Patricio Guzmán

Die Kordillere der Träume

Chilenische Anden. Foto: Copyright: Atacama Productions France

(Kinostart: 16.7.) Von Berggipfeln und den Abgründen der chilenischen Geschichte: Regisseur Patricio Guzmán nutzt die Anden als Kontrastfolie, um über die Pinochet-Diktatur zu reflektieren – ein assoziativer Ansatz, der nur teilweise aufgeht.

Im Vergleich zur Existenzdauer der meisten Steine währt unser Leben nur einen Wimpernschlag lang. Vom Gegensatz zwischen unbelebter Materie und dem vergänglichen Tun der Menschen geht eine Faszination aus, die offenbar auch den Regisseur Patricio Guzmán in ihren Bann gezogen hat. In der ersten Einstellung seines neuen Dokumentarfilms fliegt die Kamera langsam über die Millionenmetropole Santiago de Chile; in der Ferne erheben sich die schneebedeckten Gipfel der Anden.

 

Info

 

Die Kordillere der Träume

 

Regie: Patricio Guzmán,

85 Min., Chile 2019;

mit: Francisco Gazitúa, Vicente Gajardo, Pablo Salas

 

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Doch obwohl das Gebirge einen Großteil des Staatsterritoriums einnimmt, kehrt das Land ihm den Rücken zu – so zumindest die Auffassung des Regisseurs. Dieser Landschaft nähert sich Guzmán in majestätischen Panoramabildern und in Nahaufnahmen, die sich auf die mineralische Struktur einzelner Steine konzentrieren. Untermalt von Guzmáns sanfter Altherrenstimme strahlen diese Aufnahmen eine große Ruhe aus.

 

Vom Gediegenen zum Protest

 

Sie wechseln mit Interviewpassagen ab, in denen etwa zwei Bildhauer von ihrem Verhältnis zur Kordillere berichten; die Gebirgskette liefert ihnen ihr Arbeitsmaterial. So weit, so gediegen und konventionell – zumindest zunächst. Denn sobald Guzmán seinen Landsmann und Kollegen Pablo Salas interviewt, wechselt der Film plötzlich die Tonlage. Salas filmt seit fast fünf Jahrzehnten obsessiv alles, was ihm an Straßenprotesten vor die Kamera kommt. Sein einzigartiges Archiv nennt er „das Gedächtnis der Zukunft“.

Offizieller Filmtrailer OmU


 

Lebensthema seit 50 Jahren

 

Von nun an dominieren Bilder von gegenwärtigen und vergangenen Konflikten auf den Straßen Chiles den Film. Die meditative Naturschau entwickelt sich zur politischen Betrachtung und Analyse. Damit ist Patricio Guzmán bei seinem Lebensthema angekommen, das den 78-jährigen seit nunmehr 50 Jahren begleitet. Bereits zu Beginn seiner Laufbahn als Dokumentarfilmer blickte er mit „Primer Año“ (1971) auf das erste Regierungsjahr des damaligen sozialistischen Präsidenten Salvador Allende.

 

Er beging während des von General Augusto Pinochet angeführten Militärputsches am 11. September 1973 Selbstmord. Guzmán selbst wurde nach dem Putsch 15 Tage lang im Nationalstadion festgehalten, das von der Junta zum Internierungslager umfunktioniert worden war: Dort sperrte das Pinochet-Regime rund 40.000 tatsächliche oder vermeintliche Parteigänger Allendes ein, wie auch an anderen Orten. Mehrere Tausend Chilenen überlebten das nicht.

 

Landschaften und menschliche Schicksale

 

Guzmán jedoch schaffte es mitsamt seiner Filmrollen ins Exil. Obwohl er bis heute in Frankreich lebt, ließ ihn seine alte Heimat nie los. Seine Trilogie „Der Kampf um Chile“ (1975/76/79) setzt als politische Dokumentation bis heute Maßstäbe. Die Mehrheit seiner über 20 Dokumentarfilme befasst sich in der einen oder anderen Weise mit Chile und den unaufgearbeiteten Folgen der Diktatur.

 

Zusammen mit den beiden Vorgängerfilmen „Nostalgie des Lichts“ (2010) und „Der Perlmuttknopf“ (2015) bildet das aktuelle Werk eine Trilogie, welche die prägenden Landschaften Chiles – die Atacama-Wüste, den südlichen Archipel und das Faltengebirge der Anden – mit dem oft tragischen Schicksal seiner Bewohner verwebt. Dabei geht der Regisseur sehr assoziativ vor. So lässt er sich zum Beispiel vom Straßenpflaster im Zentrum Santiagos, das aus Steinen der Kordillere besteht, an seine glückliche Kindheit und die Tragik späterer Ereignisse erinnern.

 

Testlabor des Neoliberalismus

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Der Perlmuttknopf“exzellenter Essay-Film über die Verfolgung von Indios + Oppositionellen in Chile von Patricio Guzmán

 

und hier eine Besprechung des Films „¡No!“ – packendes Polit-Drama über die Absetzung von Diktator Pinochet in Chile von Pablo Larraín

 

und hier einen Bericht über den Film „Thinking like a Mountain“ – faszinierende Dokumentation in der Bergwelt Kolumbiens von Alexander Hick.

 

Diese Herangehensweise wirkt mitunter weit hergeholt. Insgesamt hätten dem Film weniger Protestbilder und Interviews zugunsten einer stärkeren inhaltlichen Verknüpfung gut getan. Nichtsdestoweniger gelingen Guzmán starke Szenen. So etwa, wenn die Kamera durch den verlassenen Büroturm des Pinochet-Regimes streift; ein Gänsehautmoment, der das zutiefst banale Gesicht des Bösen sichtbar werden lässt.

 

Parallel zu den Aufnahmen der tristen Räumlichkeiten reflektieren Guzmáns Gesprächspartner über die Auswüchse der neoliberalen Wirtschaftsordnung, welche die Militärjunta eingeführt hatte: Chile war das erste Land der Welt, in dem die monetaristischen Theorien der Chicagoer Schule um den Ökonomen Milton Friedman in die Praxis umgesetzt wurden. Mit Erfolg, aber zu einem hohen Preis: Während das Land einen anhaltenden Wirtschaftsaufschwung erlebte und 2010 als erster Staat Lateinamerikas der OECD beitreten konnte, vertiefte sich zugleich die starke soziale Spaltung.

 

Zerstörtes Innenleben

 

Allerdings hat sich Chile seit dem Ende der Pinochet-Diktatur 1989 auch zu einer stabilen Demokratie entwickelt, in der sozialistische und konservative Präsidenten einander abwechseln. Die Entwicklung der letzten drei Jahrzehnte unterschlägt Regisseur Guzmán. Stattdessen verknüpft er seine Analyse mit einem Seitenblick auf Privates: In der persönlichsten Szene des Films zeigt er sein Elternhaus in Santiago, von dem nur noch die Fassade steht. Luftbild-Aufnahmen enthüllen, dass das Gebäudeinnere komplett zerstört ist. Was beim Zuschauer den Eindruck hinterlässt, dass dieses Bild als Metapher für das ganze Land stehen könnte.