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Alles so schön bunt hier: Offenbar farbkorrigierte Kirchtürme des Solowezki-Klosters auf den gleichnamigen Inseln im Weißen Meer, ab 1923 Teil des GULAG. Foto: colourFIELD (Anton Elchaninov) /Filmwelt Verleih

Russland von oben


(Kinostart: 27.2.) Elf Zeitzonen in zwei Stunden: Die Doku-Regisseure Höfer und Röckenhaus überfliegen das größte Land der Erde. In der kondensierten Kino-Version ihrer TV-Serie ist jedoch kaum Raum für Hintergrundinformationen – alles wirkt arg idyllisch.


Das neue Bild der Erde: Die Entwicklung preiswerter Drohnen hat den Blick auf unseren Planeten stark verändert. Früher waren spektakuläre Luftaufnahmen nur mittels aufwändiger und teurer Flugzeug- oder Helikopter-Flüge möglich; nun schmückt sich jede Low-Cost-Doku mit beeindruckenden Panoramabildern. Überdies ist ein neues Subgenre entstanden: Filme allein aus der Vogelperspektive, bei denen die Kamera nonstop durch die Lüfte segelt.

 

Info

 

Russland von oben

 

Regie: Petra Höfer und Freddie Röckenhaus,

120 Min., Deutschland 2019;

 

Weitere Informationen

 

Zu dessen Pionieren zählt das Dokumentarfilmer-Duo Petra Höfer, die 2017 starb, und Freddie Röckenhaus. Ihre ab 2010 im ZDF ausgestrahlte Serie „Deutschland von oben“ mit insgesamt 17 Folgen war ein großer Publikumserfolg; 2012 kam eine Leinwand-Version in die Kinos. Auch „Russland von oben“ basiert auf einer fünfteiligen TV-Reihe mit insgesamt 215 Minuten Laufzeit, die bereits 2018/19 im ZDF zu sehen war; jede Folge hatte im Schnitt rund sechs Millionen Zuschauer.

 

Großes Vertrauen in Kraft der Bilder

 

Die zweistündige Kinofassung ist also auf etwa die halbe Länge eingedampft und soll einige zuvor ungesendete Aufnahmen enthalten. Normalerweise werden Filme anders vermarktet: erst mit einem Kinostart, dann durch Zweitverwertung im Pantoffelkino. Wenn eine Doku, die bereits millionenfach angeschaut wurde und zudem in der ZDF-Mediathek bis Ende 2028 kostenlos aufrufbar ist, trotzdem noch einmal regulär ins Kino kommt, dann müssen die Macher schon sehr auf die Kraft ihrer Bilder vertrauen.

Offizieller Trailer zur TV-Serie


 

Rascher Schauplatz-Wechsel

 

Lohnt dieses Best-of den Kauf einer Kinokarte? Kameraflüge über Bergketten, Steppen oder Flussläufe wirken auf der großen Leinwand natürlich eindrucksvoller als auf einem Bildschirm – obwohl viele Menschen inzwischen LCD-Fernseher besitzen, deren Ausmaße einem Heimkino ähneln. Zudem behält der Kinofilm die Struktur der ZDF-Serie in kondensierter Form bei; fast alle ihrer Schauplätze sind abermals zu sehen, aber kürzer.

 

Was problematisch erscheint: Die TV-Fassung war in Regionen unterteilt und konnte deren Eigenheiten vertiefen. Der Kinofilm springt geographisch rasch hin und her; mal wird genau angegeben, wo die Aufnahmen entstanden, mal nicht. Da fällt manches Interessante unter den Tisch: Bei den malerischen Dünen der „Chara Sands Wüste“ östlich des Baikalsees hebt sich deren gelber Sand effektvoll von der bläulichen Kodar-Bergkette im Hintergrund ab. Dass diese Mini-Wüste eigentlich nur ein Sandbecken von sechs Kilometer Länge und drei Kilometer Breite ist, bleibt ungenannt.

 

Eisschwimmer, Nomaden + Surfer

 

Ähnlich bei Städten: Nur über und in den Metropolen Moskau und St. Petersburg verweilt der Film länger – sowie dem Badeort Sotschi am Schwarzen Meer; vermutlich, weil Ansichten der „russischen Riviera“ wohlige Urlaubsgefühle auslösen. Von wichtigen Millionenstädten wie Wolgograd, Kasan, Nowosibirsk oder Wladiwostok erhascht die Kamera nur ein paar Eindrücke im Vorbeifliegen.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „The Death of Stalin“brillante Sowjetunion-Satire von Armando Iannucci

 

und hier einen Bericht über den Film „Leviathan“ – fesselnde Tragödie über Staatswillkür in Russland unter Putin von Andrej Swjaginzew

 

und hier einen Beitrag über den Film „Der Duellist“ – historischer Abenteuerfilm aus Russland von Alexej Mizgirev.

 

Ausführlicher widmet sie sich jedoch Norilsk, der nördlichsten Großstadt der Erde: als Beispiel für die Besiedlung der Polarregion. Nur hier werden Raubbau an der Natur und enorme Umweltverschmutzung erwähnt, die mit der Ausbeutung von Bodenschätzen einhergehen. Ohnehin spielen Menschen keine große Rolle: Die einzigen, denen sich die Kamera auf Sichtweite nähert, sind Eisschwimmer in Petersburg, nomadische Rentier-Züchter – und Surfer im fernöstlichen Kamtschatka.

 

Endloses Freiluftgehege

 

Gut aus der Luft beobachten lassen sich dagegen Tiere. Ob Singschwäne im Wolgadelta, Antilopen in Kalmückien am Kaspischen Meer oder Seelöwen-Kolonien am Pazifik – Russland erscheint wie ein endloses Freiluftgehege. Weite Teile des Riesenreichs sind eben kaum besiedelt; solche Landstriche wirken wie unberührte Paradiese. Dazu tragen auch unnatürlich intensive Farben bei: Nirgends scheint Gras so saftgrün und das Meer so tiefblau zu sein wie in Russland – untermalt von einem oft aufdringlich dramatischen Score.

 

Neben solchen Idylle-Stereotypen bietet der Film auch ungewohnte und unbekannte Einblicke: etwa in die rauchenden Krater der 29 aktiven Vulkane auf der Halbinsel Kamtschatka. Oder auf die Wehrtürme in Kaukasus-Republik Inguschetien; sie erinnern an die Geschlechtertürme in Norditalien. Spektakuläre Aufnahmen, gewiss: Wer aber nicht nur in Schauwerten schwelgen, sondern genauer wissen will, was er zu sehen bekommt, der ist mit den dreieinhalb Stunden in der ZDF-Mediathek besser bedient.



Von Renée-Maria Richter, veröffentlicht am 25.02.2020





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