Stefan Ruzowitzky

Narziss und Goldmund

Narziss (Sabin Tambrea) und Goldmund (Jannis Niewöhner) sind wieder vereint. Foto: © 2019 Jürgen Olczyk / Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

(Kinostart: 12.3.) Odyssee statt Homoerotik: Regisseur Stefan Ruzowitzky adaptiert Hermann Hesses Klassiker als Abenteuerfilm. Die etwas hanebüchene Inszenierung wirkt am besten, sobald die Freundschaft von Narziss und Goldmund im Mittelpunkt steht.

Nur wenige deutschsprachige Schriftsteller werden auf der ganzen Welt so kultisch verehrt wie Hermann Hesse (1877-1962). Verfilmungen seiner Werke lehnte der äußerst produktive Autor und Nobelpreisträger zeitlebens ab: Er empfand sie als Degradierung der Literatur. Vielleicht deshalb finden sich in der Filmgeschichte nur zwei Beispiele, die zudem nicht besonders gelungen sind. Beide sind fast ein halbes Jahrhundert alt und dürften vor allem der eifrigen Hesse-Rezeption in Hippie-Kreisen geschuldet sein.

 

Info

 

Narziss und Goldmund

 

Regie: Stefan Ruzowitzky,

118 Min., Deutschland 2019;

mit: Jannis Niewöhner, Sabin Tambrea, Uwe Ochsenknecht

 

Website zum Film

 

Die Adaption von „Siddharta“ (1972) erregte seinerzeit vor allem in Indien wegen einer Nacktszene Aufsehen, wurde in Deutschland 1997 uraufgeführt und kam 2012 zu Hesses 50. Todestag erstmals in die Kinos. Die erstaunlich worttreue Verfilmung des sich eigentlich jeder Dramatisierung verweigernden Kultromans „Der Steppenwolf“ konnte 1974 immerhin mit dem legendären, kürzlich verstorbenen Schauspieler Max von Sydow in der Hauptrolle aufwarten.

 

Novize trifft Adeligen

 

Fast vierzig Jahre später wagt sich nun der Regisseur Stefan Ruzowitzky – für sein KZ-Drama „Die Fälscher“ bekam er 2008 einen Oscar – an eine Leinwandfassung von Hesses Erzählung „Narziß und Goldmund“ (1930). Die zählt zu den zentralen Werken des Schriftstellers, ist aber um einiges zugänglicher als seine epischen Romane. Ihren Ausgang nimmt die Geschichte im mittelalterlichen Kloster Mariabronn, wo ein Novize namens Narziss (Sabin Tambrea) auf den lebenslustigen Adelsspross Goldmund (Jannis Niewöhner) trifft.

Offizieller Filmtrailer


 

Triebe und das freie Leben

 

Die beiden verbindet bald eine enge Freundschaft. Der etwas weltfremde Narziss erkennt in dem sinnesfrohen Blondschopf sein Alter Ego und führt mit ihm lange Gespräche über den Sinn des Daseins. Für ihn ist eine Laufbahn als Geistlicher vorgezeichnet, während es Goldmund bald zurück in die Welt zieht. Er folgt den Spuren seiner Mutter, die die Familie auf der Suche nach einem freien Leben verlassen hat. Wie in der Romanvorlage lässt Goldmund fortan vor allem von seinen Trieben leiten – was ihm nicht nur Blessuren beibringt, sondern ihn sogar ein Auge kostet.

 

Bevor es dazu kommt, hat Goldmund ein Erweckungserlebnis: Eine Statue in einer Kirche erinnert ihn an seine Mutter. Er will fortan auch derart lebendige Skulpturen schaffen und geht beim Holzschnitzer Niklaus (Uwe Ochsenknecht) in die Lehre. Bald schon stellt er seinen Meister mit seinem bildhauerischen Talent in den Schatten. In dieser Zeit begegnet er zudem seiner großen Liebe Lene (Henriette Confurius). Während in den Städten die Pest wütet, leben die beiden einsam im Wald; das Mädchen wird dennoch von der Seuche dahingerafft.

 

Kein großer Wurf

 

Goldmund macht trotz des Verlusts weiter wie bisher und landet schließlich als gebrochener Mann im Gefängnis. Dort begegnet ihm Narziss als Beichtvater wieder. Er holt ihn zurück ins Kloster; Goldmund soll einen neuen Altar schnitzen. Dieser erfreut sich großer Beliebtheit, bis ein missgünstiger Mönch ihn anzündet – eine Figur übrigens, die bei Hesse nicht vorkommt, sondern für den Film erfunden wurde. Nachdem Goldmund vergeblich versucht hat, sein Werk zu retten, stirbt er in Narziss‘ Armen.

 

Den in der Vorlage angelegten homoerotischen Aspekt spielt Ruzowitzkys Film kaum aus; stattdessen konzentriert er sich auf die Odyssee des Lebenskünstlers Goldmund. Ein großer Wurf ist seine Adaption dabei nicht geworden; als literarischer Abenteuerfilm in mittelalterlichem Setting funktioniert er nicht annähernd so gut wie etwa Jean-Jaques Annauds Adaption von Umberto Ecos „Der Name der Rose“ (1986).

 

Buntes Mittelalter

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Siddharta“ – zwiespältige Verfilmung von 1972 des gleichnamigen Hermann-Hesse-Romans durch Conrad Rooks

 

und hier einen Bericht über den Film „Marketa Lazarová“ – beeindruckend authentisches Mittelalter-Epos aus dem Jahr 1967 von František Vláčil

 

und hier einen Beitrag über den Film „Es ist schwer, ein Gott zu sein“ – monumentale Mittelalter-Allegorie aus Russland von Alexej German.

 

Obwohl sich das Drehbuch über weite Strecken stark an der Romanvorlage orientiert, will Ruzowitzky offenkundig weg von Hesses schwülstigem Stil. Seinen Goldmund läßt er unbeschwert durch die Betten hüpfen; Jannis Niewöhner darf mehr als einmal seine trainierten Bauchmuskeln zeigen. Sogar als wikingerartiger Kreuzritter tritt er an einer Stelle in Erscheinung – was wie ein Anbiederungsversuch an ein junges, streaming-sozialisiertes Publikum wirkt.

 

Gedreht wurde unter anderem auf der mittelalterlichen Burg Hardegg. Das verleiht zumindest den entsprechenden Szenen Authentizität. Abgesehen davon wirkt Ruzowitzkys Mittelalter allzu bemüht bunt; zudem werden die kitschigen Bilder von süßlich-orchestraler Musik zugekleistert.

 

Köder für neue Leser

 

Zudem wirken etliche Details irritierend: Etwa, dass in einem Maleratelier plötzlich afrikanische Plastiken auftauchen – wofür auch immer das stehen soll. Für das Universelle des Künstlerberufs? Immerhin haben die Frauen im Film mehr Profil als bei Hesse, bei dem sie selten mehr als Stichwortgeberinnen für Goldmunds längliche Reflexionen sind.

 

Am besten funktioniert der Film, wenn er die tiefe Freundschaft des gegensätzlichen Paars schildert. Für Hesse-Jünger dürfte die Verfilmung ein weiterer Beleg sein, dass dessen Ablehnung von Verfilmungen berechtigt war. Vielleicht führt die Adaption zumindest neue Publikumsschichten an die Lektüre dieses Klassikers heran. Bei jugendlichen Sinnsuchern war der Autor ja immer beliebt.