi fürs Wiedersehen aus unerfindlichen Gründen nach Singapur in einen Park mit glamouröser Multimedia-Show. Da bleibt nicht nur dem Held die Spucke weg: Dieser arg überkonstruierte Film pfeift zwar nicht auf dem letzten Loch, doch er ächzt recht kurzatmig unter der Last übergroßer Ambitionen.