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Den Goldenen Bären für den iranischen Film "There Is No Evil" von Mohammad Rasoulof nimmt die Tochter des Regisseurs entgegen - und zeigt sein Bild auf dem Smartphone. © Piero Chiussi / Berlinale 2020. Fotoquelle: Berlinale.de

Verwelkter Vorschusslorbeer


Mit dem Goldenen Bären für „There Is No Evil“ von Mohammad Rasoulof kürte die Jury ein Polit-Drama hoch verdient zum Gewinnerfilm. Das neue Leitungs-Duo hat das Festival nur halbherzig reformiert; der zusätzliche „Encounters“-Wettbewerb wirkt überflüssig.


Ende gut, alles gut: Mit der Bären-Vergabe an ihrer meist würdige Wettbewerbs-Beiträge fand die 70. Berlinale, erstmals unter der Leitung von Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek, einen versöhnlichen Abschluss. Zuvor waren der Vorschusslorbeer, den Chatrian im Vorfeld mit Charme und der Ankündigung etlicher innovativer Filme erworben hatte, im Verlauf des Festivals rasch verwelkt. Insbesondere der neue Zweit-Wettbewerb „Encounters“ zog viel Kritik auf sich.

 

Info

 

70. Berlinale

 

20.02. – 01.03.2020

in diversen Spielstätten, Berlin

 

Website des Festivals

 

Die verstummte bei den Wettbewerbs-Preisen. „There Is No Evil“ ist der ideale Berlinale-Siegerfilm: hochpolitisch, formal interessant und inhaltlich bestechend konsequent. Der iranische Regisseur Mohammad Rasoulof darf als wohl schärfster Kino-Kritiker des Regimes in Teheran gelten: 2010 und 2019 wurde er verurteilt, musste seine Haftstrafen aber nicht antreten. 2017 erhielt er Ausreiseverbot – daher nahm den Goldenen Bären seine in Hamburg lebende Tochter entgegen.

 

Als vier Kurzfilme getarnt

 

Rasoulof arbeitet im Iran unter konspirativen Bedingungen. Er liefert sich mit der Zensur ein Katz-und-Maus-Spiel: „There is No Evil“ besteht aus vier Episoden, die jeweils als Kurzfilme eingereicht und genehmigt worden waren. Aber alle verbindet ein roter Faden: Wie gehen Menschen mit der Last um, zu Unrecht verurteilte Oppositionelle hinrichten zu müssen?

Offizieller Trailer des Siegerfilms "There Is No Evil"; © Films Boutique


 

Schuld + Sühne wie bei Ingmar Bergman

 

Das Spektrum reicht vom abgebrühten Bürokraten, der gleichmütig die Todesstrafe vollstreckt, über einen rebellierenden Wehrdienstleistenden, der sein eigenes Leben aufs Spiel setzt, bis zum gealterten Dissidenten, der durch Verweigerung seine Karriere zerstörte und seine Familie ins Exil zwang – ein Alter Ego des Regisseurs selbst.

 

Fragen von Schuld und Sühne stehen im Zentrum seines Schaffens; er nennt den großen schwedischen Moralisten Ingmar Bergman als Vorbild. Doch in seinen vorigen Filmen, etwa „Manuscript’s don’t burn“ (2013) oder „A Man of Integrity“ (2017), setzte Rasoulof das passagenweise etwas hölzern und thesenhaft um. Dagegen ist „There is No Evil“ rundum überzeugend: Jede Episode beleuchtet das Thema aus einem anderen Blickwinkel.

 

Regie-Bär für minimalistische Nicht-Regie

 

Den „Großen Preis der Jury“ erhielt der Kritiker-Favorit „Never Rarely Sometimes Always“ von Eliza Hittman: Sie lässt eine 17-Jährige mit ihrer Cousine aus der Provinz nach New York reisen, um eine Abtreibung vorzunehmen. Von zwei Sympathieträgerinnen in den Hauptrollen bis zum süffigen Indierock-Soundtrack hat dieser Jugendfilm alles, um seinem Zielpublikum zu gefallen – doch im Vergleich zu Rasoulofs existentiellem Drama könnte die Fallhöhe kaum größer sein.

 

Der Silberne Bär für die beste Regie ging an „The Woman Who Ran“ des koreanischen Minimalisten Hong Sangsoo – obwohl bei den langen statischen Einstellungen seiner Werke, in denen ausgiebig palavert wird, zuweilen fraglich scheint, ob überhaupt jemand Regie geführt hat. Dagegen hat der italienische Film „Favolacce“ die Auszeichnung für das beste Drehbuch völlig verdient: Die Brüder Fabio und Damiano D’Innocenzo porträtieren ihr Prekariats-Personal am Stadtrand von Rom so schonungslos wie liebevoll in den Abgründen des Gewöhnlichen.

Skype-Interview mit Regisseur Mohammad Rasoulof; © Berlinale


 

Silberner Bär für Ausdauerleistungssport

 

Der Silberne Bär für Paula Beer als beste Darstellerin im Berlin-Film „Undine“ von Christian Petzold darf wohl als Verbeugung vor dem Festival-Standort gelten. Anders der Bär für den besten Darsteller: Elio Germano verlieh dem Outsider-Künstler in „Volevo Nascondermi“ von Giorgio Diritti eindrucksvoll irrlichternde Präsenz. Der Sonderpreis „Silberner Bär 70. Berlinale“ ist eine Verlegenheitslösung: Im Februar wurde der seit 1987 vergebene Alfred-Bauer-Preis ausgesetzt – Medien hatten aufgedeckt, dass der Berlinale-Gründungsdirektor für die NS-Reichsfilmintendanz gearbeitet hatte.

 

Der neue Ersatz-Preis ging passenderweise an einen Verlegenheitskandidaten: In „Effacer l’historique“ („Den Verlauf löschen“) von Benoît Delépine und Gustave Kervern setzen sich kleine Leute gegen Internet-Giganten zur Wehr – für manche ist diese französische Komödie topaktuell, für andere zu aufgekratzt und klamottig. Keine Berlinale ohne Entscheidung, die Kopfschütteln auslöst: Der Silberne Bär für Kameramann Jürgen Jürges lässt sich nur als Anerkennung für Ausdauerleistungssport verstehen.

 

700 Stunden Film im Big-Brother-Stil

 

Jürges drehte beim größenwahnsinnigen DAU-Projekt des russischen Regisseurs Ilya Khrzhanovskiy: komplett umgebaute Häuserblocks als Kulissen, rund 400 Laien-Darsteller und drei Jahre Drehzeit, um die Stalin-Ära und ihre Folgen immersiv als Total-Gesellschaftspanorama nachzustellen. Neben dem zweieinhalbstündigen „DAU. Natasha“ im Wettbewerb über eine Kellnerin, die der KGB zu Spitzeldiensten zwingt, lief der Sechsstünder „DAU. Degeneratsia“ in der Sektion „Berlinale Special“. Insgesamt hat Jürges 700 Stunden Film für Khrzhanovskiy aufgenommen – wird dieses Soviet Scripted Reality TV im Big-Brother-Stil auch kommende Berlinalen füllen?

 

Ohnehin geht der Trend offenbar zu extrem langen Spielzeiten – als ob die Regisseure mit den Serien-Staffeln der Streaming-Dienste konkurrieren wollten. Acht Stunden lang beobachtet der Gewinnerfilm des neuen Encounters-Wettbewerbs „The Works and Days (of Tayoko Shiojiri in the Shiotani Basin)“ den Alltag einer Bauernfamilie. Für die beste Regie wurde „Malmkrog“ von Cristi Puiu prämiert: ein dreieinhalbstündiges Hörspiel-Feature mit Quasi-Standbildern über philosophisch-theologische Debatten in Russland um 1900.

 

Ausgezeichnet im Archiv verschwinden

 

Ähnliche Mammutwerke fanden sich auch in anderen Sektionen: Vier Stunden dauert der Forums-Film „Light in the Tropics“ über Fauna und Flora in Süd- und Nordamerika, drei Stunden „The Exit of Trains“ über ein Pogrom 1941 im rumänischen Iaşi – Regisseur Radu Jude lichtet fast nur Passfotos von Ermordeten ab. Diese Reihe ließe sich fortsetzen. Solche Filme haben nicht den Hauch einer Chance, regulär ins Kino zu kommen: Ist es Aufgabe des weltgrößten Publikumsfestivals, exzentrische Langläufer kleinen Zirkeln von Aficionados vorzuführen und mit Auszeichnungen zu adeln, bevor sie in den Archiven verschwinden?

 

Wobei die Zuordnung zu Sektionen immer undurchsichtiger wird. Als A-Festival dürfte die Berlinale im Wettbewerb nur Weltpremieren präsentieren – was für „Never Rarely Sometimes Always“ und „First Cow“ von Kelly Reichardt nicht zutraf. Wohl aber für fast alle Filme in der Reihe „Berlinale Special“: Sie war 2004 für zugkräftige Großproduktionen eingeführt worden, die bereits andernorts zu sehen waren, um Glamour und Stars in die Stadt zu holen.

 

Bizarres + Abseitiges bei „Encounters“

 

Inzwischen überrundet diese Sektion den Wettbewerb an Attraktivität. Ob „Minamata“ mit Johnny Depp als Starfotograf W. Eugene Smith, „Charlatan“ von Agnieszka Holland über einen tschechischen Kräuterheiler unter NS- und KP-Herrschaft, „Persian Lessons“ mit Lars Eidinger als KZ-Leiter, der Farsi lernen will, oder „Curveball“ – der wegen eines Copyright-Streits zurzeit nicht so heißen darf – von Johannes Naber über die Verstrickung des BND in den Ausbruch des zweiten Irakkriegs: Alle diese Filme hätten bestens in den Wettbewerb gepasst.

 

Alle erfüllen die Anforderungen des Berlinale-Profils: anspruchsvolles und engagiertes Kino, das relevante Sachverhalte beleuchtet und interessant aufbereitet. Das lässt sich von den 15 „Encounters“-Beiträgen kaum sagen: Neben dem hochgelobten Psychothriller „Shirley“ von Josephine Decker und den bereits genannten, überlangen Preisträgern umfassten sie viel Bizarres und Abseitiges. Etwa die wortlose Doku „Gunda“ von Victor Kossakovsky über Leben und Sterben von Schweinen und Hühnern. Oder die geschwätzige Weltreise „The Last City“ von Dauergast Heinz Emigholz, der ein lebenslanges Abo auf Berlinale-Sendeplätze zu haben scheint.

 

Wildwuchs im Programm lichten

 

Man könnte „Encounters“ als weitere Sumpfblüte im übervollen Berlinale-Bouquet abtun – würde dieser Wettbewerb zweiter Klasse nicht mediale Aufmerksamkeit und Publikum von den etablierten Sektionen „Panorama“ und „Forum“ abziehen. So kannibalisiert sich das Festival allmählich selbst. Da liegt nahe, den Wildwuchs im Programm stärker zu lichten: Chatrian und Rissenbeek haben bereits das „Kulinarische Kino“ und die „Native“-Reihe für Ethno-Filme aus indigener Sicht abgeschafft – dafür böten sich weitere Kandidaten an.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „A Man of Integrity – Kampf um die Würde“ – komplexes iranisches Korruptions-Drama von Berlinale-Gewinner Mohammad Rasoulof

 

und hier eine Besprechung des Films „Manuscripts don’t burn“ – lakonische Parabel über Geheimdienst-Morde im Iran von Mohammad Rasoulof

 

und hier eine Festival-Bilanz der 69. Berlinale 2019:„Schmallippiger Staatsbetrieb“

 

und hier eine Festival-Bilanz der 68. Berlinale 2018: „Behinderten-Sex im Bären-Portfolio“

 

und hier eine Festival-Bilanz der 67. Berlinale 2017: „Expansionskurs in der Sackgasse“

 

Wozu braucht die Kunstmetropole Berlin mit ihren 175 Museen und mehr als 300 Galerien das „Forum Expanded“ für schräge Filmkunst-Experimente in einem Ex-Krematorium im Stadtteil Wedding? Wieso muss „Berlinale Talents“, ein Art fünftägige Nonstop-Talkshow mit Branchengrößen für 250 Nachwuchs-high potentials, unter dem Berlinale-Label stattfinden? Auch die Retrospektive ließe sich weiter verschlanken: Viele der 35 Filme von Hollywood-Routinier King Vidor liefen vor halbleeren Sälen.

 

Vietnamkrieg im Bayerischen Wald

 

Wobei ein Blick zurück oft erhellend ist: Die aufschlussreichste Reihe war diesmal das Sonderprogramm, das sich das Forum zum 50. Jubiläum gönnte. Viele dieser Filme von 1970/71 waren handwerklich krude Agitprop-Streifen über Diskriminierung, Rebellion und Emanzipationsbewegungen – doch sie führten noch einmal vor Augen, welche drängenden Probleme und Sujets von der Berlinale zuvor ignoriert worden waren. Dafür wurde 1971 das „Internationale Forum des jungen Films“ gegründet.

 

Auslöser war ein nur 76-minütiger Schwarzweißfilm gewesen. Regisseur Michael Verhoeven hatte „o.k.“ mit blutjungen Darstellern, darunter der 16-jährigen Eva Mattes, in nur elf Tagen heruntergekurbelt. Im Bayerischen Wald spielten sie eine wahren Vorfall aus dem Vietnamkrieg nach: Sechs G.I. hatten 1966 eine Vietnamesin vergewaltigt und ermordet, waren aber nur zu kurzen Haftstrafen verurteilt worden. Der Jurypräsident, US-Regisseur George Stevens, lehnte den Film als antiamerikanisch ab; er wollte ihn aus dem Wettbewerb ausschließen.

 

Folgenreichster Beitrag aller Zeiten

 

Aus Protest zogen daraufhin andere Regisseure ihre Werke zurück – das Festival wurde ohne Preisvergabe abgebrochen und im Folgejahr völlig neu organisiert. Somit wurde „o.k.“ zum wohl folgenreichsten Berlinale-Beitrag aller Zeiten; er hat in der realen Welt allerhand verändert. Ob man das in 50 Jahren wohl von einem Film des Jahrgangs 2020 wird sagen können?



Von Oliver Heilwagen, veröffentlicht am 02.03.2020





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