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Vandam (Hynek Čermák) und sein Kumpel Psycho (Jan Cina) ziehen in den ungleichen Kampf gegen Immobilienmakler. Foto: c Jan Hromadko, 42film GmbH

Nationalstrasse


(Kinostart: 11.6.) Porträt des Wutbürgers als kindlich Versehrter: Ein gewitzter Schläger aus dem Plattenbau-Ghetto erobert Europas Theaterbühnen. Den Roman von Jaroslav Rudiš verfilmt Štěpán Altrichter etwas blutleer, aber mit furiosem Hauptdarsteller.


Tristesse pas royale: Zu erhabenen Luftaufnahmen einer Plattenbausiedlung am Rand von Prag trägt Vandam (Hynek Čermák) sein Mantra vor, wie er die Welt sieht. „Sie labern Dich voll, dass Frieden ist. Sie labern Dich voll, dass Du glücklich sein sollst. Sie labern Dich voll, dass sie es gut mit Dir meinen. Sie labern Dich voll, Du sollst die Schnauze und Schritt halten und ihnen bei den Wahlen Deine Stimme geben. Sie labern Dich voll, dass nichts Besseres als dieses Hier und Jetzt existiert. Und wenn Du sagst: Das gibt es – dann bist Du gleich eine rote Socke oder ein Nazi. Aber ich weiß, wie der Hase läuft.“

 

Info

 

Nationalstrasse

 

Regie: Štěpán Altrichter,

91 Min., Deutschland/ Tschechien 2019;

mit: Hynek Čermák, Kateřina Janečková, Jan Cina

 

Website zum Film

 

Gut gebrüllt, Tiger – nach seinem Sprung wird er jedoch als Bettvorleger landen. Er nennt sich Vandam, wie sein Vorbild. Der Belgier Jean-Claude Van Damme war in den 1980/90er Jahren ein populärer Action-Star von schnell heruntergekurbelten Knochenbrecher-Filmen; außerdem berühmt-berüchtigt dafür, dass seine Karate-Künste bei weitem seine geistigen Fähigkeiten übertrafen.

 

Schlachtpläne in Kindheitswohnung

 

Das kann man seinem größten tschechischen Fan kaum nachsagen. Vandam ist ein heller Kopf, der viel liest und sich für Militärgeschichte interessiert: Die Wohnung, in der er seit seiner Kindheit lebt, hat er mit Plänen historischer Schlachten dekoriert. Allerdings ist er offenbar in derselben Epoche stecken geblieben, in der sein Idol früher große Erfolge feierte.

Offizieller Filmtrailer


 

Konterrevolutionärer Cop

 

Als Anstreicher auf dem Bau fristet Vandam ein bescheidenes, unauffälliges Dasein. Aber abends in der Stammkneipe führt er bei seinen Trinkkumpanen das große Wort. Er provoziert gern und lässt sich gern provozieren: Dann sprechen die Fäuste, um die Sache zu klären. Seine Neigung zu Tätlichkeiten hat ihm schon eine Menge Ärger eingebracht.

 

Der Filmtitel bezieht sich auf die Nationalstraße (Národní třída) in Prag, auf der er im November 1989 zuschlug – und damit aus Sicht seiner Kumpels die Samtene Revolution lostrat. Jedoch auf der falschen Seite: Vandam zählte zu den Polizisten, die brutal eine Studenten-Demonstration zerschlugen.

 

Edler Ritter umwirbt Kneipenwirtin

 

Dass das Leben ein Schlachtfeld sei, auf dem man keinem Kampf ausweichen dürfe: Diese martialische Weltsicht hat ihm sein Vater eingebläut, der ihn ansonsten als Kind im Stich ließ und nur einen klapprigen Škoda mit verbeultem Dach vermachte. „Frieden ist nur eine Pause zwischen zwei Kriegen“, lautet Vandams Credo – auf die Idee, dass Krieg eine vermeidbare Unterbrechung zwischen Friedenszeiten sein könne, kommt er nicht.

 

Doch zarte Gefühle sind ihm nicht fremd: Seit langem hat er ein Auge auf die Kneipenwirtin Lucka (Kateřina Janečková) geworfen, die aber von seinen Annäherungsversuchen nichts wissen will. Als sie jedoch wegen hoher Schulden vom Immobilienmakler Milner (Václav Neužil) unter Druck gesetzt wird und die Existenz der Kneipe auf dem Spiel steht, wittert Vandam seine Chance, als edler Ritter ihr Herz zu gewinnen.

 

Der Wutbürger, das unbekannte Wesen

 

Wie im richtigen Leben: Solch einem belesen-großmäuligen Wendeverlierer aus der Vorstadt-Platte hat der tschechische Autor Jaroslav Rudiš beim Bier am Tresen lange zugehört und seine Geschichte aufgeschrieben. Erst als Drama, dann als Roman – mit enormem Erfolg: Mehr als ein Dutzend Theater in halb Europa haben das Porträt eines schlagkräftigen Wutbürgers bereits auf die Bühne gebracht. Weil seine Brüder im Geiste sich längst lautstark auf den Straßen und bei Wahlen bemerkbar machen, aber der Kulturbetrieb so wenig über sie weiß. Auch das Kino: Im deutschen Sprachraum dürfte Andreas Dresen der einzige Regisseur sein, der beharrlich Filme über das Lebensgefühl und Selbstverständnis kleiner Leute auf die Leinwand bringt.

 

Wie es ist, vom Lauf der Zeit und den meisten Altersgenossen abgehängt worden zu sein, wogegen auch 200 Liegestützen nacheinander und flinke Kinnhaken nichts helfen: Das verkörpert Hynek Čermák grandios. Als rüder Prahlhans, der sich in seinem Ghetto-Kiez Respekt erkämpft hat, aber auf dem spiegelblanken Parkett einer Büroturm-Lobby hilflos dasteht. Als einsamer Wolf, der mit kernigen Kerlen kann, aber um Frauen so linkisch wie ein Halbstarker wirbt. Und als Schlaumeier, der sich zwar mit halbseidenen Tricks auskennt, aber seine Ex-Kollegen von der Polizei im denkbar dümmsten Moment brüskiert.

 

Arg konstruierte Situationen

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Alois Nebel“ – beeindruckender Historien-Animationsfilm aus Tschechien von Tomáš Luňák + Jaroslav Rudiš, prämiert mit dem Europäischen Filmpreis 2012

 

und hier eine Besprechung des Films „Die Wütenden – Les Misérables“ – packend authentisches Sozialdrama aus der Pariser Banlieue von Ladj Ly

 

und hier einen Beitrag über den Film „Als wir träumten“ – mitreißendes Drama von Andreas Dresen über jugendliche Wende-Verlierer nach einem Roman von Clemens Meyer.

 

Damit trägt Hauptdarsteller Čermák diesen Film, den Regisseur Štěpán Altrichter ansonsten etwas blutleer inszeniert, quasi im Alleingang. Das Drehbuch schickt ihn in arg konstruierte Situationen, vom Fototermin mit Investoren bis zur improvisierten Wildschweinjagd. Am unglaubwürdigsten wirkt, dass sein neureicher Bruder sich nach zehn Jahren Funkstille seinen SUV widerstandslos von Vandam stibitzen lässt.

 

Auch die Milieuschilderungen überzeugen nicht recht: In seiner voll besetzten Stammkneipe geht es verdächtig ruhig zu, ebenso im Geschäftsviertel der Prager City. Und Vandams Sidekick Psycho (Jan Cina) ist als verschusselter Jungkokser mit Kopfsocke eine alberne Witzfigur. So mag man sich in TV-Studios das Prekariat vorstellen; authentische Proletarier-Ästhetik sieht anders aus.

 

Lohnendes Psychogramm

 

Doch darüber lässt sich hinwegsehen: wegen Čermáks furioser Vorstellung eines widersprüchlichen Charakters, der trotz aller abschreckenden Züge durchaus sympathische Seiten hat. Ein Gernegroß, der den Anschluss verloren hat, aber genug Frust im Bauch und Grips in der Birne, um noch jede Menge Stress zu machen. So entsteht das Psychogramm eines Zeitgenossen, den näher kennen zu lernen sich lohnt – weil er und seinesgleichen noch viel von sich hören lassen werden.



Von Oliver Heilwagen, veröffentlicht am 08.06.2020





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