Benedict Cumberbatch

Edison – Ein Leben voller Licht

George Westinghouse (Michael Shannon, li.) und sein Rivale Thomas Edison (Benedict Cumberbatch) treffen auf einander. Foto: Leonine Distribution

(Kinostart: 23.7.) Alles ist erleuchtet – besser mit Gleich- oder Wechselstrom? An dieser Frage entzündete sich in den USA der 1880er Jahre ein Stromkrieg zwischen zwei Erfindern. Ihn transformiert Regisseur Alfonso Gomez-Rejon in ein elektrisierendes Historien-Psychodrama.

Fiat Lux: Keine andere Erfindung hat das moderne Leben so verändert und geprägt wie die Nutzung der Elektrizität. Vor allem als Lichtspender: Wo vorher schummrige Ölfunzeln und Gaslampen allenfalls Orientierung erlaubten, machten Glühbirnen fortan die Nacht zum Tag. In ihrem hellen Schein konnte man viel länger arbeiten, lernen oder sich amüsieren. Die westliche Zivilisation wurde zu derjenigen, die niemals schläft – bis zur chronischen Übermüdung.

 

Info

 

Edison – Ein Leben voller Licht

 

Regie: Alfonso Gomez-Rejon,

103 Min., USA 2017;

mit: Benedict Cumberbatch, Michael Shannon, Nicholas Hoult

 

Website zum Film

 

Erstaunlich, dass über diesen Epochenbruch bislang noch nie ein Film gedreht worden ist; das holt Regisseur Alfonso Gomez-Rejon nun glänzend nach. Dabei führt der deutsche Titel „Edison – Ein Leben voller Licht“ ins Dunkle: Weder steht der berühmte Allround-Erfinder Thomas Alva Edison allein im Zentrum, noch wird er als Lichtgestalt vorgeführt. Der Originaltitel „The Current War“ („Der Stromkrieg“) trifft die Sache: die jahrelange erbitterte Auseinandersetzung zwischen Edison mit seinen Konkurrenten George Westinghouse und Nikola Tesla.

 

Berühmt durch Manhattan-Beleuchtung

 

Bei ihrem Streit ging es um eine knifflige technische Frage: Wie funktionieren Gleich- und Wechselstrom – und was ist besser? Mit der elektrischen Beleuchtung zweier Häuserblocks in Manhattan 1880 war Glühbirnen-Erfinder Edison (Benedict Cumberbatch) auf Knopfdruck zur nationalen Berühmtheit geworden. Er setzte auf Gleichstrom bei niedriger Spannung; der war ungefährlich, aber teuer, weil dafür etliche kleine Kraftwerke nahe bei den Stromabnehmern errichtet werden mussten. Zudem verschlangen langwierige Experimente viel Geld; Edison war auf den Langmut seines Bankiers J.P. Morgan angewiesen.

Offizieller Filmtrailer


 

Elektro-Exekutionen von Tieren

 

Dagegen hatte George Westinghouse (Michael Shannon) genug Eigenkapital; er war mit seiner Erfindung einer Druckluftbremse für Züge reich geworden. Westinghouse favorisierte günstigen Wechselstrom, den man in Großkraftwerken erzeugen und bei hoher Spannung verlustarm über weite Strecken leiten kann. Doch dazu muss er transformiert werden, und hohe Spannung ist lebensgefährlich – letzteres war Edisons Hauptargument, um die Technik seines Rivalen mies zu machen. Etwa mit spektakulären Elektro-Exekutionen von Tieren.

 

Zwischen den Fronten stand Nikola Tesla (Nicholas Hoult). Der im heutigen Kroatien geborene Serbe war ein genialer Autodidakt und exzentrischer Eigenbrötler; er lebte als Dandy ständig über seine Verhältnisse. 1884 wurde er von Edison angeheuert, aber nach kurzer Zeit wegen zu hoher Gehaltsforderungen entlassen. Nach dem Bankrott seines eigenen Unternehmens stellte Westinghouse ihn ein; Teslas Verbesserungen machten die Wechselstromtechnik alltagstauglich. Damit verhalf er seinem Arbeitgeber zu dessen größtem Erfolg: dem Auftrag zur Beleuchtung der Weltausstellung in Chicago 1893 mit 28 Millionen Besuchern.

 

Psychodynamik eines Trios

 

Nicht aber das Hantieren mit Kabeln, Widerständen und Stromzählern steht im Mittelpunkt des Films, sondern die Psychodynamik zwischen den drei Akteuren. Ohne einen ins Rampenlicht zu stellen, modelliert er bei jedem von ihnen Licht- und Schattenseiten subtil heraus. Den flamboyanten Workaholic und Egomanen Edison spielt Cumberbatch, vor Energie schier berstend, mit funkensprühender Ambivalenz: Einerseits will er Wohltäter der Menschheit sein, andererseits opfert er dafür moralische Prinzipien und Familienglück.

 

Hintergrund

 

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Anders Westinghouse: Der Industriebaron baut besonnen ein Firmenimperium auf. Für technische Fragen engagiert er Spezialisten; seine Beschäftigten behandelt er für damalige Maßstäbe gut, damit sie loyal und motiviert bleiben. Diesen klassischen Unternehmens-Patriarchen gibt Michael Shannon als reflektierten und taktvollen Sympathieträger; man möchte lieber seinen durchdachten Business-Plan abarbeiten, als Edisons irrlichterndes Ideenfeuerwerk zu ertragen.

 

Schauwerte von Heureka-Momenten

 

Oder Teslas erratisches Sozialverhalten: Der US-Neubürger hat viele Talente, er brilliert am Billardtisch ebenso wie an Schalttafeln – aber jede Unterhaltung mit ihm macht Nicholas Hoult zum anstrengenden geistigen Hürdenlauf. Und Gespräche gibt es viele: Über weite Strecken reiht der Film Meetings, Arbeitsbesprechungen und Wortgefechte von Anzugträgern mit Zylindern aneinander. Dass dieses Konversationsdrama in plüschigen Kulissen dennoch durchweg fesselt, verdankt sich vor allem Kameramann Chung-hoon Chung.

 

Er kitzelt aus dieser statischen Welt ein Maximum an Schauwerten heraus; seine Kamera schwebt schwerelos durch Zugabteile, Forschungslabore und Verwaltungspaläste. Und fängt Heureka-Momente ein: wenn etwa anfangs Edison potentielle Finanziers mit der Bahn auf einen Acker karren lässt, wo vor ihren Augen plötzlich Hunderte von Lampen aufleuchten.

 

Oder der Erfinder eine mannshohe Landkarte mit Glühbirnen für jedes neue städtische Stromnetz spickt: rot für sein eigenes Gleichstrom-System, weiß für den Wechselstrom seines Gegners. So springt die Hochspannung dieser Episode der Technikgeschichte elektrisierend anschaulich auf den Zuschauer über. Nur wie Gleich- und Wechselstrom eigentlich funktionieren, erfährt er durch diesen Film nicht.