Berlin

Pop on Paper – Von Warhol bis Lichtenstein

Mel Ramos: Tobacco Rose, 1965, Siebdruck in vier Farben, aus „11 Pop Artists II“, © VG Bild-Kunst, Bonn 2020 / Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett / Volker-H. Schneider

Als das Protzen noch geholfen hat: Die Pop Art feierte den Konsumismus der Nachkriegszeit so plakativ und krass, dass die ironische Absicht unverkennbar war. Das zeigt ein Best-of von Siebdrucken und anderen Grafiken aus der Sammlung des Kupferstichkabinetts.

„BANG“, schreit der comicartige Schriftzug in fetten Lettern auf dem Autokühler. Eine langhaarige Frau streckt sich auf dem Wagendach mit Rallye-Streifen; grellgrün strahlt der plakative Bildgrund. Damit enden die poppigen Avancen: Das offenkundig handgepinselte Bildchen von Antje Dorn aus dem Jahr 2000 nimmt die amerikanische Pop Art gehörig auf die Schippe.

 

Info

 

Pop on Paper –
Von Warhol bis Lichtenstein

 

12.05.2020 – 16.08.2020

täglich außer montags

10 bis 18 Uhr,

samstags und sonntags ab 11 Uhr

im Kulturforum, Kupferstichkabinett, Matthäikirchplatz, Berlin

 

Katalog 38 €

 

Weitere Informationen

 

Ihre ironische Persiflage lässt die Luft raus aus dem männerdominierten Sex-und-Konsum-Geprotze der US-Heroen, die mit ihren Siebdrucken in den 1960er Jahren ein neues hedonistisches Kunstzeitalter der populären Massenmedien ausriefen. Dorns ungelenk bäuchlings posierende Protagonistin wirkt ebenso wie der piefige Kleinwagen, auf dem sie liegt, alles andere als hip und cool.

 

Was bleibt von der Pop Art?

 

Die 1965 geborene Künstlerin wuchs in Aachen mit der Pop-Art-Sammlung des Schokoladen-Königs Peter Ludwig auf, der dort sein erstes einer ganzen Reihe von Museen eröffnete. Jetzt gehört Dorn wie die Filmemacherin Ulrike Ottinger und die Kunstfigur „SUSI POP“ zu den Künstlerinnen, deren Adaptionen, Persiflagen und Reflexionen die arrivierte Pop Art von Warhol bis Lichtenstein erfrischend aufmischen. Was ist noch dran an der Pop Art? Was geben die Bestände des Kupferstichkabinetts her?

Offizieller Trailer zur Ausstellung; © Staatliche Museen zu Berlin


 

Ein Hauch der großen freien Welt

 

Wer die 100 Werke der Schau „Pop on Paper“ sehen will, muss dafür eine Schutzmaske aufsetzen – stilsicher mit bunter Pop Art bedruckt. Jeweils 40 Besucher zugleich dürfen mit einem Zeitfensterticket der Ausstellung hinein. Echte Farbe, haptisches Papier, riesige und winzige Formate: endlich wieder Kunst im Original, anstatt immer nur im Internet Museumssäle virtuell zu durchstreifen.

 

Vor genau 50 Jahren kaufte das Westberliner Kupferstichkabinett die ersten Pop Art-Grafiken an; darunter Andy Warhols nachdenkliches Selbstbildnis von 1966 und seine „Marilyn“ gleich im Zehnerpack, in Pink-, Grün- und Silbertönen stets neu geschminkt. Seinerzeit empfand man die neuen Siebdrucke aus Amerika, so der spätere Sammlungschef Alexander Dückers, in der kulturellen Enge der Mauerstadt als aufregenden Hauch der großen freien Welt. Im Osten galt die großspurig auftrumpfende Konsumkunst natürlich nicht als museumswürdig.

 

Schluss mit pathetischen Riesengesten

 

Keine andere Kunstströmung hat so programmatisch mit Papier die Aufmerksamkeit erobert. Das Medium Druckgrafik war für den gelernten Werbegrafiker Warhol und seine Kollegen keine zweite Wahl mehr: Gerade das Image billiger Massenware reizte sie. Individuelle Pinselhandschrift adé: Das war auch ein Seitenhieb auf die pathetischen Riesengesten des zuvor dominierenden Abstrakten Expressionismus à la Jackson Pollock.

 

Warhol trat zugleich als seine eigene Werbemaschine auf, permanente Selbstvermarktung inbegriffen: Auf einer 1966 bedruckten Einkaufstasche des Museums Boston prangt sein Motiv der Campbell’s-Suppendose. Billiges Give-Away oder hochkarätige Auflagenkunst? Die Pop Art hebelte Kategorien aus, die heute erst recht fragwürdig erscheinen.

 

Kleid für zwei Etiketten + einen US-Dollar

 

Im Kabinett mit Werken von Roy Lichtenstein zeigt sich, dass plakative Pop Art auch feinsinnig und hintergründig sein kann: In gerasterten Repro-Dots im Comic-Stil deklinierte er die Kunstgeschichte von Monet über Picasso bis zum dynamischen Pinselschwung durch. Auf Papp- und Porzellanteller gedruckt, wirkt das schnittige Punkt-Raster hochdekorativ. Die Siebdrucktechnik, eigentlich aus der kommerziellen Reklame stammend, war eben enorm wandlungsfähig.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung „Yes!Yes!Yes! Warholmania in Munich“ – große Werkschau von Andy Warhol im Museum Brandhorst, München

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung „Ludwig goes Pop“ – facettenreicher Überblick der Pop-Art mit Werken von Andy Warhol und Mel Ramos im Museum Ludwig, Köln

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung „German Pop“westdeutsche Pop Art in der Schirn Kunsthalle, Frankfurt am Main

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung „Summer of Love: art, fashion, and rock and roll“psychedelische Pop Art aus San Francisco im PalaisPopulaire, Berlin.

 

Technisch funktioniert sie nach dem Schablonenprinzip, was satte Farbflächen ermöglicht. Damit lässt sich jede Oberfläche bedrucken: ob Metallfolie, Plexiglas oder Stoffgewebe. Ein flottes Einweg-Minikleid aus Papiervlies, im Warhol-Stil mit „Campbell’s“-Dosen verziert, konnte man 1967 bestellen, indem man zwei Suppendosen-Etiketten und einen US-Dollar einschickte. Dieser clevere Marketing-Gag des Herstellers war nicht vom Künstler initiiert.

 

Kaleidoskop einer Ära

 

Das hat Witz. Doch die gut abgehangene Pop Art erweist sich trotz aller unvergilbten Farbenfrische als Produkt eines fremden, fernen Zeitalters. Der unverblümte Sexismus, all die Sprühdosen, Glühbirnen, Zigarettenschachteln und monumentalen Tankstellen – diese Bilderwelt ist wirklich ein halbes Jahrhundert alt. „Sweet Dreams, Baby!“, knallt ein Lichtenstein-Druck dem Comic-Protagonisten mit der Faust um die Ohren; als wär’s ein billiger Actionfilm.

 

Am Ende des Rundgangs saust ein US-Kampfbomber quer durch einen vierteiligen Riesenfries aus sich überlagernden Fotomotiven, Mustern und Logos von James Rosenquist. Ein Sonnenschirm spannt sich über einem Atompilz; die Haut eines lachenden Kindes unter der Trockenhaube wirkt wie mit Brandmalen übersäht. So mixt dieses 1974 entstandene Werk virtuos Motive aus dem damaligen Bilderstrom in den Medien zum Kaleidoskop einer Ära. Aber die ungebremste Konsum-Euphorie der Pop Art zeigt hier auf einmal Risse und wird brüchig; sie war es wohl von Anfang an.