Jean-Louis Trintignant

Die schönsten Jahre eines Lebens

Jean-Louis Duroc (Jean-Louis Trintignant) und Anne Gauthier (Anouk Aimée) im Park. Foto: © Wild Bunch Germany

(Kinostart: 2.7.) Schürzenjagen bis ins hohe Alter: Ein halbes Jahrhundert später erzählt Regisseur Claude Lelouch den Nouvelle-Vague-Klassiker weiter, der ihn einst berühmt machte. Das ist bisweilen berührend, oft vorhersehbar und etwas betulich.

1966 drehte Claude Lelouch „Ein Mann und eine Frau“, einen einfachen Liebesfilm im Stil der Nouvelle Vague. Der Film wurde zum Klassiker: Er gewann zwei Oscars und eine Goldene Palme in Cannes – und begründete nicht nur den Ruhm des Regisseurs, sondern machte zudem die Hauptdarsteller Jean-Louis Trintignant und Anouk Aimée berühmt. Die beiden spielten den Rennfahrer Jean-Louis und Anne, eine Script-Supervisorin beim Film.

 

Info

 

Die schönsten Jahre eines Lebens

 

Regie: Claude Lelouch

90 Min., Frankreich 2019;

mit: Anouk Aimée, Jean-Louis Trintignant, Antoine Sire

 

Weitere Informationen

 

Die Mittdreißiger sind zu diesem Zeitpunkt beide bereits verwitwet; sie lernen sich bei einem Besuch in der Normandie kennen, wo ihre Kinder aufs Internat gehen. Sie verlieben sich ineinander, können sich jedoch nicht für einen gemeinsamen Neuanfang entscheiden – weil ihnen ihr Glück schon genommen wurde, aber auch in der Hoffnung auf eine Zukunft, die vielleicht noch andere Liebesabenteuer bereithält.

 

Wann ist die Zukunft vorbei?

 

Mehr als fünfzig Jahre später beschäftigt Lelouch die Geschichte der beiden noch immer so sehr, dass er nach dem Nachfolger „Ein Mann und eine Frau – 20 Jahre später“ (1985) mit „Die schönsten Jahre eines Lebens“ nun zum dritten Mal auf das Paar zurückkommt, das keines wurde. Wieder geht es um Aufbrüche, die große Liebe und um Amouröses im Allgemeinen. „Sind Sie neu hier?“, „Wollen Sie mit mir durchbrennen?“ und „Wann haben Sie das letzte Mal etwas Verrücktes gemacht?“ sind nach wie vor bedeutende Fragen.

Offizieller Filmtrailer


 

Wiedersehen und Nicht-Erkennen

 

Angesichts des nahenden Lebensendes muss aber auch ergründet werden, was die schönsten Jahre eines Lebens eigentlich sind: die zukünftigen, die man noch nicht kennt, wie es bei Victor Hugo heißt? Oder die, um die das sehnsuchtsvolle Erinnern kreist? Jean-Louis ist von seinem Sohn Antoine (Antoine Sire) in einer Wohnanlage für Senioren untergebracht worden. Eigenbrötlerisch bleibt er auf Abstand zu den übrigen Alten, rezitiert für sich Gedichte von Verlaine, manchmal auch für die Chefärztin – und hängt Erinnerungen an seine großen Zeiten nach.

 

Mehr und mehr drehen sich seine Gedanken um eine vor etlichen Jahren zerbrochene Liebe: die zu Anne. Um seinem Vater eine Freude zu machen, macht Antoine sie ausfindig und überredet Anne, Jean-Louis zu besuchen. Obwohl zunächst nicht überzeugt – immerhin ist die gemeinsame Zukunft unter anderem daran gescheitert, dass der Rennfahrer ein notorischer Schürzenjäger warlässt sie sich nach kurzer Bedenkzeit auf ein Wiedersehen ein. Zunächst erkennt Jean-Louis sie nicht, lässt seine Besucherin aber wissen, sie erinnere ihn an die Liebe seines Lebens. Er beginnt, Anne von seiner Angebeteten zu erzählen.

 

Banales wirkt virtuos

 

Ein Mann und eine Frau“ bestach vor allem durch die Ausstrahlung seiner Darsteller, die Titelmelodie und eine Erzählweise, die eher Banales zu eigenwillig virtuosen Montagen verband. Ähnlich wie bei anderen Beispielen der Kinoerneuerung, für die die Nouvelle Vague stand, kam man so den Gefühlen der Protagonisten näher, als das in tradierten filmischen Erzählweisen möglich schien. Davon zehrt Lelouch bis heute.

 

Den Bildern von damals fügt er in der Fortsetzung weitere Schichten hinzu. Ausführlich zitiert er aus dem Originalmaterial, montiert ganze Sequenzen neu und variiert Themen. Das ergänzt er um eine amüsante, aber betulich anmutende Rahmenhandlung. So simuliert Lelouch im Film selbst, wie melancholisches Erinnern funktioniert. Die persönliche Rückschau reichert er mit Versatzstücken aus Werbung, Musik und Kino an; damit verleiht er ihr allgemeingültigen Charakter.

 

Altbackene Neue Welle

 

Alle Geschichten haben ein böses Ende. Außer im Kino, da haben sie ein gutes“, fasst Jean-Louis für Anne Kunst und Leben zusammen. Auch oder gerade wegen körperlicher Beschwerden, die seine Bewegungsfreiheit einschränken, träumt der greise Held von Fluchten mit der geliebten Frau. Und selbstverständlich imaginiert er die im Stil der Nouvelle Vague, der nunmehr selbst traditionell wirkt: Autos, Geschwindigkeit und Revolver spielen darin eine große Rolle. 

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films “ Happy End“ – Drama von Michael Haneke mit Jean-Louis Trintignant

 

und hier einen Bericht über den Film „Liebe“ – ergreifendes Kammerspiel über Liebe und Tod mit Jean-Louis Trintignant von Michael Haneke, prämiert mit Goldener Palme + Auslands-Oscar 2013

 

und hier einen Beitrag über den Film „Rückkehr nach Montauk“ – raffiniert desillusionierendes Drama über eine verflossene Liebe von Volker Schlöndorff.

 

Als ein Polizist ihm erklärt, die Promenade in Deauville dürfe man nicht mit dem Auto befahren, seitdem das vor fünfzig Jahren ein Idiot im Ford Mustang getan habe, stellt er stolz fest: „Das war ich!“ Natürlich lassen sich verlorene Jahre nicht nachholen. Das Gefühl von Verlust, das sich einstellt, wenn Jean-Louis über sein Leben nachdenkt, lässt sich nicht beiseite schieben – zumal er im entscheidenden Moment nicht stark genug für das gemeinsame Glück war.

 

Hübsche Dialoge, griffige Formeln

 

Dafür kann er Anne jetzt nur noch um Verzeihung bitten. Zugleich spielt er auch im Alter immer noch gerne den Schwerenöter. Ein weiteres Mal fügt Lelouch nostalgische Momente und Küchenphilosophie, aber auch Gegenwärtiges wie Selfies und Handy-Videos zu einer Collage zusammen, die vor allem ein Publikum emotional berühren dürfte, das mit ihm in die Jahre gekommen ist.

 

Tiefschürfende Antworten ergeben sich daraus nicht – doch immerhin hübsche Dialoge, die Liebesfragen auf griffige, wenn auch bekannte Formeln bringen. Etwa, als Jean-Louis seine Anne bei einem Besuch nicht erkennt und fragt, ob sie Herzspezialistin sei. Nur, wenn sie verliebt sei, entgegnet die. „Und?“, will er wissen: „sind Sie?“ Ihre Antwort: „Das ist kompliziert.“