Anna Hepp

800 mal einsam – Ein Tag mit dem Filmemacher Edgar Reitz

Regisseurin Anna Hepp und Edgar Reitz. Foto: deja vu

(Kinostart: 5.3.) Baumwurzel mit Talblick: Mit seiner monumentalen „Heimat“-Trilogie hat Autorenfilmer Edgar Reitz fast im Alleingang die deutsche Vergangenheit kulturell rehabilitiert. Ihm widmet Anna Hepp ein arg improvisiertes und manieriertes Film-Porträt.

Edgar Reitz ist einer der bedeutendsten Regisseure des Neuen Deutschen Films – und einer seiner Gründerväter. Er zählte 1962 zu den Mitunterzeichnern des „Oberhausener Manifests“, das Papas Kino für tot erklärte. Mit Alexander Kluge gründete er das „Institut für Filmgestaltung“ in Ulm; beide führten auch mehrfach gemeinsam Regie.

 

Info

 

800 mal einsam – Ein Tag mit dem Filmemacher Edgar Reitz

 

Regie: Anna Hepp,

104 Min., Deustchland 2019;

mit: Edgar Reitz, Anna Hepp

 

Weitere Informationen

 

In den 1960/70er Jahren drehte Reitz rund 20 Kurz- und Langfilme mit wechselndem Erfolg. Das Scheitern von „Der Schneider von Ulm“ – die aufwändige Großproduktion über einen Flugpionier war ein Flop – stürzte ihn 1978 in eine existentielle Krise. Danach erfand er sich neu, wie ein Coach heutzutage sagen würde: mit dem Konzept für die TV-Trilogie „Heimat“.

 

Zwölfteiliger Straßenfeger

 

Darin spürte er seiner Herkunft aus dem Hunsrück nach: im fiktiven Dorf Schabbach, dass Reitz mit allerlei Figuren bevölkerte, die miteinander verwandt oder anderweitig verbandelt waren. Die zwölfteilige Fernsehserie „Heimat – Eine deutsche Chronik“, die ihren Werdegang vom Ende des Ersten Weltkriegs bis 1982 erzählte, wurde 1984 zu einem Straßenfeger: Ganz Westdeutschland erkannte sich in dieser Geschichte von unten wieder, die aus der Sicht kleiner Leute von den Wechselfällen des 20. Jahrhunderts erzählte.

Offizieller Filmtrailer


 

Auswanderer-Abschluss 2013

 

An diesen Überraschungserfolg konnte „Die zweite Heimat – Chronik einer Jugend“ bei ihrer Ausstrahlung 1992 nicht anknüpfen: In 13 Teilen deckte sie die Hoffnungen und Enttäuschungen der 1960er Jahre ab – doch so kurz nach der Wiedervereinigung hatten deutsche TV-Zuschauer andere Interessen. Dagegen war die zweite Staffel laut Reitz in Italien sehr beliebt, weil die porträtierten Künstler-Existenzen das dortige Publikum ansprachen.

 

Erst nach zwölf Jahren konnte er mit „Heimat 3 – Chronik einer Zeitenwende“ die letzte Staffel über die 1990er Jahre realisieren; dafür macht er überzogene Forderungen des produzierenden WDR verantwortlich. 2006 folgten „Heimat-Fragmente: Die Frauen“ und 2013 der grandiose Abschluss „Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht“. Sie schildert die Auswanderungswelle vor 1850 aus dem Hunsrück nach Amerika, vor allem nach Brasilien – eine fast vergessene Episode des 19. Jahrhunderts.

 

Film als Magnetfeld in dieser Welt

 

Dieser meisterhafte Historienfilm war nur kurz im Kino zu sehen: Reitz‘ präzise Vergangenheits-Recherche und unaufgeregte Inszenierung wirkten angesichts von Globalisierung und Digitalisierung ein wenig wie aus der Zeit gefallen. Dennoch: Seine insgesamt 30-teilige Mammut-Saga plus Prolog und Epilog sichert dem Regisseur eine Ausnahmestellung in der Filmhistorie. Und in der deutschen Kulturgeschichte: Er rehabilitierte den Heimat-Begriff – seither gilt die Beschäftigung mit eigenen Wurzeln nicht mehr als rückständig oder gar reaktionär.

 

Bis das in Anna Hepps Film-Porträt von Edgar Reitz zur Sprache kommt, dauert es eine ganze Stunde; zuvor lässt sie ihn über alles Mögliche reden. Da die Fragen meist weggeschnitten sind, wirken seine Antworten leicht sentenzenhaft, etwa: „Film ist ein Magnetfeld; das übrige Leben richtet sich danach aus.“ Oder: „Film ist eine Kunst von dieser Welt und muss sich in dieser Welt bewähren.“ Wohl wahr – aber in welchem Zusammenhang?

 

Stereotype Schnittbilder

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht“ – brillanter Historienfilm über Deutschland als Auswanderer-Armenhaus um 1850 von Edgar Reitz

 

und hier einen Bericht über den Film „Heimat ist ein Raum aus Zeit“ – resignative Geschichts-Dokumentation des 20. Jahrhunderts von Thomas Heise

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellungen „Alexander Kluge: Pluriversum + Gärten der Kooperation“ – Retrospektiven zum 85. Geburtstag des Filmemachers in Essen, Wien + Stuttgart.

 

Ihre akustische Abwesenheit macht Anna Hepp durch optische Überpräsenz wett: Kaum eine Einstellung, in der sich nicht nickend oder stirnrunzelnd Reitz‘ Ausführungen andächtig verfolgt. Oder sie lässt ihr Filmteam sich selbst filmen: mit stereotypen Schnittbildern von Händen, Mundwinkeln und Stuhlreihen, gerne in Zeitlupe, -raffer oder Loops. Solche sinnfrei manierierten Mätzchen würde sich der rigorose Realist Reitz nie erlauben.

 

Vermutlich will Hepp damit die Ödnis ihrer Schauplätze ausgleichen. Zwar hat sie nicht nur einen Tag, wie der Titel suggeriert, sondern drei Tage lang mit Reitz gedreht, aber nur an drei Orten: in der Lichtburg in Essen, einem der größten und schönsten deutschen Kinos, einer Kantine und im Wald oberhalb des Baldeneysees an der Ruhr. Da platziert sie ihn auf einer umgekippten Baumwurzel – doch trotz Talblick kommen keine elegischen Heimat-Gefühle auf. Und die Idee, mehr als 150 Kinosessel mit Porträtfotos von Reitz‘ Schauspielern und Weggefährten zu bestücken, kommentiert er knapp: „Eine schöne Versammlung!“

 

Auf ein Neues!

 

Alles erscheint hier arg improvisiert und unstrukturiert – also genau das Gegenteil von Reitz‘ äußerst durchdachter Regiekunst mit langem Atem. Bleibt zu hoffen, dass sich bald ein Dokumentarfilmer findet, der dem Lebenswerk des mittlerweile 87-Jährigen besser gerecht wird.