München

Feelings – Kunst und Emotion

Sam Taylor-Johnson: Soliloqui I, 1998, Farblithographie, C-Print, 211 x 257 cm (Blattmaß), 1999 erworben von PIN. Freunde der Pinakothek der Moderne e.V.. Foto: Bayerische Staatsgemäldesammlungen, © Sam Taylor Johnson. Fotoquelle: Pinakothek der Moderne, München

Reine Gefühlssache: Die Pinakothek der Moderne zeigt 100 Werke der zeitgenössischen Kunst bar jeder Erläuterung. Beim Rundgang durch einen kunterbunten Bilderbogen wird deutlich: Ohne Informationen wirkt jede Arbeit entweder missverständlich oder beliebig.

Ach, wenn sich doch nur das Denken ausschalten ließe! In regelmäßigen Abständen überkommt den Kunstbetrieb großes Unbehagen über seine Kopflastigkeit. Dann wird eine Kunst gefordert, die sich ohne lästige Theorien, Experten und ihre Erklärungen konsumieren lässt: eine Kunst, die den Betrachter unmittelbar anspricht. Als gäbe es irgendeine Form von Kommunikation, an der man ohne Wissen um ihre Codes teilnehmen könne. Einfach so, mit kindlicher Unschuld.

 

Info

 

Feelings – Kunst und Emotion

 

08.11.2019 – 04.10.2020

täglich außer montags

10 bis 18 Uhr,

donnerstags bis 20 Uhr,

in der Pinakothek der Moderne, München

 

Weitere Informationen

 

Zurzeit scheint es mal wieder soweit zu sein: Der Überdruss am heutigen Kunstbetrieb wächst. Der globalisierte Kunstmarkt ist zur Zockerei um Riesensummen mutiert, die Superreiche mit hektischen An- und Verkäufen als Geldanlage samt Kitzel des Glücksspiels betreiben.

 

Kuratorensprech verhallt

 

Der übrige Betrieb leidet unter Inflationierung: Immer mehr Akteure drängen ins Rampenlicht und buhlen um Aufmerksamkeit. Derweil sind die Theorien, die das Kunstgeschehen seit der Nachkriegszeit prägten, weitgehend entwertet. Verstiegenes Kuratorensprech wird kaum noch beachtet; erlaubt ist, was gefällt.

Feature zur Ausstellung. © München.tv


 

Emotionale Nabelschau

 

Vor allem Museen fürchten Bedeutungsverlust: Ihre gatekeeper-Funktion, ausgewählte Künstler mit Werkschauen zu adeln und auszudeuten, erscheint zusehends entbehrlich. Ein multimedial sozialisiertes Publikum verlangt nach raschen und intensiven Reizen; mit umständlichen Erläuterungen hält es sich nicht auf. Das bieten ihm Immersions-Räume und Mitmach-Spektakel; traditionelle Malerei und andere Flachware verblasst als altmodisch.

 

Diese Zielgruppe spricht nun die Pinakothek der Moderne mit einer Ausstellung neuen Typs an: der Wohlfühl-Schau. In ihr geht es nicht darum, mittels Analyse die Arbeitsweise und Intentionen eines Künstlers zu verstehen, sondern um emotionale Nabelschau: Was sagt mir ein Bild, was löst es in mir aus, wie fühle ich mich dabei?

 

Erst rätseln, dann Lösungen lesen

 

Damit dieser leicht autistische Rückzug auf das innere Erleben gelingt, haben die Kuratoren Nicola Graef und Bernhart Schwenk alle störenden Außenreize beseitigt: Man findet weder Künstlernamen noch Werktitel oder andere sachdienliche Hinweise. Etwa 100 Bilder hängen in bunter Folge an den Wänden, dazwischen stehen ein paar Installationen und Video-Projektionen; alle sollen ungefiltert ihre Aura verströmen.

 

Genau genommen stimmt das nicht ganz: Mitten in der Ausstellung befindet sich eine Art Weihnachtskalender-Schautafel, an der man herausfinden kann, welche Künstler mit welchen Arbeiten vertreten sind. Und an der Kasse darf man Kurztexte zu allen Werken einsehen, die kanonische Interpretationen liefern. Doch sie vorab zu konsultieren, wäre widersinnig – wie das Lesen der Lösungen, bevor man sich an einem Fragebogen versucht hat. Also hinein ins Vergnügen!

 

Hängung wirkt willkürlich

 

Zuerst fällt auf: Die Wände sind in kräftigen Farben getüncht, was von den Werken ablenkt – wären neutrale Hintergründe nicht zweckdienlicher? Dann wird deutlich: Die Hängung wirkt willkürlich; eine nachvollziehbare Gruppierung nach Motiven oder Stilen ist nicht erkennbar. Schließlich: Die älteste Arbeit – ein monochromes Bildkissen von Gotthard Graubner – stammt zwar von 1969, doch die meisten Beiträge entstanden erst in jüngster Zeit. Ruft Gegenwartskunst die stärksten Emotionen hervor?

 

Manchmal ja, etwa der siebenminütige Knetfiguren-Animationsfilm „Turn into me“ (2008) von Nathalie Djurberg und Hans Berg; sie zeigen den Verwesungsprozess eines Körpers im Wald. Wer beim Anschauen nicht Ekel oder zumindest Befremden verspürt, sollte einen Nervenarzt aufsuchen. Und die mexikanischen Neureichen, die Daniela Rossell in ihren vollgerümpelten Kitschpalästen abgelichtet hat, erscheinen zweifellos lächerlich.

 

Goebbels‘ vergiftete Kinder

 

Doch solche eindeutigen Primärreize sind Ausnahmen. Bei den meisten Werken wird sofort klar, dass nichts klar ist: Ohne zusätzliche Informationen bleiben die Bildsignale so diffus vieldeutig, dass man schwerlich ein emotionales Verhältnis zu ihnen aufbauen kann. Selbst bei einfachsten Darstellungen, etwa den Strichzeichnungen auf Porzellantellern von Nikita Kadan: Bizarre Gesten erhalten erst dann einen grauenhaften Sinn, wenn man weiß, dass es sich um Beispiel-Skizzen von Verhör- und Foltermethoden in der Ukraine handelt.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung „Link in Bio. Kunst nach den sozialen Medien“ im Museum der bildenden Künste, Leipzig

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung „Ikonen – Was wir Menschen anbeten“Kunst als Religionsersatz mit einem Werk pro Raum in der Kunsthalle Bremen

 

und hier eine Kritik der Ausstellung „Djurberg & Berg – A Journey through Mud and Confusion with small Glimpses of Air“ – Werkschau der Knetfiguren-Trickfilmkünstler in der Schirn Kunsthalle, Frankfurt am Main

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung „Queensize – Female Artists from the Olbricht Collection“ mit Werken von Marlene Dumas + Daniela Rossell, kuratiert von Nicola Graef, im me Collectors Room, Berlin 

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung „Painting 2.0 – Malerei im Informationszeitalter“ – große Überblicksschau der Gegenwartskunst in München + Wien.

 

Das Gleiche gilt für eine verwaschene Grisaille von Miwa Ogasawara. Sechs reglose Leiber wirken banal – zu sehen sind jedoch die vergifteten Kinder von NS-Propagandaminister Joseph Goebbels. Solche Rätselbilder mit Aha-Effekt, die Abgründiges kaschieren, bleiben jedoch in der Minderzahl. Die meisten Bilder sind zwar figurativ, verweigern sich aber einer eindeutigen Bestimmung und lassen Raum für alle möglichen Projektionen: Fühlt doch, was ihr wollt!

 

Einblicke in Kuratoren-Gefühlswelt

 

Und das unabhängig von der gewählten Technik: ob bei zwei liegenden, mit altmeisterlicher Präzision gemalte Jungen von Hans Aichinger, den verwaschenen Schemen von Marlene Dumas oder Rineke Dijkstras Frontal-Porträtfotos von Jugendlichen. Ohne weitere Angaben werden sie sämtlich zu Vignetten in einem Bilderbogen der Beliebigkeit.

 

Mag sein, dass besonders gefühlsinnige Betrachter zu allen irgendeine Beziehung aufbauen – für nüchternere Besucher liegt die Vermutung nahe, dass sie eher Einblicke in die Gefühlswelt der Kuratoren erhalten: Irgendwelche Gründe, dieses Sammelsurium zusammenzustellen, müssen sie wohl gehabt haben. Doch sie bewahren über ihr Bauchgefühl Stillschweigen; mehr Selbstherrlichkeit war nie.

 

Kostengünstiger Pausenfüller

 

Um diese Emotionen voll auskosten zu können, spendiert die Pinakothek der Ausstellung eine erstaunlich lange Laufzeit: Sie bleibt elf Monate lang geöffnet – das wurde bereits vor dem Corona-Lockdown festgelegt. Das hinterlässt ein zwiespältiges Gefühl; als deklariere das Haus einen kostengünstigen Pausenfüller zur wegweisenden feelgood-Augenwischerei.