Emin Alper

Eine Geschichte von drei Schwestern

Eine Tochter küßt die Hand ihres Vaters. Foto: Grandfilm Copyright © 2020 - All Rights Reserved

(Kinostart: 4.6.) Nach Istanbul, nach Istanbul: Regisseur Emin Alper porträtiert drei Schwestern, die in einem archaischen Bergdorf in Zentralanatolien festsitzen. Seine genau beobachtete Sozialstudie beeindruckt vor allem durch großartige Landschaftsaufnahmen.

Eine enge Schotterstraße windet sich zwischen Felsen einen Berg hinauf. An ihrem Ende öffnet sich eine weite Hochebene, die den Blick auf ein Dorf am Fuß eines schroffen Gebirgszugs freigibt. Das Dorf und seine wilde Umgebung sind die einzigen Handlungsorte dieses Films. Nichtsdestoweniger ist die Straße, die in die Stadt führt, im Bewusstsein der Protagonisten stets präsent: Die Außenwelt verspricht verführerisch ein besseres Leben jenseits von Armut, Tradition und Fremdbestimmtheit.

 

Info

 

Eine Geschichte von drei Schwestern

 

Regie: Emin Alper,

108 Min., Türkei/ Deutschland/ Niederlande/ Griechenland 2019

mit: Cemre Ebüzziya, Ece Yüksel, Helin Kandemir

 

Weitere Informationen

 

Doch ähnlich wie die „Drei Schwestern“ im berühmten Drama von Anton Tschechow immerzu von Moskau träumen, ohne jemals aus der russischen Provinz auszubrechen, bleiben auch ihre türkischen Wiedergängerinnen in ihrem Dorf gefangen. Dabei haben Reyhan, Nurhan und Havva bereits Erfahrungen mit einem Leben außerhalb der engen Gemeinschaft gesammelt.

 

Aus der Stadt zurückgekehrt

 

Als so genannte „Besleme“ („Pflegekinder“), deren Position zwischen Dienstmagd und angenommenem Familienmitglied changiert – eine anatolische Besonderheit –, arbeiteten sie bei besser gestellten Familien in der Stadt. Doch alle drei kehrten aus unterschiedlichen Gründen zurück.

Offizieller Filmtrailer OmU


 

Notheirat mit dem Schafhirten

 

Reyhan (Cemre Ebüzzíya), die älteste Schwester, wurde ungewollt schwanger; der Vater ihres Babys gibt Anlass zu Spekulationen. Daraufhin hat Familienpatriarch Sevket (Müfit Kayacan) sie ohne viel Federlesen mit dem ebenso gutherzigen wie einfältigen Schafhirten Veysel (Kayhan Açikgöz) verheiratet – die Auswahl der zur Verfügung stehenden Männer war nicht groß. Das Verhältnis des Not-Ehemanns zu seiner Schwiegerfamilie ist von Missachtung und Spannung geprägt.

 

Auch die mittlere Schwester Nurhan (Ece Yüksel) hatte kein Glück in der Stadt: Als Kindermädchen schlug die überforderte Halbwüchsige den Sohn des angesehenen Arztes Necati (Kubilay Tunçer), weil sie mit dessen Bettnässerei nicht zurecht kam; daraufhin wurde sie aus dem Haus geworfen. Das aufgeweckte Nesthäkchen Havva (Helín Kandemir) träumt hingegen davon, Medizin zu studieren und Ärztin zu werden; ihre Hoffnungen ruhen auf einer Tante im fernen Istanbul.

 

Eng verbundene Konkurrentinnen

 

Mit liebevoller Strenge herrscht der graubärtige Vater über die Mädchen, deren Mutter bereits verstorben ist. Diese Mischung aus Härte und Zärtlichkeit tragen alle Charaktere des Films in sich. So konkurrieren die Schwestern handfest untereinander um die Chance, fort zu gehen, und sind doch zugleich einander sehr eng verbunden. Ihre archaische Welt lässt ihnen kaum Handlungsspielräume; Überleben ist stets prekär, die Liebe hat sich den Notwendigkeiten unterzuordnen.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Abluka – Jeder misstraut jedem“ – Polit-Thriller über die Türkei als Polizeistaat von Emin Alper

 

und hier einen Bericht über den Film „Winterschlaf“ – brillantes Anatolien-Drama nach Tschechow-Motiven von Nuri Bilge Ceylan, prämiert mit der Goldenen Palme 2014

 

und hier einen Beitrag über den Film „Mustang“ – komplexes Zwangsheirats-Drama in der Türkei von Deniz Gamze Ergüven.

 

Regisseur Emin Alper stammt selbst aus einer Kleinstadt in Zentralanatolien; er zeichnet das soziale Gefüge des Dorfes mit seinen genau austarierten Hierarchien sehr anschaulich. Nach der grobschlächtigen politischen Parabel „Abluka – Jeder misstraut jedem“ (2015) kehrt er nun zu seinen filmischen und geografischen Wurzeln zurück. Bereits sein Erstling „Hinter dem Berg – Beyond the hill“ behandelte 2012 eine Geschichte aus den anatolischen Bergen.

 

Tragödie kurz vor Schluss

 

Für die Entfaltung seines Dorf-Panoramas lässt sich Alper recht viel Zeit; in Sachen Handlung geschieht nicht allzu viel. Als die sich von Anfang an abzeichnende Tragödie schließlich ausbricht, ist der Film fast schon zu Ende. Die losen Handlungsfäden werden dann jedoch recht unvermittelt liegen gelassen. Auch etliche Nebenfiguren bleiben betont skizzenhaft; sie sind kaum mit der Erzählung verbunden.

 

Für solche Unstimmigkeiten entschädigt allerdings die exquisite Bildgestaltung. Aufnahmen einer majestätischen Bergwelt werden von sehr stimmungsvollen, melancholischen Cello-Klängen untermalt. Aller Tragik und Schwermut zum Trotz bleibt letztlich doch die Hoffnung, dass es den drei lebenstüchtigen Schwestern gelingen möge, ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen – anstatt zu resignieren wie ihre russischen Vorbilder.