Berlin

Raffael in Berlin: Die Madonnen der Gemäldegalerie + Meisterwerke aus dem Kupferstichkabinett

Raffael: (Detail) Maria mit dem segnenden Kind und den Heiligen Hieronymus und Franziskus, um 1502, Öl auf Pappelholz, 35,3 x 29,8 cm. © Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie / Jörg P. Anders. Fotoquelle: @smb-berlin

Unten Madonnen, oben Meister-Grafik: Zum 500. Todestag verteilen die Staatlichen Museen ihre Raffael-Bestände auf zwei Ausstellungen. Die kleinteilige Präsentation erstaunt, zeigt aber auch, wie wichtig Kupferstiche von Kollegen für die Popularisierung seines Werks war.

„Was für ein Streber!“ – Kuratorin Dagmar Korbacher vom Berliner Kupferstichkabinett muss lachen. Sie attestiert Raffael eine perfekte Persönlichkeit, die schon Künstlerbiograf Giorgio Vasari in höchsten Tönen lobte: Der 1483 geborene Maler sei immer freundlich, ausgeglichen und motivierend für seine Werkstattkollegen gewesen, dazu voller Anmut, Grazie und Perfektion in seinen Bilderfindungen. Uff!

 

Info

 

Raffael in Berlin – Die Madonnen der Gemäldegalerie

 

13.12.2019 – 26.04.2020

täglich außer montags

10 bis 18 Uhr,

donnerstags bis 20 Uhr

in der Gemäldegalerie, Kulturforum, Matthäikirchplatz, Berlin

 

Weitere Informationen

 

Raffael in Berlin – Meisterwerke aus dem Kupferstichkabinett

 

28.02.2020 – 01.06.2020

Täglich außer montags

10 bis 18 Uhr,

donnerstags bis 20 Uhr

im Kupferstichkabinett, Kulturforum, Matthäikirchplatz, Berlin

 

Weitere Informationen

 

Tatsächlich sucht man Düsteres, Dramatisches und genialisch Aufgewühltes bei diesem Renaissancekünstler vergeblich. Raffael harmonisiert, wo andere die Konflikte in ihren Werken steigern. Das mag man langweilig finden, doch Jahrhunderte lang wurde Raffael gerade deshalb von Künstlerschaft und Publikum als der „Göttliche“ verehrt.

 

Warum keine Kooperation?

 

Vor 500 Jahren starb er an seinem 37. Geburtstag in Rom. Zu diesem Anlass rücken Museen weltweit ihre Raffael-Bestände ins Rampenlicht; auch die Staatlichen Museen zu Berlin (SMB). Sie richten drei separate Ausstellungen aus: zwei Mini-Präsentationen in der Gemäldegalerie und eine Schau mit rund 100 Grafiken im Kupferstichkabinett. Eine merkwürdige Lösung: Hätte man Raffaels Werke nicht bündeln oder mit anderen großen Häusern in Dresden oder Frankfurt kooperieren können, die gleichfalls über bedeutende Arbeiten von ihm verfügen?

 

Nur eine Leihgabe aus London ist angereist: die winzige, aber lebhafte „Madonna of the Pinks“ aus der National Gallery. Sie war den Berliner Museen 1827 durch die Lappen gegangen, weil König Friedrich Wilhelm III. sie zu teuer fand. Jetzt sonnt sie sich im Reigen ihrer Gefährtinnen: farblich etwas kühler und frischer durch eine jüngst durchgeführte Restaurierung.

Impressionen aus beiden Ausstellungen


 

Jede Geste + Gefühlsnuance zählt

 

Die Madonna liest. Die Madonna tätschelt. Die Madonna hebt sanft ihre Hand. Grazil neigt sie ihren Kopf und dreht sich zur Seite. Sie senkt die Augenlider; Melancholie deutet sich an. Jede Geste zählt, jede Gefühlsnuance will erspürt werden: Diese Andachtsbilder sind nicht für flotten Fastfood-Kulturgenuss im 21. Jahrhundert gedacht. Wer etwas davon haben will, muss länger verweilen. In der Gemäldegalerie reihen sich auf weinrotem Fond fünf Madonnen-Gemälde und zwei Zeichnungen in chronologischer Folge aneinander. Finde die Unterschiede – was ändert sich, was bleibt gleich?

 

Alle vier Berliner Raffael-Madonnen sind frühe Werke; sie kamen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in die Sammlung. Reifere Werke waren damals schon nicht mehr auf dem Kunstmarkt erhältlich. Um sie zu unterscheiden, benennt man sie nach ihren Vorbesitzern. Die „Madonna Solly“ pinselte der Künstler noch vor seinem 18. Geburtstag, als er bei seinem Lehrer Pietro Perugino in Urbino arbeitete. Dieser galt selbst als einer der besten Künstler Italiens, geriet aber bald in den Schatten seines begabtesten Schützlings.

 

Der Perugino-Schüler malt sich frei

 

Anfangs folgte Raffaels Peruginos Vorbild, doch seine vorsichtige und etwas steife Übernahme von bewährten Gesichtstypen, Posen und gedämpften Farbstimmungen lockerte er allmählich auf. Auch die zunächst noch formelhaft und knapp eingefügten Landschaftsgründe gewinnen an luftiger Weite und atmosphärischem Schmelz. Wechselnde Formate zeugen dabei von der Bandbreite der Wünsche seiner Auftraggeber.

 

Nahezu lebensgroß thront die „Madonna Terranuova“ von etwa 1505 im innovativen Rundbildformat – ein erster Höhepunkt in Raffaels Schaffen. Mittlerweile war er nach Florenz umgezogen, wo er wissbegierig aktuelle Tendenzen studierte: Leonardos duftiges Sfumato und Michelangelos körperbetonte Inszenierungskunst hinterlassen Spuren in seinem Werk. Gewissenhaft bereitete der junge Raffael seine Malerei mit Zeichnungen vor, etwa mit einem wunderschönen Karton-Fragment des Madonnenkopfes. Er diente als 1:1-Vorarbeit für das Gemälde, ist extrem fein ausgeführt und hängt nun daneben.

 

Als habe jemand Licht angeschaltet

 

Fast skizzenhaft tupfte dagegen der junge Maler nur drei Jahre später die Bäume im Hintergrund der „Madonna Colonna“ hin. Überhaupt kommt jetzt richtig Schwung in die Sache: Mutter und Kind bewegen sich frei, die Konturen schwingen. Es scheint, als habe jemand das Licht angeknipst: Die dunklen Schatten sind weg, das Kolorit wirkt rosig und blühend. Im selben Jahr 1508 macht Raffael sich auf den Weg nach Rom: Der Papst ist auf den Jung-Star aufmerksam geworden.

 

Um sein Schaffen weiter zu verfolgen, müssen Besucher ein Stockwerk höher ins Kupferstichkabinett wechseln. Zuvor empfiehlt sich eine Stippvisite im Grafik-Separée der Gemäldegalerie. Hier ist ein skurriles Biopic aus dem 19. Jahrhundert zu sehen: Der Raffael-Fan Johannes Riepenhausen breitete in zwölf Radierungen fast filmisch die wichtigsten Lebensstationen seines Helden aus. Von der madonnenhaften Geburt bis zum frühen Tod aus: in schönliniger Nazarener-Romantik, gespickt mit tränenreichen Abschieden und schicksalhaften Begegnungen. Natürlich ist viel Phantasie dabei, aber die Fakten stimmen halbwegs.

 

Schnipsel des Werkstattalltags

 

Wie wichtig das Medium Grafik für die öffentliche Wahrnehmung Raffaels jahrhundertelang war, veranschaulicht die Schau im Kupferstichkabinett. Ihr Herzstück sind die sechs eigenhändigen Raffael-Zeichnungen im SMB-Besitz. Sie umspannen alle Etappen seines Schaffens bis ins letzte Lebensjahr. Da muss man näher treten und eventuell eine Lupe zücken: Dann kann man dem Genie bei der Ideen- und Formfindung über die Schulter blicken.

 

Nüchtern betrachtet sind sie diese heute so kostbar gehüteten Blätter nur Schnipsel des Werkstattalltags – mit Flecken und Gebrauchsspuren übersätes Entwurfsmaterial. So durchlöcherte der Künstler die Konturen seines Heiligen Petrus mit winzigen Nadelstichen, um die Form exakt mithilfe von Kohlestaub auf einen anderen Bildträger durchzupausen. Er wechselte von Feder zu Pinsel, von Rötel zu Kreidestift, um schnell zu skizzieren oder sorgsam auszuarbeiten.

 

Zusammenarbeit mit Dürer-Fälscher

 

Ob bewegte Apostelgruppe, verspielter Putto oder sich sinnlich räkelnder Gott Pluto: Beschriftungs-Täfelchen verraten, für welche Gemäldeprojekte die einzelnen Zeichnungen entstanden. Raffael nutzte sie nicht zuletzt als Hilfsmittel, um mit seinen zahlreichen Werkstattkollegen effizient und qualitätsbewusst zusammenzuarbeiten. Zwei der engsten Mitstreiter, Gianfrancesco Penni und Giulio Romano, sind mit ein paar eigenen Arbeiten vertreten. 

 

So effektiv, wie der päpstliche Hofmaler Raffael seine Ateliermannschaft in den römischen Jahren managte, popularisierte er auch sein Werk mit Hilfe von Druckgrafik. Da kommt der Kupferstecher Marcantonio Raimondi ins Spiel: Ihm räumt Kuratorin Korbacher den größten Teil der Ausstellung ein. Raimondi hatte Dürer-Motive gefälscht und war damit aufgeflogen, galt aber als bester Grafik-Profi Italiens.

 

Raffael + Raimondi als dreamteam

 

Ab 1510 bildeten Raffael und Raimondi offenbar ein dreamteam: Der Kupferstecher reproduzierte liniengetreu in Schwarzweiß wichtige Gemälde und Fresken des Malers. Ob der „Triumph der Galathea“ aus der Villa Farnesina oder der figurenreiche „Parnass“ aus den päpstlichen Privatgemächern im Vatikan: diese berühmten Bilder sind hier als Stiche versammelt, manche gleich mehrfach.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung „Die Sixtinische Madonna – Raffaels Kultbild wird 500“ – in der Gemäldegalerie Alte Meister, Dresden

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung „Das Jahrhundert Vasaris“ – mit Werken von Florentiner Zeichnern des Cinquecento in der Gemäldegalerie, Berlin

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung „Florenz und seine Maler – Von Giotto bis Leonardo da Vinci“ – in der Alten Pinakothek, München

 

Die Nachfrage nach Raffaels Werken befriedigten auch andere Grafiker; etwa Ugo da Carpi im brandneuen Medium des mehrfarbigen Chiaroscuro-Holzschnitts, das er sich patentieren ließ. Etliche für die Öffentlichkeit nicht zugängliche Meisterwerke Raffaels avancierten so zu Allgemeingut und entfalteten einen immensen Einfluss: Ohne Raimondis Grafiken sähe die europäische Kunstgeschichte anders aus.

 

Figuren für Manets „Frühstück im Grünen“

 

Ein Beispiel: Édouard Manet pickte sich noch 1863 aus einem Raimondi-Stich eine Figurengruppe heraus, um mit ihr sein berühmtes „Frühstück im Grünen“ zu inszenieren. Allerdings wirken auf heutige Augen all die vielen Kupferstiche, obgleich meist recht großformatig, reichlich spröde: Wir sind nicht mehr gewöhnt, ohne Farbe auszukommen.

 

Dadurch ist diese Schau eher etwas für Grafik-Liebhaber mit Freude an fein ziselierter Linienführung: Beim „Bethlehemitischen Kindermord“ drängen sich mehr als 20 Figuren in den wildesten Körperdrehungen. Doch die Brutalität des Mordens, das Entsetzen der fliehenden Mütter bleibt ein virtuoses Schauspiel ohne emotionalen Tiefgang – Raffael war eben doch ein Spezialist für sanfte Töne.