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Die junge Ärztin Maryam (Mila Al Zahrani) präsentiert sich als neue Kandidatin für den Gemeinderat. Foto: © Neue Visionen Filmverleih

Die perfekte Kandidatin


(Kinostart: 12.3.) Wahlkämpferin wider Willen: Anstatt zu emigrieren, bewirbt sich eine Ärztin für den Gemeinderat. Was in Saudi-Arabien einem Spießrutenlauf gleicht: Regisseurin Haifaa Al Mansour zeichnet ein subtiles Bild der patriarchalen Verhältnisse.


Lokalpolitikerin aus Versehen: Eigentlich möchte die junge Ärztin Maryam (Mila Al Zahrani) zu einem Mediziner-Kongress nach Dubai fliegen. Mit Hintergedanken: Um sich dort auf eine bessere Stelle als in der Klinik ihrer saudischen Kleinstadt zu bewerben – sie liebäugelt also mit Arbeitsemigration, weil sie die provinzielle Enge in ihrer Heimat kaum ertragen kann.

 

Info

 

Die perfekte Kandidatin

 

Regie: Haifaa Al Mansour,

101 Min., Saudi-Arabien/
Deutschland 2019;

mit: Mila Alzahrani, Dae Al Hilali (Dhay), Nora Al Awadh

 

Weitere Informationen

 

Aus der Flucht in das vergleichsweise liberale Golf-Emirat wird nichts: Bei der Abfertigung am Flughafen werden Maryams Papiere nicht akzeptiert – trotz der Reiseerlaubnis, die ihr Vater Abdulaziz (Khalid Abdulrahim) ausgestellt hat. Doch er ist nicht für eine Bestätigung zu erreichen: Der Profi-Musiker befindet sich mit seinem Ensemble gerade auf einer dreiwöchigen Konzerttournee durchs Land; darauf musste er 20 Jahre warten.

 

Sprechzeit nur für Bewerber

 

Also fährt Maryam zur Stadtverwaltung, in der ein entfernter Cousin von ihr arbeitet – sie hofft, er könne ihr helfen. Dieser Rashid empfängt heute aber nur Bewerber für den Gemeinderat. Um vorgelassen zu werden, füllt Maryam widerwillig das Antragsformular aus – Rashid hat zwar Bedenken, nimmt es aber an. Somit fällt die Reise nach Dubai flach; stattdessen findet sich die junge, energische Frau mitten im Kommunalwahlkampf wieder.

Offizieller Filmtrailer


 

Videoclip mit Schmetterlingen

 

Für den hat sie ein Thema: Die Zufahrt zum Krankenhaus ist in sehr schlechtem Zustand; das kann im Notfall wertvolle Minuten kosten. Maryam fordert seit langem, die Straße solle asphaltiert werden. Doch der amtierende Gemeinderat Dr. Tarek hat andere Prioritäten: neue Shopping Malls, Parks und Kinderspielplätze – alles, was bei den Wählern gut ankommt.

 

Ihre one issue campaign treibt Maryam mit allen kostengünstigen Mitteln voran, die einem frischgebackenen Polit-Neuling in Saudi-Arabien zur Verfügung stehen. Vor allem E-Wahlkampf: Ihre selbstbewusste Schwester Selma (Dae Al Hilali), die als Fotografin auf Hochzeiten ihr Auskommen findet, produziert für Maryam einen hübsch bunten Youtube-Videoclip samt animierten Schmetterlingen. Das erregt insbesondere unter jungen Leuten Aufsehen, bringt deshalb aber noch keine Stimmen ein.

 

Monitor-Wahlrede zu Männern

 

Bei ihren Geschlechtsgenossinnen versucht es die Kandidatin auf traditionellem Weg: Eine Modenschau, musikalisch untermalt von einer bekannten Sängerin, sorgt für eine volle Festhalle. Nur interessieren sich die Damen mehr für Kleider und Make-up als für Maryams Reformprogramm. Ihr Auftritt vor Männern wird dagegen zum Spießrutenlauf: Um der Geschlechtertrennung Genüge zu tun, darf sie allein per Video-Übertragung zu ihnen sprechen. Als die Technik streikt und sie leibhaftig auftritt, schlägt ihr brüske Ablehnung entgegen.

 

Wahlmüde Westeuropäer dürfen staunen, was diese junge Frau alles auf sich nimmt, um ihr passives Wahlrecht in Anspruch zu nehmen. Wie manches andere, das saudischen Frauen erst vor kurzem zugestanden wurde: Sie dürfen Auto fahren und in gehobenen Positionen arbeiten, doch bis zur Verheiratung bleibt der Vater ihr Vormund. Sie dürfen im Lokalfernsehen unverschleiert für ihre Positionen werben, aber sich nicht mit männlichen Wählern im selben Raum aufhalten.

 

Feines Gespür für Diskriminierung

 

Regisseurin Haifaa Al Mansour zeigt nüchtern diese Widersprüche einer stockkonservativen Nation, die sich punktuell (turbo-)modernisiert, während sie in anderen Aspekten erzreaktionär bleibt. Sie ist selbst eine Pionierin: Ihr Kinodebüt „Das Mädchen Wadjda“ von 2012 war der erste Spielfilm, der komplett in Saudi-Arabien gedreht wurde.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Mary Shelley“schillerndes Biopic über die Frankenstein-Autorin von Haifaa Al Mansour mit Elle Fanning

 

und hier einen Bericht über den Film „Das Mädchen Wadjda“ – der erste saudi-arabische Frauen-Spielfilm, gedreht von Haifaa Al Mansour

 

und hier einen Beitrag über den Film „Barakah meets Barakah“romantische Komödie aus Saudi Arabien von Mahmoud Sabbagh

 

Vier Jahre darauf bewies sie mit dem facettenreichen Biopic „Mary Shelley“ über die Autorin des „Frankenstein“-Romans, dass sie ihr feines Gespür für Mechanismen weiblicher Diskriminierung auch auf andere Epochen und Kulturkreise übertragen kann.

 

Konzertabsage nach Bombendrohung

 

Mit „Die perfekte Kandidatin“ wendet sich die saudische Filmemacherin wieder der Lage in ihrer Heimat zu. Nicht für feministische Agitprop, sondern für eine präzise Bestandsaufnahme der dortigen Geschlechterverhältnisse, verfeinert mit einer Prise Humor. Der durchaus gallig ausfallen kann: Hier werden Volksmusik-Konzerte nicht wegen Corona-Viren abgesagt, sondern weil radikale Islamisten mit Bombenanschlägen drohen.

 

Dabei beschönigt Al Mansour nichts: Mithilfe ihrer Verwandten schlägt sich Maryam wacker, was Mila Al Zahrani mit beeindruckender Verve spielt. Doch gegen patriarchalische Zustände, in denen Ehemänner ihren Gattinnen die Wahlentscheidung vorschreiben, hat sie keine Chance. Am Ende ist wenigstens die Zufahrtsstraße zur Klinik geteert – und der Zuschauer um etliche Einblicke in diese so sittenstrenge wie verschlossene Gesellschaft reicher.



Von Anne-Katrin Müller, veröffentlicht am 09.03.2020





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