Alejandro Landes

Monos – Zwischen Himmel und Hölle

. Foto: DCM Film Distribution

(Kinostart: 4.6.) „Herr der Fliegen“ im Stil von Werner Herzog: Eine jugendliche Guerilla-Truppe im Dschungel von Lateinamerika wird durch ihre Gruppendynamik gesprengt. Das fasst Regisseur Alejandro Landes in eine surreal anmutende Parabel mit fesselnden Bildern.

Nach wochenlanger Schließung der Kinos, die Streaming-Dienste kaum ersetzen konnten, wird sehr stark bewusst, dass manche Filme nur für die Leinwand gemacht sind. Allein dort entfalten sie ihre Kraft und ziehen das Publikum in ihren Bann. Etwa das grimmig-wuchtige Guerilla-Drama „Monos – Zwischen Himmel und Hölle“ von Alejandro Landes: Das auf der Berlinale 2019 gezeigte Werk ist ein Tour-de-Force-Ritt zwischen den Genres. Es sieht ein wenig so aus, als habe „Fitzcarraldo“-Regisseur Werner Herzog die berühmte Parabel „Herr der Fliegen“ von Literatur-Nobelpreisträger William Golding adaptiert.

 

Info

 

Monos – Zwischen Himmel und Hölle

 

Regie: Alejandro Landes,

102 Min., Kolumbien/ Argentinien/ Niederlande 2019;

mit: Julianne Nicholson, Moisés Arias, Sofía Buenaventura

 

engl. Website zum Film

 

Ohne vorangestellte Erklärungen konfrontiert Regisseur Landes den Zuschauer mit einem Trupp jugendlicher Paramilitärs, der sich irgendwo in einer unbestimmten Bergregion in Südamerika versteckt hält. Über die Protagonisten, die bloß mit Spitznamen angesprochen werden, und ihre Hintergründe verrät das Drehbuch herzlich wenig.

 

Auf Kuh + US-Geisel aufpassen

 

Nebulös bleibt auch, wofür die Mädchen und Jungen eigentlich kämpfen und wem genau sie unterstellt sind. Kryptisch ist nur von einer namenlosen „Organisation“ die Rede; sie schickt gelegentlich einen Aufseher (Wilson Salazar), um das harte Training der Teenager zu überwachen und ihnen Befehle zu erteilen. Außerdem sollen sie auf die Milchkuh Shakira und die US-Geisel Doctora (Julianne Nicholson) aufpassen, die sich in ihrer Obhut befinden.

Offizieller Filmtrailer


 

Exzessive Lagerfeuer-Feiern

 

Rasch wird deutlich: „Monos – Zwischen Himmel und Hölle“ will sich nicht festlegen und keine realen Konflikte aus dieser Weltgegend rekonstruieren, sondern Krieg und Überleben auf gleichnishafte Art beleuchten: Wie verändern bewaffnete Auseinandersetzungen die jungen Menschen? Wie wirkt sich die Erfahrung permanenter Gewalt aus? Welche Gruppendynamik wird bestimmend? Gibt es einen Ausweg aus der Logik der Eskalation?

 

Gleich zu Anfang schleicht sich ein Gefühl der Beklemmung ein, wenn die Halbstarken martialische Übungen durchführen, um für den Ernstfall gerüstet zu sein. Minderjährige proben den Guerillakrieg und sind dabei im Umgang miteinander alles andere als zimperlich. Doch sobald der erwachsene Vertreter der Organisation die Truppe verlässt, schwindet ihre Disziplin wieder. In der Abgeschiedenheit der Berge auf sich allein gestellt, ist der Alltag der Jugendlichen von rauen, eigenartigen Ritualen geprägt. Dabei werden Geschlechtergrenzen überschritten – und regelmäßig entlädt sich die Anspannung in exzessiven Feiern am Lagerfeuer.

 

Hypnotische Amazonas-Odyssee

 

Einmal kommt es dabei zu einem verheerenden Missgeschick, das Anführer Lobo (Julián Giraldo) in den Selbstmord treibt – und den Gruppen-Zusammenhalt auf eine erste Probe stellt. Von hier an beobachtet der Film, wie die kleine Einheit allmählich auseinander bricht und sich irgendwann ein neues Versteck tief im Dschungel suchen muss.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Birds Of Passage – Das grüne Gold der Wayuu“ – bildgewaltiges Drogenmafia-Epos aus Kolumbien von Ciro Guerra + Cristina Gallego

 

und hier eine Besprechung des Films „Der Schamane und die Schlange – Embrace of the Serpent“ – brillant vielschichtiges Doppelporträt zweier Amazonas-Pioniere von Ciro Guerra

 

und hier einen Beitrag über den Film „La Buena Vida – Das gute Leben“ – Dokumentation von Jens Schanze über Indigenen-Umsiedlung für Steinkohle-Tagebau in Kolumbien.

 

Spätestens dann, wenn bedrohlich imposante Bilder von oft nebelverhangenen Höhenzügen abgelöst werden durch flirrend-stickige Aufnahmen des Regenwaldes, drängt sich der Vergleich mit den hypnotischen Amazonas-Odysseen in „Aguirre, der Zorn Gottes“ (1972) und „Fitzcarraldo“ (1982) von Werner Herzog auf. Drückende Schwüle und ausbrechender Wahnsinn sind auch akustisch durch markantes Sound-Design drastisch erfahrbar.

 

Keine gefühllosen Killer

 

Ebenso irritierend wie aufregend ist die Entscheidung des Regisseurs, nicht die Perspektive einer Figur zu privilegieren. Vielmehr wechselt Alejandro Landes mehrfach den Blickwinkel und nimmt während einer packend arrangierten Fluchtsequenz auch die Sicht der US-Geisel ein. Dabei verkneift sich das mythisch angehauchte Survival-Drama dankenswerterweise psychologische Ausdeutungen, wie sie in einem Hollywood-Film gang und gäbe wären.

 

Nichtsdestoweniger lugt in mehreren schmerzhaft eindringlichen Szenen das Innenleben der Figuren hervor. Trotz aller Härte und Gewaltbereitschaft sind die Guerilleros keine gefühllosen Killer, sondern Heranwachsende mit Sehnsucht nach Geborgenheit. Zwischen eindrucksvollen Landschaftsaufnahmen findet der Regisseur immer wieder Raum für intime Einschübe, in denen die ausdrucksstarken Schauspieler hervorragend zur Geltung kommen.