Frankfurt am Main

Fantastische Frauen – Surreale Welten von Meret Oppenheim bis Frida Kahlo

Dorothea Tanning: Voltage (Spannung), 1942, Oil on canvas, Collection Ulla und Heiner Pietzsch, Berlin, © The Estate of Dorothea Tanning/VG Bild-Kunst, Bonn 2020; Fotoquelle: © Schirn Kunsthalle, Frankfurt am Main

Von wegen Macho-Ästhetik: Surrealistische Künstlerinnen behandelten in ihren Werken Sinnlichkeit und Erotik auf sehr spielerische und originelle Weise. Das führt eine fulminante Überblicks-Schau der Schirn Kunsthalle variantenreich vor – eine echte Entdeckung.

Mehr als Frida Kahlo: Natürlich darf die 1954 gestorbene mexikanische Malerin, die posthum zur feministischen Ikone und zum Postkarten-Popstar avancierte, nicht fehlen. Ihr berühmtes „Selbstporträt mit Dornenhalsband“ von 1940 prangt als Blickfang auf Plakat und Katalog. Aber diese Ausstellung geht weit darüber hinaus – indem sie etwa die Aufmerksamkeit auf die aktive und vitale surrealistische Szene in Mexiko lenkt, wohin zahlreiche europäische Künstlerinnen vor dem Zweiten Weltkrieg geflohen waren.

 

Info

 

Fantastische Frauen – Surreale Welten von Meret Oppenheim bis Frida Kahlo

 

13.02.2020 – 05.07.2020

täglich außer montags

10 bis 19 Uhr,

mittwochs und donnerstags bis 22 Uhr

in der Schirn Kunsthalle, Römerberg, Frankfurt am Main

 

Begleitheft 7,50 €;
Katalog 39 €

 

Weitere Informationen

 

Das ist nur eine der vielen Entdeckungen, die man in dieser Schau machen kann. In einem Kunstbetrieb, der jede namhafte Strömung bereits doppelt und dreifach erforscht und beleuchtet zu haben scheint, gelingt der Frankfurter Schirn ein echter Coup: Anhand von 260 Arbeiten von 34 Künstlerinnen wird erstmals derart umfassend vorgeführt, welche prominente Rolle sie im Surrealismus spielten.

 

Hoher Frauen-Anteil

 

Nicht unbedingt in der Gruppe im engeren Sinne, die vom Vordenker André Breton mit straffer Hand geführt wurde – davon hielten sich etliche Künstlerinnen eher fern. Den surrealistischen Prinzipen und Methoden blieben sie jedoch bis in die 1960er Jahre verpflichtet, manche darüber hinaus. Laut Kuratorin Ingrid Pfeiffer waren an keiner anderen Avantgarde-Bewegung der klassischen Moderne so viele Frauen aktiv und innovativ beteiligt.

Feature zur Ausstellung, © Schirn Kunsthalle, Frankfurt am Main


 

Wahrhaft internationale Bewegung

 

Dass sie nicht in Künstlerinnen der ersten und zweiten Klasse hierarchisiert werden, zählt zu den Vorzügen dieser fulminanten Schau. Zwar sind den beiden berühmten Zugpferden Meret Oppenheim und Louise Bourgeois etwas größere Abschnitte gewidmet, aber ansonsten hängen die Teilnehmerinnen schlicht nebeneinander, locker nach geographischer Herkunft angeordnet.

 

Liest man ihre Kurzbiographien, gewinnt man ohnehin bald den Eindruck, dass die meisten von ihnen versippt und verschwägert oder zumindest eng befreundet waren: Der Surrealismus erscheint als verschworener Klüngel, dessen Mitglieder auf vielfache Weise miteinander anbandelten. Aber eben als wahrhaft internationale Bewegung über Länder- und Kulturgrenzen hinweg – dadurch wurden ihre Arbeiten so facetten- und variantenreich.

 

Keine Macho-Fantasien

 

Diese stilistische Vielfalt zeigt sich insbesondere bei einem zentralen Thema des Surrealismus: Sinnlichkeit und Erotik. Seinen männlichen Vertretern hat man öfters vorgehalten, sie hätten sich zwar verbalradikal zur Abschaffung bürgerlicher Zwänge und Gleichberechtigung der Geschlechter bekannt, de facto aber das Weib zur Projektionsfläche misogyner Macho-Fantasien degradiert. Dem hält die Schau prägnante Beispiele für Werke von Frauen entgegen, die das Verhältnis der Geschlechter spielerisch und selbstbestimmt behandeln – von subtil allegorischen bis zu sehr expliziten Darstellungen.

 

Die Argentinierin Leonor Fini, die sich autodidaktisch eine altmeisterlich anmutende Feinmalerei aneignete, drehte die traditionellen Geschlechterrollen kurzerhand um: Anstelle klassischer Grazien porträtierte sie aparte Jünglinge – meist ihre Liebhaber – leicht oder nicht bekleidet in wehrlosen Haltungen, während Frauenfiguren – die ihre eigenen Züge tragen – über ihr Wohl wachen oder ihnen den Weg weisen. Die in Indien geborene Britin Ithell Colquhoun, die zum Okkultismus neigte, malte pastellene Stillleben, deren halbabstrakte Formen ironisch diejenigen von Geschlechtsorganen parodieren: honi soit qui mal y pense.

 

Raubkatze im Schoß

 

Die Tschechin Marie Čermínová trat ab 1922 unter dem Pseudonym Toyen auf, abgeleitet vom französischen „citoyen“ („Bürger“) – absichtlich wählte sie den geschlechtsneutralen Begriff. Sie gründete 1934 die tschechoslowakische Surrealisten-Gruppe mit, floh 1947 vor den Stalinisten nach Paris und schuf stark erotisch aufgeladene Bilder; etwa Illustrationen zum Roman „Justine“ vom Marquis de Sade, der von den Surrealisten verehrt wurde.

 

Die Schau zeigt einen kleinen Querschnitt ihres sehr vielseitigen Werks, etwa „Der Paravent“ (1966): Eine schemenhafte Frau im Leopardenkleid trägt auf dem Schoß ein Raubkatzengesicht mit gefletschten Zähnen – quasi als surrealistisches Pendant zu den symbolistischen Vamp-Gestalten eines Franz von Stuck wie etwa „Die Sünde“ (1893).

 

Metamorphosen des Organischen

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung „Move little hands… „Move!“ – herrlich versponnene Werkschau des tschechischen Surrealisten-Paars Jan und Eva Švankmajer im Lipsiusbau, Dresden

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung „Meret Oppenheim – Retrospektive“imposante Ausstellung im Martin-Gropius-Bau, Berlin

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung „Sturm-Frauen – Künstlerinnen der Avantgarde in Berlin 1910–1932“ – große Überblicks-Schau in der Schirn-Kunsthalle, Frankfurt/ Main

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung „Louise Bourgeois – Strukturen des Daseins: Die Zellen“ – eindrucksvolle Retrospektive der franko-amerikanischen Bildhauerin im Haus der Kunst, München.

 

Als surrealistische Vorgängerin von Cindy Sherman erscheint Claude Cahun. Bereits in den 1920er Jahren lichtete sie sich kostümiert in diversen Geschlechterrollen ab; später fertigte sie mit ihrer Lebensgefährtin Marcel Moore dazu passende Foto-Collagen an. Unwiderstehliches Begehren ist auch das Leitmotiv des ersten surrealistischen Spielfilms „Die Muschel und der Kleriker“ von 1928, ein Jahr vor Luis Buñuels Klassiker „Ein andalusischer Hund“: Regisseurin Germaine Dulac jagt einen jungen Geistlichen durch allerlei Traumsequenzen mit Verzerrungen und Überblendungen.

 

Ein weiteres Leitmotiv sind Metamorphosen des Organischen: Tiere, Fabel- und fantastische Mischwesen bevölkern viele Arbeiten, etwa die an Hannah Höch erinnernden Collagen von Valentine Penrose, die farbenprächtigen Mixed-Media-Kompositionen der Belgierin Jane Graverol oder die raffinierten Vexierbilder von Dorothea Tanning. Es scheint, als hätten diese Künstlerinnen das surrealistische Postulat der Gleichrangigkeit von Wirklichkeit und Illusion, Bewusstem und Unbewusstem oft konsequenter ausformuliert als viele ihrer männlichen Kollegen.

 

Entfesselte Kreativität

 

Dabei sind gewiss nicht alle der 260 präsentierten Exponate zeitlose Meisterwerke; manche demonstrieren, wie Surrealismus auch in beliebigen Basteleien und bonbonbuntem Edelkitsch versanden kann. Aber in dieser Fülle wird deutlich, wie unglaublich abwechslungsreich und pluralistisch diese Geisteshaltung war – eine Entfesselung schöpferischer Kreativität. Auch ohne Frida Kahlo.