Nikolaj Coster-Waldau

Suicide Tourist – Es gibt kein Entkommen

Max (Nikolaj Coster-Waldau) unter Wasser. Foto: Niels Thastum - DCM Filmdistribution

(Kinostart: 2.7.) Halbherzig in den Freitod: Regisseur Jonas Alexander Arnby beleuchtet in seinem emotional gleichförmigen Drama das Innenleben eines Selbstmörders und die Implikationen von aktiver Sterbehilfe – der Film wirkt etwas unentschlossen.

Was bleibt einem Mensch, wenn er todkrank ist und nicht mehr viel Zeit hat? Er könnte den Rest des Lebens genießen und machen, was er immer schon machen wollte. Oder den nahenden Tod einfach verdrängen und seinen Alltag weiterleben. Er könnte sein Leben aber auch selbst beenden, um im Endstadium der Krankheit nicht noch mehr zu leiden. Max (Nikolaj Coster-Waldau), Ende 40 und glücklich verheiratet, hat sich für letztere Variante entschieden. Obwohl ihm seine Frau Laerte (Tuva Novotny) eine Reise nach Südafrika zum Geburtstag schenkt, treibt ihn nur noch eines um: sterben, bevor der rasant wachsende Hirntumor ihn dahinrafft.

Info

 

Suicide Tourist –
Es gibt kein Entkommen

 

Regie: Jonas Alexander Amby,

90 Min., Dänemark/ Norwegen/ Deutschland 2019;

mit: Nikolaj Coster-Waldau, Tuva Novotny, Robert Aramayo

 

Weitere Informationen

 

Diesen Wunsch umzusetzen, erweist sich als nicht so leicht. Jedes Mal, wenn der Versicherungsmakler versucht, sich umzubringen, kommt ihm der banale Alltag in die Quere. Als er sich im Wohnzimmer erhängen will, sieht er den Nachbarn durchs Fenster und bricht ab. Als er sich mit einem umgebundenen Stein im Hafenbecken ertränken will, klingelt plötzlich sein Telefon. Der Anruf holt ihn allerdings nur vorübergehend ins Leben zurück. Letztlich führt er ihn ebenfalls in den Tod – wenn auch langsamer.

 

Betreutes Sterben in der Morgenröte

 

Max erfährt von einem Hotel, das betreute Suizide anbietet. Dass es „Aurora“ heißt – griechisch für Morgenröte – und mit den Slogan „a beautiful ending“ wirbt, überzeugt den Lebensmüden sofort. Kurze Zeit später fliegt er in Begleitung einer wortkargen Mitarbeiterin dorthin – ohne seiner Frau etwas zu sagen. Bis zu diesem Punkt inszeniert der norwegische Regisseur Jonas Alexander Arnby die Geschichte recht geradlinig, abgesehen von einigen Rückblenden.

Offizieller Filmtrailer


 

Unklare Gefühlslagen

 

Kaum ist Max im Hotel angekommen, entwickelt die Handlung plötzlich psychedelische Qualitäten. Inmitten einer beeindruckenden Berglandschaft trifft er auf mysteriöse Gestalten, hat Alpträume und irgendwann auch Halluzinationen. Die sind entweder auf den Hirntumor oder den Konsum von Opium zurückzuführen, zu dem ihn ein Schicksalsgenosse eingeladen hat. Diese Szenen und die gescheiterten Selbstmordversuche sind die einzigen, die sich ein bisschen weniger ernst nehmen und einen anderen Tonfall anschlagen.

 

Sie bewahren den Film jedoch nicht davor, zur existenzialistischen Nabelschau zu geraten. Auf emotionaler Ebene bleibt ein monotoner Eindruck. Die Kamera von Niels Thastum setzt selbst die Natur hinter dunkle Farbfilter; offenbar geht es hier vor allem darum, die Innenwelten eines Mannes abzubilden. In die kann man sich allerdings kaum einfühlen – auch weil nie klar wird, wofür es sich in Max‘ Augen eigentlich zu leben lohnte. Und wieso er sich selbst im Hotel schwer tut, zu seiner Entscheidung zu stehen.

 

Nahestehende einweihen?

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Arthur & Claire“ – makaber-skurrile Selbstmord-Dramödie von Moiguel Alexendre

 

und hier eine Besprechung des Films „A Cure for Wellness“ – glänzend grusliger Mystery-Thriller in abgelegenem Sanatorium von Gore Verbinski

 

und hier einen Bericht über den Film „Coconut Hero“ – Coming-of-Age-Selbstmord-Groteske von Florian Cossen

 

und hier einen Beitrag über den Film „About a Girl“subtile Selbstmörderin-Tragikomödie von Mark Monheim mit Heike Makatsch.

 

Auch wenn der berühmte „Game of Thrones“-Darsteller Nikolaj Coster-Waldau souverän spielt, wirkt seine Figur in ihrer aufgesetzten Durchschnittlichkeit eindimensional. Zumindest die Angst, die ihn stets begleitet, ist ihm allerdings kaum zu verübeln. Schließlich sieht er sich nicht nur mit dem Tod konfrontiert, sondern auch mit einer Gesellschaft, die Suizid und auch aktive Sterbehilfe weitgehend tabuisiert. Dass Max selbst seiner Frau nicht von seinem Todeswunsch erzählen kann und einfach verschwindet, scheint hierfür geradezu symptomatisch.

 

In dieser düsteren Meditation, die als Thriller vermarktet wird, geht es weniger um die Frage, wie sich am besten selbstbestimmt sterben lässt. Sondern vielmehr darum, wie man mit Nahestehenden umgeht: Ist es unfair, oder vielleicht sogar besser, sie nicht in derartige Pläne einzuweihen? Gibt es einen guten Tod? 2015 starben allein in Deutschland mehr Menschen durch Suizid als an Verkehrsunfällen, illegalen Drogen, Aids und Mordfällen zusammen. Darunter sind auch viele Todkranke. In den meisten Ländern dieser Welt haben sie dazu bisher keine legale, staatlich anerkannte Alternative.

 

Sterbehilfe als gesellschaftliches Thema

 

Solange über den „guten Tod“ als Äquivalent zum „guten Leben“ geschwiegen wird und Krankenhäuser zudem viel Geld damit verdienen, schwerkranke Menschen am Leben zu halten, wird sich daran wohl nur wenig ändern. „Suicide Tourist“ ist zumindest eines: ein erstes, wenn auch filmisch unentschlossen wirkendes Beispiel dafür, wie sich das Thema ins gesellschaftliche Bewusstsein – und damit vielleicht bald auch in die Politik – bringen lässt.