Berlin + Bernried

Unzertrennlich – Rahmen und Bilder der Brücke-Künstler

Ernst Ludwig Kirchner: Marzella (Detail), 1909-1910, Öl auf Leinwand, Moderna Museet, Stockholm. Fotoquelle: Brücke-Museum

Nicht aus dem Rahmen fallen: Ohne ihn könnte kein Bild an der Wand hängen. An der harmonischen Einheit beider Komponenten lag den Expressionisten sehr. Das zeigt eine originelle Ausstellung im Brücke- und Buchheim-Museum – mit reichlich Tischlerei-Jargon.

Sie sind unersetzliche Gehilfen aller Maler und Galeristen: Ohne Bilderrahmen bliebe keine Leinwand straff gespannt, könnte kein Meisterwerk an der Wand hängen. Rahmen gibt es in allen Größen, Formen und Farben – meist aus Holz, neuerdings auch aus Metall oder Kunststoff. Als Einfassung tragen Rahmen erheblich zur Wirkung von Bildern bei.

 

Info

 

Unzertrennlich –
Rahmen und Bilder der Brücke-Künstler

 

16.11.2019 – 15.3.2020

täglich außer dienstags

11 bis 17 Uhr

im Brücke-Museum, Bussardsteig 9, Berlin

 

Katalog 49,95 €

 

Weitere Informationen

 

Wiederentdeckt!
Rahmen und Bilder der Brücke-Künstler

 

28.03.2020 – 05.07.2020

täglich außer montags

10 bis 17 Uhr

im Buchheim-Museum, Am Hirschgarten 1, Bernried am Starnberger See

 

Weitere Informationen

 

Schmale Leisten lassen sie visuell beinahe mit der Hängefläche verschmelzen. Pompös beschnitzte Ornamente sollen sie zur Kostbarkeit aufwerten: Zuweilen ist eine Miniatur in einen mächtigen Goldrahmen eingelassen, als sei sie das Juwel in einer Schmuckschatulle – wobei häufig das Bildmotiv optisch fast erschlagen wird. Das andere Extrem bilden Leinwände, die nur auf Keilrahmen gespannt wurden: Nichts lenkt vom Bild ab, doch solche Minimallösungen erscheinen leicht dürftig oder ärmlich.

 

Längst fällige Rehabilitierung

 

Trotz ihrer tragenden Rolle für die Malerei werden Rahmen im Kunstbetrieb gewöhnlich wenig beachtet. Aus diesem Schattendasein will sie das Brücke-Museum herausholen: mit einer Ausstellung, die ihnen genauso viel Aufmerksamkeit wie den Bildmotiven zubilligt. Ein äußerst verdienstvolles Vorhaben und längst fälliger Akt der Rehabilitierung; anschließend wandert die Schau ins Buchheim-Museum in Bernried am Starnberger See, das ebenfalls auf Expressionismus spezialisiert ist.

 

Diese Kunstströmung bietet sich für einen systematischen Vergleich von Bildern und Rahmen an, denn die Brücke-Maler griffen nicht zu Konfektionsware, sondern entwarfen ihre Bilderrahmen meist selbst – und waren dabei sehr experimentierfreudig. Das Berliner Museum kann sich also ausgiebig bei den hauseigenen Bestände bedienen, begnügt sich aber nicht damit; es hat zusätzlich europaweit besonders eigenwillig gerahmte Werke ausgeliehen.

Impressionen der Ausstellung


 

Wie Montage-Anleitung aus Baumarkt

 

Zu Beginn erhält jeder Besucher ein Glossar-Blatt, das alle Fachbegriffe mit Zeichnungen veranschaulicht – ähnlich wie eine Montage-Anleitung aus dem Baumarkt. Ein unerlässliches Utensil, denn nun taucht man ein in die wundersame Welt einer stolzen Handwerkskunst. Anstelle von Motiv-Erklärungen füllen die Bildlegenden solche Erläuterungen wie etwa: „Plattenrahmen auf Stoß, verzapft; Lichtbereich auf Gehrung ausgeklinkt; rückseitig äußerer Steg auf Gehrung, innerer Steg auf Stoß; die inneren Stegleisten bilden den Falz.“

 

Keine Sorge: Dieser Tischlerei-Jargon lässt sich mithilfe der Glossar-Skizzen problemlos entschlüsseln. Aufschlussreicher sind aber Wandtexte zur Wechselwirkung von Gemälden und Rahmen-Gestaltung. Wie zuvor schon die Impressionisten setzten die Brücke-Maler anfangs auf die neutrale Anmutung weißer Holzrahmen, etwa bei der ersten Ausstellung ihrer Gruppe 1906 – in einem Dresdener Lampengeschäft.

 

Kirchner als Rahmen-Wechsler

 

Bald gingen sie aber zu bunt oder schwarz gestrichenen Rahmen aus einfachen Nadelholz-Brettern über. Die ließen sie unbehandelt, so dass Aststellen und Maserung sichtbar blieben; der rohe und raue Look entsprach ihrer spontanen Malweise. Solche schwarzen Bretterrahmen wurden später von Sammlern und Museen gegen repräsentativere Exemplare ausgetauscht; bei manchen Exponaten weist die Schau anhand historischer Fotografien mit geradezu detektivischem Spürsinn nach, wann und warum das geschah.

 

Ein eifriger Rahmen-Wechsler war Ernst Ludwig Kirchner: Zuweilen überstrich er einen goldbronzenen Rahmen nachträglich schwarz, weil ihm das passender erschien. Oder er bemalte den Rahmen mit denselben Farben wie denen des Gemäldes, um eine optische Einheit herzustellen, wie bei seinem Porträt des Sammlers und Mäzens Carl Hagemann (1928/32).

 

Wellenlinien + Facetten-Bänder

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung „Emil Nolde: Eine deutsche Legende – Der Künstler im Nationalsozialismus“ über die NS-Verstrickung des Künstlers im Hamburger Bahnhof, Berlin

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung „Max Pechstein – Künstler der Moderne“ – solide Werkschau im Bucerium Kunst Forum, Hamburg

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung „Farbenmensch Kirchner“ – gelungene Retrospektive von Ernst Ludwig Kirchner in der Pinakothek der Moderne, München

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung „Karl Schmidt-Rottluff – Bild und Selbstbild“ – Werkschau der Porträts in Wiesbaden und Berlin.

 

Das lebensgroße Bildnis einer Frau Hembus von 1932 sah ursprünglich in seinem mit roten und grünen Schlieren bedeckten Rahmen sehr lebendig aus. Der jetzige Besitzer hat dem Bild einen breiten Goldrahmen verpasst, wodurch es eher statisch und steif wirkt.

 

Einen Schritt weiter ging Karl Schmidt-Rottluff: Er setzte Messer oder Hobel an und schnitzte Ornamente in seine Holzrahmen. Teils etwas unbeholfen: Die dünne Wellenlinie um seine „Frauen im Grünen“ von 1914 schlingert wie eine verunglückte Fingerübung. Doch bei anderen Werken beeindruckt das ausgefeilte geometrische Dekor, etwa die Facetten-Bänder der Rahmen zum Gemälde „Dorfecke“ (1910) oder „Der rote Weg“ (1911).

 

Schnitzkunst von Emil Nolde

 

Die hohe Schule der Rahmen-Veredelung beherrschte Emil Nolde. Er absolvierte ab 1884 eine vierjährige Lehre als Möbelschreiner, in der er auch klassische Muster der Kunstgeschichte kopierte und schnitzte. Das Gelernte wandte er ausgiebig an: Seine voluminösen schwarzen Rahmen sind prachtvoll mit Blattornamenten und Voluten verziert – quasi als expressionistische Version eines Prunkrahmens.

 

Angesichts all dieser Varianten entwickelt man bald ein Gespür für ihre unterschiedliche Wirkung: wie etwa ein Rahmen aus schlichten Rundstäben ein Bild hart vom Untergrund abgrenzt und ihm ein nahezu reliefartiges Gepräge verleiht. Inklusive Fortbildung: Wer beim nächsten Museumsbesuch fachkundig über Gehrung, Karnies und Mennige schwadroniert, dem dürften bewundernde Blicke sicher sein.