Adele Schmidt +J. Zegarra Holder

Krautrock 1

Kraftwerk 1973. Foto: © 2020 Film Kino Text

(Kinostart: 18.6.) Belächelte Propheten im eigenen Land: Die Regisseure Adele Schmidt und José Zegarra Holder zeichnen die Geschichte des Krautrock nach. Zwar mit Leerstellen, aber durchaus erhellend – und so vielstimmig, wie es bei diesem Phänomen angemessen ist.

30 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs spielte Popmusik aus der Bundesrepublik auf dem internationalen Markt eigentlich keine Rolle. Eine Ausnahme bildeten seit 1970 Bands wie Can, Kraftwerk, Tangerine Dream oder Faust. Die meist langhaarigen, überwiegend männlichen Musiker experimentierten mit offenen Formen, repetitiven Mustern, außereuropäischen Instrumenten und exotisch anmutenden Namen wie Amon Düül, Popol Vuh oder Ash Ra Tempel. Ihre Musik bezeichneten sie mitunter als „kosmisch“.

 

Info

 

Krautrock 1

 

Regie: Adele Schmidt +
José Zegarra Holder

129 Min., USA 2019;

mit: Irmin Schmidt, Damo Suzuki, Wolfgang Flür, Michael Rother 

 

Weitere Informationen

 

Da er aber an Orten wie Düsseldorf, Köln oder Wümme entstand, wurde der neue Sound – zunächst von der britischen Musikpresse – als „Krautrock“ kategorisiert. Die Bezeichnung blieb hängen. Die Ironie der Geschichte war, dass diese Propheten im eigenen Land eher belächelt wurden. Erst die Zuschreibungen aus dem Ausland und prominente Fans wie David Bowie, Julian Cope oder Sonic Youth sorgten dafür, dass Krautrock ab Ende der 1970er/ Anfang der 1980er Jahre zu einem international vielbeachteten Phänomen wurde.

 

Fokus auf den Anfängen

 

Dementsprechend werden Veteranen wie Jaki Liebezeit, Damo Suzuki und Irmin Schmidt von der Band Can, Wolfgang Flür von Kraftwerk oder Michael Rother – unter anderem spielte er bei Neu! oder Harmonia mit – gerne vor allem zu den Anfängen ihrer Laufbahn befragt. So setzt auch dieser Film von Adele Schmidt und José Zegarra Holder an: Eine beeindruckende Reihe von Interviews haben sie mit Klängen, Fotos, TV-Beiträgen und Live-Aufnahmen zu einer kleinen Geschichte des Krautrockens montiert.

Offizieller Filmtrailer OmU


 

Fanperspektive statt Kontroverse

 

Dem Projekt ist anzumerken, dass den Filmemachern nicht die Mittel einer BBC- oder Netflix-Doku zur Verfügung standen: Ton und Bild wirken oft improvisiert, wenn auch authentisch – allein schon, weil die älteren Herren in einem drolligen Nachkriegs-Englisch parlieren. Auf einen rahmenden Off-Kommentar wird verzichtet. So entsteht ein Wimmelbild von Perspektiven, das in seiner Gesamtheit keineswegs Klarheit erzeugt, sondern eher deutlich macht, dass es eine verbindliche Krautrock-Erzählung gar nicht geben kann.

 

Nur angedeutet wird die Fehde innerhalb der Band Neu!; gestreift immerhin die Spaltung von Faust in zwei Bands. Wolfgang Flür berichtet, wie er als Schlagzeuger von Kraftwerk kaltgestellt wurde. Gegenstimmen wären interessant gewesen, doch Hans-Joachim Irmler von Faust konnte oder wollte nicht dabei sein. Chef-Kraftwerker Florian Schneider und Klaus Dinger von Neu! sind bereits verstorben. Möglicherweise ist es aber schlicht der Fan-Perspektive des Regie-Duos geschuldet, dass sie den Finger nicht in alte Wunden legen.

 

Esoterik trifft Minimalismus

 

Deutlich wird der Einfluss zweier Künstler, die zu Beginn der Krautrock-Ära bereits etabliert waren: Die Band Can bezog sich vor allem auf den Komponisten Karlheinz Stockhausen und sein Studio für elektronische Musik beim Westdeutschen Rundfunk in Köln. Kraftwerk aus Düsseldorf bekamen ihre Stichworte von einem anderen Kunstschaffenden der Stadt: dem Aktionskünstler Joseph Beuys, der an der Kunstakademie unterrichtete.

 

Kraftwerk betteten ihre Musik zunehmend in ein Gesamtkunstwerk aus Bildern und Referenzen ein. Mit dem blickten sie in die Zukunft, etwa auf Mechanisierung oder Robotik; sie griffen aber auch Vergangenes auf, wie den Futurismus ab 1909 oder die Bildsprache des Filmregisseurs Fritz Lang. Ein weites Feld des Krautrock wird aufgespannt, zwischen Konzeptkunst und autonomer Musik – wie man Musik nennt, die um ihrer selbst Willen geschaffen wird; in Abgrenzung zu zweckgebundener, funktioneller Musik. Auch Esoterik, Primitivismus, Minimalismus, politische Avantgarde und postmoderne Ideen flossen in dieses Musik-Genre ein.

 

Außereuropäische Einflüsse

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Gimme Danger“ – Doku über Iggy Pop + The Stooges von Jim Jarmusch

 

und hier einen Bericht über den Film „Conny Plank – The Potential of Noise“ – Dokumentation über den legendären Musikproduzenten von Reto Caduff + Stephan Plank

 

und hier einen Beitrag über den Film „Blank City“  – Dokumentation über die No-Wave-Szene im New York um 1980 von Céline Danhier mit Jim Jarmusch

 

Eine Absage erteilt der Dokumentarfilm dem nationalistischen Diskurs, der die Musik jahrelang begleitet hat. Geschmeichelt und gleichzeitig beleidigt vom Geschmacksvorsprung der englischsprachigen Presse, wurde im wiedervereinigten Deutschland ein neues Narrativ gedrechselt: Krautrock sei eine Art „Antwort“ auf die „Dominanz“ der angloamerikanischen Popkultur gewesen – was dann angeblich dazu führte, das Kraftwerk Techno „erfanden“. Aus dem begründeten „spezifisch deutsch“ wurde ein unangenehmes „originär deutsch“.

 

Auch wenn sich manch ergrauter Krautrocker seinerzeit dazu ermuntern ließ, in dieses Horn zu stoßen – in dem Film kommt diese Sichtweise glücklicherweise nicht vor. Stattdessen wird betont, dass ein wichtiger Bezugspunkt vieler Bands diverse Spielarten von außereuropäischer Musik waren und blieben. Und dass zum Beispiel die Klangwelten von Can erst dadurch Funken schlugen, dass Sänger wie der US-Amerikaner Malcolm Mooney und der Japaner Damo Suzuki mit von der Partie waren; beide kommen in der Doku zu Wort. Suzuki bereist immer noch die Welt und spielt mit lokalen Musikern im Geiste der experimentellen, spontanen Musik seiner früheren Band.

 

Referenzwerk trotz offener Enden

 

Die Erzählung schließt mit der jungen US-Band Wume aus Chicago, deren Name von den „Wümme-Studio“ der frühen Band Faust abgeleitet ist. Damit ist das Filmprojekt allerdings noch nicht an seinem Ende angekommen. Ein zweiter Teil wird sich den Essener Songtagen 1968 und den süddeutschen Bands Amon Düül und Guru Guru befassen; ein dritter mit der Szene in West-Berlin. Trotz einiger Leerstellen und offener Enden wird diese Trilogie, wenn sie einmal fertig ist, das wohl umfangreichste filmische Referenzwerk zum Thema sein.