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Ulrike Ottinger vor ihrem Holz-Puzzlebild "Allen Ginsberg", Paris, 1966; Foto: privat. Fotoquelle: Real Fiction Filmverleih

Paris Calligrammes


(Kinostart: 11.6.) Wie sie wurde, was sie ist: Ethno-Dokumentarfilmerin Ulrike Ottinger lässt ihre künstlerischen Anfänge in Paris Revue passieren. Im kulturellen Zentrum der damaligen Welt kamen viele Einflüsse zusammen; dazu liefert diese Doku informative Fußnoten.


Ulrike Ottinger war einmal der Inhalt einer Sprechblase aus dem Munde von Allen Ginsberg. Es gibt ein Foto davon: Vor einem Holzpuzzle, das den Beat-Poeten als Comicfigur zeigt, steht die junge deutsche Künstlerin und schaut unbewegt in die Kamera. Schwarzer Rollkragenpulli, Kurzhaarschnitt, kreisrunde Sonnenbrille – so cool, wie es nur Mitte der 1960er Jahre möglich war. Und vielleicht nur in Paris.

 

Info

 

Paris Calligrammes

 

Regie: Ulrike Ottinger,

129 Min., Deutschland/ Frankreich 2019;

mit: Ulrike Ottinger

 

Weitere Informationen

 

Das Ginsberg-Puzzle hatte Ottinger selbst angefertigt. Sie lebte als Malerin in der französischen Hauptstadt, lernte beim Grafiker Johnny Friedlaender die Technik der Radierung und hörte an der Universität Lesungen des Soziologen Pierre Bourdieu und des Ethnologen Claude Lévi-Strauss. Vor allem aber streifte sie durch die Stadt und nahm sie mit offenen Augen wahr, um ihre Zeichen zu verstehen, wie sie in ihrer jüngsten Doku „Paris Calligrammes“ erklärt.

 

Antiquariat der verbrannten Bücher

 

Der Film ist vieles zugleich: Autobiografie, Stadtporträt, Zeitgeschichte und Denkmal für Geisteshaltungen, die vom Nationalsozialismus aus Deutschland vertrieben oder vernichtet worden waren. Im Paris der frühen 1960er Jahre traf für Ottinger all das zusammen. Vor allem an jenem Ort, der dem Film seinen Titel gab: in der „Librairie Calligrammes“ von Fritz Picard. Der jüdische Emigrant sammelte hauptsächlich Altbestände von Büchern, die vom NS-Regime verboten und verbrannt worden waren. In seinem Antiquariat trafen deutsche Intellektuellen im Exil auf Pariser Kulturprominenz. Die Buchhandlung war Ottingers erster Anlaufpunkt und prägte ihr junges Künstlerinnenleben nachhaltig.

Offizieller Filmtrailer


 

Tränengas über der Sorbonne

 

1962 hatte sie sich mit 20 Jahren aus Konstanz auf den Weg gemacht, ins Zentrum der kulturellen Welt. Im selben Jahr endete der Krieg der Kolonialmacht Frankreich in Algerien mit ihrem Abzug. Das algerische Trauma und der Umgang mit der kolonialen Vergangenheit generell ziehen sich wie ein roter Faden durch mehrere Abschnitte des Films.

 

Auch auf andere einschneidende Ereignisse hatte Ottinger eine besondere Perspektive aus dem Fenster ihrer winzigen Dachgeschoss-Bude im Quartier Latin, gleich neben der Sorbonne. Im Mai 1968 sah sie, wie aus der Universität Rauch aufstieg. In den Folgetagen musste sie das Fenster geschlossen halten und zusätzlich abdichten, gegen Tränengas. Ottinger zeigt 1968 als Zeitenwende, in der Ideologien extrem zugespitzt wurden, neue Rivalitäten auf- und kulturelle Allianzen zerbrachen. Für sie war es der Endpunkt ihres Paris-Aufenthalts. 1969 verließ sie die Stadt, wandte sich von der bildenden Kunst ab und dem Kino zu.

 

Anmerkungs-Apparat zu Spielfilm-Trilogie

 

In „Paris Calligrammes“ zitiert Ottinger nun aus eigenen und fremden Filmen, spielt Lesungen und Chansons ein, collagiert Archivmaterial aus Cafés, den Parks, Museen und Theatern von damals mit Aufnahmen aus dem heutigen Paris, kurz bevor die Kathedrale Notre-Dame in Flammen aufging. Damit zeichnet sie nach, wie sich formierte, was zu ihrem künstlerischen Programm wurde: „Eine neue Kunst, in der ich alles, was mich interessierte, zusammenbringen konnte; Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges.“ Das will sie auch mit dieser Doku.

 

Ottingers bekannteste Spielfilme – speziell die Berlin-Trilogie von 1979 bis 1984 mit „Bildnis einer Trinkerin“, „Freak Orlando“ und „Dorian Gray im Spiegel der Boulevardpresse“ – lösen immer noch Verwirrung und Faszination aus; dazu verhält sich „Paris Calligrammes“ wie ein Fußnotenapparat. Nicht stocknüchtern, aber im Gestus sachlicher Entschlüsselung; die wird etwas schulmeisterinnenhaft in Off-Kommentaren vorgetragen. Gegliedert nach Themen, die den Kontext und einzelne Motive von Ottingers Arbeit erklären: politische Entwicklungen, Kunstgeschichte, kulturelle Wetterlagen und persönliche Leidenschaften.

 

Mit fast 80 über 20-Jährige sprechen

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Chamissos Schatten“ – zwölfstündige Doku über „Eine Reise zur Beringsee in drei Kapiteln“ von Ulrike Ottinger

 

und hier einen Bericht über den Film „Unter Schnee“ – Dokudrama über Traditionen in Nordjapan von Ulrike Ottinger

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung „Ulrike Ottinger: Floating Food“ – große Werkschau im Haus der Kulturen der Welt, Berlin

 

Vom Bilderstrudel und der Magie der Spielfilme haben diese Anmerkungen wenig; ohnehin konzentriert sich Ottinger seit Mitte der 1980er Jahre auf lange ethnografische Dokumentationen. Waren früher Assoziationen, Formwille und Ungestüm bestimmende Kräfte ihres Schaffens, geht es in „Paris Calligrammes“ um Analyse der Ursprünge und ein Ordnungssystem für ihre Ideen – als nachträglich angelegter Katalog für eine sehr inspirierende Bibliothek.

Dieser Gegensatz ist der Regisseurin natürlich bewusst. Sie formuliert die zentrale Frage am Anfang ihres Films: Wie erzählt man mit fast 80 Jahren, nach aller Erfahrung und Verbildung eines reichen Künstlerinnenlebens, die Biographie jener Zwanzigjährigen, die sie einst war, die nichts hatte außer Hunger und der Selbstgewissheit, irgendwann Bedeutendes zu leisten?

 

Piaf sang für die Fremdenlegion

 

Schön souverän ist, dass Ottinger diesen Widerspruch nicht krampfhaft auflösen will. Ihre Methode der kleinen Fingerzeige eröffnet oft weite Erkenntnisräume. Im Abspann schmettert Édith Piaf, so stolz und französisch wie nur möglich: „Non, je ne regrette rien.“ Ottinger setzt dazu noch eine Fußnote im Schlusstitel: Die Piaf widmete ihren Chanson der Fremdenlegion im Algerienkrieg. Ottingers Kommentar: „Noch ein Baustein im absurden Theater der Grausamkeit.“



Von Arno Raffeiner, veröffentlicht am 10.06.2020





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