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Ist der brennende Kinderwagen eine versteckte Drohung gegen Xhafer (Mišel Matičević)? Foto: Alamode

Exil


(Kinostart: 20.8.) Weitergehen, ohne je anzukommen: Wie Kafkas Landvermesser K. jagt der kosovarische Ingenieur Xhafer einem unerreichbaren Ziel hinterher – der Integration. Seine wachsende Paranoia registriert Regisseur Visar Morina mit unbarmherziger Präzision.


Es gibt Filme, die sind nicht auszuhalten; oft liegt es an mangelhaftem Handwerk oder schlichtem Mangel an Imagination. Und dann gibt es Filme, die gilt es auszuhalten: weil die Identifikation mit der Hauptfigur schwerfällt; weil der Blick in den Spiegel weh tut – oder weil ein großes Unbehagen über der Szenerie liegt; eine Ahnung, dass hier etwas fundamental schief läuft.

 

Info

 

Exil

 

Regie: Visar Morina,

126 Min., Deutschland/Belgien/ Kosovo 2020;

mit: Sandra Hüller, Mišel Matičević, Rainer Bock

 

Weitere Informationen

 

Zu letzteren Filmen zählt „Exil“, wobei er etwas Geduld erfordert. Die erste Parallelfahrt der Kamera zeigt den Protagonisten Xhafer (Mišel Matičević), während er in seinem Vorort eine Straße entlanggeht. Das erinnert an Michael Hanekes Verfilmung von Kafkas Fragment „Das Schloss“: Wie der Landvermesser K., der so gerne Teil der Herrschaftssphäre wäre, würde auch der Pharmaingenieur X gerne in der westdeutschen Mittelklasse ankommen. Doch wie bei Kafka scheint sich der ersehnte Status trotz zunehmenden Bemühens immer weiter zu entfernen.

 

Alltag aus Mikro-Aggressionen

 

Xhafer kommt aus dem Kosovo. Obwohl sein Leben dem jedes deutschen Büroangestellten mit Haus und Kleinfamilie gleicht, wird er immer wieder an seine Herkunft erinnert: mal von der Schwiegermutter, mal im Büro, wo er ständig seinen Namen wiederholen muss und immer noch für einen Kroaten gehalten wird. Sein Alltag wird als Abfolge von Mikro-Aggressionen dargestellt, die sich zur immer gleichen Aussage verdichten: Du bist nicht von hier, du gehörst nicht dazu.

Offizieller Filmtrailer


 

Von Arbeit zum Eigenheim + zurück

 

Als er an seinem Gartentor eine tote Ratte findet, ist er sich sicher, dass er gemobbt wird. Die Serie von seltsamen Vorfällen, die sich in Xhafers Kopf langsam zu einem Muster verdichten, bilden den dünnen Faden, an dem entlang sich die Handlung ganz allmählich entwickelt. Denn tatsächlich passiert im Wortsinne nicht viel.

 

Mehr als für die Herkunft der Ratte interessieren sich Regisseur Visar Morina und Kameramann Matteo Cocco zunächst für die Folgen für Xhafers inneren Zuständen. Die spiegeln sich vor allem in seinem Gesicht und in der Darstellung der Innenräume seines Daseins: Der Film pendelt fast ausschließlich zwischen Arbeitsstelle und Eigenheim.

 

Kollektives Dauerschwitzen

 

Wenn sich die Kamera doch einmal ins Freie wagt – etwa weil dort ein Kinderwagen brennt –, dann wirkt auch dieses Draußen furchtbar eng. So gelingt dem Film, unterschwellige Gefühle zu visualisieren. Nicht nur Xhafers allmähliche Erkenntnis, für immer als der Andere gebrandmarkt zu sein, sondern auch eine gewisse Sprach- und Lieblosigkeit in seinem kompletten Umfeld: ein kollektives Sich-Ergeben in eine im Grunde unerträgliche Situation.

 

Das würde Michael Haneke, an dessen Film „Caché“ die Figurenaufstellung erinnert, vermutlich die „Vergletscherung der Gefühle“ nennen. Der aus dem Kosovo stammende Regisseur Morina wählt dafür eine fast gegensätzliche Metapher: Er lässt seine Figuren schwitzen. Eine unaufhörliche Hitzwelle scheint über der Stadt zu liegen, über die freilich niemand redet.

 

Desintegration des Musterpaares

 

Stattdessen schwitzen die Männer in ihren zu engen Hemdkrägen und grell ausgeleuchteten Arbeitsräumen, weil der schiere Druck zu funktionieren, dazuzugehören, niemals nachlässt. Kein Wunder, dass in diesem Szenario auch der Sex nur dysfunktional sein kann: Xhafers Kollege nervt als Single wider Willen mit erfundenen Erzählungen davon. Xhafer selbst nutzt seinen Status im Büro für ein freudloses Verhältnis mit der Putzfrau.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier ein Interview mit Hauptdarsteller Mišel Matičević über „Exil“

 

und hier eine Rezension des Films „Babai – Mein Vater“ – eisiges Drama über Kosovo-Emigranten von Visar Morina

 

und hier einen Bericht über den Film „Der Albaner“ – Immigrations-Thriller über die Kriminalisierung eines Kosovaren in Deutschland von Johannes Naber

 

und hier einen Beitrag über den Film „In den Gängen“poetische Kleine-Leute-Studie in Ostdeutschland von Thomas Stuber mit Sandra Hüller.

 

Derweil erodiert zuhause seine Ehe; nicht nur weil seine namenlose Ehefrau (Sandra Hüller) beschlossen hat, kurz nach der Geburt des zweiten Kindes zu promovieren. Hüller und Matičević spielen die Desintegration dieses integrierten Musterpaares jederzeit nuanciert und schmerzhaft nachfühlbar. Leider versagen unter dem allgemeinen Druck ein paar wichtige Nebendarsteller: Piet Fuchs und Rainer Bock agieren als Xhafers Kollegen auf TV-Krimi-Niveau.

 

Opfer können Arschlöcher sein

 

Damit bringen sie das fragile Gerüst aus Hinweisen, Ahnungen, Vorurteilen, Unrecht und Schuld fast zum Einsturz. Auch das gilt es, so wie wenig subtile Hammerschläge auf der Tonspur, auszuhalten. Um sich vor Augen zu halten, dass ein Leben im Exil bedeutet, all das Gezeigte jeden Tag aushalten zu müssen: die Sprüche, Demütigungen und die Paranoia.

 

Am Ende wird das Rätsel gelöst. Eine wichtige Erkenntnis spricht Sandra Hüller aus: Auch Opfer können Arschlöcher sein. Xhafer indes findet sich am Schluss dort wieder, wo auch der Landvermesser K. vergeblich sein Glück suchte: draußen, beim Gesinde.



Von Eric Mandel, veröffentlicht am 18.08.2020





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