Christian Petzold

Sie haben ihre Figuren getanzt

Regisseur Christian Petzold. Foto: © Schramm Film

In „Undine“ belebt Regisseur Christian Petzold den Wassergeist-Mythos für eine tödlich unbedingte Liebesgeschichte. Damit wolle er auch Geheimnisse und den Zauber von Berlin bewahren, der zurzeit zerstört wird, erklärt er im Interview.

Herr Petzold, die Filmhandlung von „Undine“ scheint durch Wasser in Fluss gebracht zu werden. Was verbindet Sie mit dem nassen Element?

Es gibt einen Filmsatz, den ich hasse, nämlich: „Ich will noch einmal das Meer sehen.“ Ich verstehe aber, dass Menschen das Meer sehen wollen. In meinem Film „Die innere Sicherheit“ gibt es eine kleine Szene à la „Moby Dick“: Darin sagt der Verleger, dass Menschen, wenn sie nicht mehr weiter wissen, an ein Gewässer gehen – zum Fluss, See oder ans Meer. Das leuchtet mir ein.

 

Info

 

Undine

 

Regie: Christian Petzold,

92 Min., Deutschland 2019;

mit: Paula Beer, Franz Rogowski,

Jakob Matschenz

 

Website zum Film

 

Das Kino liebt das Meer: Das Wasser ist das Element, aus dem wir kommen und in dem wir Trost oder unseren Ursprung suchen. Bei den Dreharbeiten zum TV-Film „Toter Mann“ haben Nina Hoss und ich haben viel über Nymphen und Sirenen gesprochen, über Heinrich Heine und den Rhein, über Schiffbrüchige, über Odysseus und über Undine. Dieses Thema war immer in meinem Kopf.

 

Keine Wischi-Waschi-Liebe

 

Wie haben Sie daraus einen Film entwickelt?

 

Aus einer kleinen „Undine“-Szene für einen Film, der nicht zustande kam. Der zentralen Dialog war: „Wenn du mich verlässt, muss ich dich töten.“ – „Wenn ich in einer halben Stunde zurückkehre, wirst du mich wieder in die Arme nehmen und sagen, dass du mich für immer liebst.“ – „Wenn du weggehen solltest, musst du sterben.“ Ich wollte Wischi-Waschi-Liebesgeschichten à la „Ich hab‘ eine andere kennen gelernt und mache jetzt Schluss“ etwas Rigoroses entgegensetzen.

Offizieller Filmtrailer


 

Keine Werbung für die Liebe

 

Gibt es einen Zusammenhang zwischen „Undine“ und Ihrem letzten Film „Transit“?

 

In „Transit“, wo Paula Beer als Marie wohl bei einem Schiffsunglück ertrunken ist und Franz Rogowski, obwohl in größter Gefahr, trotzdem am Hafen auf sie wartet, habe ich diese beiden Schauspieler und ihre Art zu spielen, kennen gelernt. Sie haben ihre Figuren getanzt; sie konnten miteinander gehen. Wenn die sich in die Arme nehmen, habe ich nicht das Gefühl, dass sie Zuschauer brauchen. Die machen keine Werbung für die Liebe.

 

Wie gewannen Sie Beer und Rogowski für „Undine“?

 

Am Ende der Dreharbeiten für „Transit“ erinnerte ich mich an die „Undine“-Geschichte und sagte, ich hätte einen neuen Filmstoff, hatte aber nur ein paar Sätze. Aber die habe ich so gut erzählt, dass ich ihre Aufmerksamkeit bekam. Ich improvisierte mit der Schiffbrüchigen Marie, die aus dem Meer kommt, um ihn an Land zu suchen, und der Geschichte dieses Industrietauchers, der ins Wasser geht und eben Marie sucht. So könnte die Liebesgeschichte schlüssig weitergehen.

 

Wie eine Königin im Exil

 

Gibt es Themen, die Sie nur mit den Beiden besetzen würden?

 

Durch die Beiden fallen mir die Stoffe erst ein. Ich bin nicht wie andere Regisseure, habe keinen Schrank voller Ideen. Ich habe keine. Ich entwickle Ideen, während ich etwas erzähle oder erlebe. Die Art und Weise, wie die beiden bei „Transit“ begonnen haben sich, zu lieben, und diese Liebe sinnlos war, weil sie einen Toten liebt und er eine Lebendige, die einen Toten liebt, ist ja unmöglich. Als ich darüber nachdachte, kam die nächste Geschichte zustande.

 

Das war bei Nina Hoss ähnlich. Ich dachte immer über sie, das ist eine Königin im Exil. Sie geht so aufrecht, die gehört gar nicht in diese Welt. Wie eine Fremde guckt sie sich alles an und wundert sich: Was mache ich hier und was habt ihr vor? Wie ein Alien, auf gute Art und Weise. Ihre Figuren können genauso durch die DDR gehen wie durch das postfaschistische Berlin. So konnten wir eine ganze Reihe Filme machen. Das passiert mir gerade auch mit Franz und Paula. Die beiden führen miteinander etwas auf, das über das hinausgeht, was ich mir vorstellen kann.

 

Sich der Vergangenheit entledigen

 

„Undine“ hält eine bestimmte Stimmung von Anfang bis Ende; eine fühlbare Melancholie, die nicht trieft, aber wahrhaftig ist. Braucht es dafür die Großstadt Berlin?

 

Ich lebe in Berlin – und Berlin liebt man nicht. Das Höchste, was ein Berliner als Lob sagt, ist: Da kann man nicht meckern. Mehr ist nicht drin. Das gefällt mir aber auch. Die Stadt hat Schwierigkeiten damit, Bilder von sich zu produzieren. Etwa das Brandenburger Tor? Das ist ja lächerlich.

 

Aber: Berlin hat etwas anderes, man kann sich ein Gefühl für die Stadt erarbeiten; sei es Liebe zu ihr, sei es Hass oder Leidenschaft. Paula Beers Undine ist eine Figur der Romantik, die als Sagen- und Fantasiegestalt in einer Stadt umhergeht, die sich ihrer Vergangenheit, ihres Zaubers entledigt.

 

Orte wieder verzaubern

 

Wo in Berlin nehmen Sie das wahr?

 

Was und wie in Berlin gebaut wird, ist eine Katastrophe; reine Massenproduktion. Da sitzen Leute an Schaltstellen, die kein Gefühl dafür haben, dass eine Stadt auch wachsen muss, dass eine Stadt organisch ist. Man kann hier nicht nur Wohnhäuser im Retro-Style bauen.

 

Undine ist eine Figur, die Brüche braucht, Sumpfgebiete. Gebiete, die fürchten lassen, wo die Leute nachts sagen: Da gehe ich nicht durch, da ist irgendwas. Hunde, die eine Ecke meiden, weil sie das spüren. Solche Geheimnisse und Zauber braucht eine Stadt; auch Brachflächen und Ruinen, Verfallenes. All das wird in Berlin gerade beseitigt. Damit wird Undines Lebensraum zerstört. Über diese Zerstörung des Zaubers kann Undine im Film als Stadthistorikerin berichten.

 

Franz und Paula schaffen es im Film, Orte wieder zu verzaubern: Ein fürchterliches Airbnb-Apartment wird plötzlich schön. Der Vortrag, den sie ihm hält, wird bezaubernd und sexy. Als würde das Apartment wie ein Eimer unter Wasser gesetzt und die beiden darin schwimmen.

 

Antonioni als Wiederverzauberer

 

Ist dafür Kino nötig?

 

Im Song „Neonlicht“ der Band „Kraftwerk“ heißt es: „Wenn die Nacht anbricht, ist diese Stadt aus Licht, Neonlicht“. Die Schönheit einer Straßenkreuzung in Neonlicht, mit Ampeln, die scheinbar allein für sich umschalten, erinnert an Gemälde von Edward Hopper. Bilder von Antonioni über Turin und aus dem Umland von Mailand schaffen es, diese Städte wieder zu verzaubern. Das kann Kino. Sobald das Kino nur noch Filme in Kulissen dreht, finde ich das Retro-Mist; genauso die Retromanie in der Musik. Wenn aber die Kenntnis von, sagen wir: Musik der 1960er Jahre in heutige Songs eingeht, ist es richtig. 

 

Romantik und Moderne begegnen sich in „Undine“, in dem ihnen ein anderes Paar entgegen kommt. Die Liebenden Paula und Franz schweben beinahe, während das zweite Paar, Undines Ex-Freund und seine neue Freundin, an ihnen auf einem schmalen Steg vorbei rast. Was zeigt uns diese Passage?

 

Julia Richter spielt Nora, die neue Freundin von Jacob Matschenz. Ihr habe ich erklärt, dass sie für die Junge Union arbeite, gerade von einem Vortrag komme und auf dem Weg zurück zur Geschäftsstelle sei. Deshalb trägt sie einen Kaffee in der einen Hand und hat einen Rollkoffer in der anderen. Sie erzählt und erzählt, weil ihr Freund sie abholt. Politiker sind durchgetaktet; in diesem Moment hat sie Zeit für Privates, gleich muss sie wieder vor Leuten in einer Seminarsituation sprechen.

 

Wenn die Außenwelt egal wird

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Undine“ von Christian Petzold

 

Films „Transit“ – Flüchtlings-Melodram mit Paula Beer und Franz Rogowski von Christian Petzold

 

und hier einen Bericht über den Film „Phoenix“ – komplexes KZ-Überlebenden-Drama von Christian Petzold

 

und hier einen Beitrag über den Film „In den Gängen“poetische Kleine-Leute-Studie in Ostdeutschland von Thomas Stuber mit Franz Rogowski

 

Ihnen gegenüber stehen Paula Beer und Franz Rogowski, die in dieser Nacht zusammen geschwommen sind – intellektuell und körperlich. Sie sind beisammen geblieben. Als könnten sie sich nicht voneinander lösen; als wäre ihnen die äußere Welt außen um sie herum vollkommen egal.

 

In dieser Szene begegnen sich völlige Gegensätze: auf der einen Seite die Abgeordnete und ihr Freund – auf der anderen Seite diejenigen, die sich so lieben, dass sie aus dieser Welt herausfallen. Die küssen sich, schließen dabei die Augen, hören uns nicht mehr – und sind deshalb schön.

 

Das Filmteam bleibt am Platz

 

„Undine“ hatte seine Weltpremiere im Wettbewerb der Berlinale. Sie haben vor zwei Jahren einen Offenen Brief an die Berlinale mit unterzeichnet, der Probleme des Festivals benannte. Hat sich mit der neuen Leitung etwas geändert?

 

Ich bekam einen Brief von Berlinale-Chef Carlo Chatrian, der den Film sehr schön beschreibt und etwas erwähnt, was mir vorher so nicht klar war. Da dachte ich mir: Ein Ort, an dem solche Briefe geschrieben werden, dürfte ein Ort sein, an dem der Film sich wohl fühlen könnte.

 

Ein anderer Unterschied ist: Bei Premieren werden die Filmteams nicht mehr auf die Bühne geholt. Das Team bleibt auf seinen Plätzen und steht nur kurz auf, wie in den USA. Das finde ich sehr cineastisch: Man ist Teil des Publikums. Wir machen nämlich kein Theater mit einer Bühne, sondern Kino. Das finden viele enttäuschend, aber ich finde das besser: Das ist viel mehr Kino als vorher.