Tobias Moretti

Gipsy Queen

Ali (Alina Şerban, li.) bei einem Kampf im Boxring. Foto: Majestic Filmverleih

(Kinostart: 25.6.) Sich durchschlagen für soziale Integration: Eine Roma-Frau in Hamburg trainiert für ihr Comeback als Boxerin. Gelungene Milieuschilderung mit eindrucksvoller Hauptdarstellerin von Regisseur Hüseyin Tabak, der seinen Film leider thematisch überfrachtet.

Stolz und selbstbewusst tritt die junge Roma-Mutter Ali (Alina Șerban) auf; dass sie hart im Nehmen ist, wird von Anfang an deutlich. Sie bringt allein ihr zweites Kind zur Welt und beißt dabei in die Tischkante, um ihre Schmerzensschreie zu unterdrücken. Bei der Rückkehr in ihr Heimatdorf stößt ihr Vater sie buchstäblich zurück. Früher war sie seine kleine Prinzessin; als künftige Roma-Königin sollte sie sich ihren Weg in die große weite Welt erboxen, indem sie „schwebt wie ein Schmetterling und sticht wie eine Biene“. Dafür hat er Ali erfolgreich trainiert, und sie hat sportlich auch einiges erreicht – aber mit zwei unehelichen Kindern geht das aus seiner Sicht nicht mehr.

 

Info

 

Gipsy Queen

 

Regie: Hüseyin Tabak,

113 Min., Deutschland/ Österreich 2019;

mit: Alina Şerban,Tobias Moretti, Catrin Striebeck

 

Weitere Informationen

 

Ali kehrt ihrer Familie und dem Dorf den Rücken. Über Umwege schafft sie es Jahre später nach Hamburg, wo sie und ihre Kinder mit der arbeitslosen Tänzerin Mary (Irina Kurbanova) als offizieller Mieterin eine Zweck-WG bilden. Ali arbeitet als Putzfrau in einem Hotel, immer in der prekären Unsicherheit einer ungelernten Roma-Frau lebend, weshalb sie streng darauf achtet, dass ihre Kinder richtig Deutsch sprechen und gut in der Schule sind.

 

Oben Kneipe, unten Boxring

 

Trotz allem Anpassungsdruck will sie sich aber nicht ungerecht behandeln lassen. Nach Verlust ihres Putzjobs landet sie als Aushilfe in der „Ritze“, einem alten Hamburger Boxclub: oben Kneipe, im Keller Trainingsraum und kleine Boxarena. Als sie eines Tages unvermittelt auf einen Sandsack eindrischt, erkennt Clubbesitzer Tanne (Tobias Moretti), selbst gescheiterter Boxer, sofort Alis Potenzial. Er überredet sie zu einer Art Comeback, das sich aber im Gegensatz zu Boxfilmen mit ähnlicher Konstellation wie „Million Dollar Baby“ (2004) von Clint Eastwood oder „Rocky“ (1976) mit Sylvester Stallone weiterhin ohne heroische Posen in Kellern und schmierigen Hallen abspielen wird.

Offizieller Filmtrailer


 

Boxsport als Metapher

 

Ohnehin betrachtet Regisseur Hüseyin Tabak den Boxsport offenbar mehr als Metapher oder als eine wortwörtliche Umsetzung des Ausdrucks „Sich Durchboxen“ anstatt als eigentliches Film-Thema. Bevor Ali das erste Mal wirklich kämpft, ist bereits fast die Hälfte des Films vorbei. Bis dahin schildert er den Kampf der jungen Frau für ein besseres Leben ihrer Kinder, wobei sie übersieht, dass sie – ähnlich wie ihr eigener Vater – vielleicht zuviel von ihnen verlangt.

 

Weder hat sie Sinn für das künstlerische Talent ihrer Teenager-Tochter, noch bemerkt sie, dass das Mädchen in der Schule gemobbt wird. Nachdem ein Streit eskaliert ist, landen ihre Kinder bei einer Pflegefamilie; zu unsicher erscheinen den Behörden die Lebensverhältnisse.

 

Von Schauplatz zu Schauplatz hasten

 

Inspiration für die Hauptfigur war nach Tabaks Worten seine eigene Mutter, die sich als Einwanderin aus der Türkei selbst Lesen und Schreiben auf Deutsch beibrachte und später Unternehmerin wurde. So erklärt sich auch die nachsichtige Zärtlichkeit, mit der er seine Hauptfigur behandelt, die ununterbrochen im Kampfmodus durch den Film rennt. Seine besten Momente hat er in den wenigen ruhigen Minuten, wenn Ali innehält, sich erinnert und man begreift, was sie antreibt: Der Wunsch, es ihrem Vater und der Sippe zu zeigen, zugleich aber völlig unabhängig von ihnen und ihrem Urteil zu sein.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Der glücklichste Tag im Leben des Olli Mäki“ – finnisches Boxer-Drama von Juho Kuosmanen

 

und hier eine Besprechung des Films „Härte“ – Dokudrama über einen Karate-Weltmeister von Rosa von Praunheim

 

und hier einen Bericht über den bosnischen Film „Aus dem Leben eines Schrottsammlers“ – Sozialstudie über eine Roma-Familie von Danis Tanović, prämiert mit dem Großen Preis der Berlinale-Jury 2013

 

und hier einen Beitrag über den Film „Die Legende vom hässlichen König“ – Doku über den brillanten kurdisch-türkischen Regisseur Yilmaz Güney von Hüseyin Tabak.

 

Erst, als sie einen alten Bekannten trifft und vom Tod ihres Vaters erfährt, scheint sie bereit, mit der Vergangenheit abzuschließen. Das Boxen hilft außerdem, zumal es gutes Geld verspricht. Zur Ruhe kommen hier jedoch weder Ali noch der Film; vollgestopft mit Ideen und stets nahe an den Figuren hastet er von Schauplatz zu Schauplatz – er will Milieustudie, Einwanderergeschichte, angekitschtes Frauenschicksal und Beobachtung einer kaputten Familie zugleich sein.

 

Unnötiges Boxkampffinale

 

Jeder Aspekt für sich wäre genug Stoff für einen eigenen Film; die Überfülle verwässert die im Kern kraftvolle Story um eine eindrucksvolle junge Frau. Dabei gelingt Regisseur Tabak durchaus die genaue Schilderung randständiger Milieus; etwa das der osteuropäischen Tagelöhner oder halbseidenen Boxer, wobei die Nebenfiguren kaum mehr als Abziehbilder sind. Ein Glücksgriff ist die Besetzung der Hauptfigur mit der Romni-Schauspielerin Alina Șerban, die im Film neben Deutsch auch Romanes spricht.

 

Auch Tobias Moretti überzeugt als abgehalfterter Säufer mit Schnäuzer und halbgarem Hamburger Slang, der plötzlich noch einmal so etwas wie Aufbruchsstimmung spürt. Als unnötigen Tribut an das Sportfilm-Genre muss Ali am Ende noch einen melodramatischen Boxkampf gegen eine viel stärkere Gegnerin absolvieren; dennoch bleibt ihr Gesicht im Gedächtnis als Porträt einer unermüdlichen Kämpfenden.