Marco Bellocchio

Il Traditore – Als Kronzeuge gegen die Cosa Nostra

Tommaso Buscetta (Pierfrancesco Favino) sagt im Maxi-Prozess ab 1986 gegen die Cosa Nostra aus. Foto: Copyright Pandora Film

(Kinostart: 13.8.) Wie man eine Verbrecher-Organisation zerschlägt: Der Kronzeuge Tommaso Buscetta brachte in den 1980/90ern Hunderte von Mafiosi in den Knast. Das zeichnet Regisseur Marco Bellocchio grandios nüchtern und schnörkellos nach – ein monumentales Anti-Mafia-Epos.

Das Fest ist ein Lieblingssujet jeder Film-Familiensaga: Da kommen alle Figuren zusammen, ihre Nähe und Konflikte lassen sich mit wenigen Szenen skizzieren. Auch „Il Traditore“ beginnt mit einem rauschenden Fest der Wahlfamilie der sizilianischen Cosa Nostra; das Gruppenfoto aller Teilnehmer wird später als verräterisches Beweisstück dienen.

 

Info

 

Il Traditore –

Als Kronzeuge gegen die Cosa Nostra

 

Regie: Marco Bellocchio,

153 Min., Italien/ Frankreich/ Deutschland/ Brasilien 2019;

mit: Pierfrancesco Favino, Luigi Lo Cascio, Fausto Russo Alesi

 

Website zum Film

 

Der Absturz aus feierseliger Harmonie könnte nicht steiler sein: Die folgenden Minuten sind ein einziges Gemetzel. Dauernd tauchen Killer auf und feuern wortlos auf ihre Gegenüber; ein Zählwerk auf der Leinwand registriert dreistellige Opferzahlen. 1981 beginnt auf Sizilien der zweite Mafiakrieg: Der Clan der Corleonesi unter Führung des sadistischen Totò Riina (Nicola Calì) will alle konkurrierenden Gruppen ausschalten.

 

Brasilien liefert aus

 

Zu den Bedrohten zählt auch Tommaso Buscetta (Pierfrancesco Favino); er betreibt seine lukrativen Drogengeschäfte von Brasilien aus. Befreundete Bosse wollen ihn zur Rückkehr überreden, was er als selbstmörderisch ablehnt. Doch es kommt anders: 1983 wird Buscetta in Brasilien festgenommen und an Italien ausgeliefert. Dort verhört ihn Untersuchungsrichter Giovanni Falcone (Fausto Russo Alesi) – und Buscetta entscheidet sich, mit ihm zu kooperieren.

Offizieller Filmtrailer


 

2600 Jahren Haft für 344 Täter

 

Mit seinen eigenen Leuten kann er den Corleonesi nicht beikommen; also verbündet er sich mit der Staatsmacht. Was er als Treue zu den Werten der Cosa Nostra darstellt: Nicht er verrate deren Ehrenkodex, indem er das Schweigegelübde der omertà breche, sondern seine Feinde durch ihren Blutdurst – sie ermordeten 14 seiner Verwandten, darunter zwei Söhne.

 

Auf der Grundlage von Buscettas Angaben beginnen 1986 in Palermo die Maxi-Prozesse. Dafür wurde extra ein Betonbunker errichtet, der Raketenbeschuss hätte standhalten können; davor wacht ein Panzer. Die Beschuldigten sind in Käfigen zusammengepfercht; die Kronzeugen der Staatsanwaltschaft, allen voran Buscetta und sein Gefolgsmann Totuccio Contorno (Luigi Lo Cascio), sagen in einem Panzerglas-Container aus. Von 474 Angeklagten werden 344 zu mehr als 2600 Jahren Haft verurteilt. Auch wenn einige dieser Urteile später aufgehoben werden – dieser und die Folgeprozesse brechen die Macht der Cosa Nostra.

 

Attentatsopfer als Nationalhelden

 

Filme über die Mafia bilden in Italien ein eigenes Genre; ähnlich wie hierzulande solche über den Linksterrorismus der 1970/80er Jahre. Und die zahlreichen Akteure sind dem italienischen Publikum vertraut. Untersuchungsrichter Falcone und sein Kollege Paolo Borsellino, die 1992 Attentaten der Mafia zum Opfer fielen, wurden posthum zu Nationalhelden: Nach ihnen hat jede Gemeinde, die etwas auf sich hält, eine Straße oder Schule benannt.

 

Trotzdem ist „Il Traditore“ keine inneritalienische Angelegenheit, sondern international verständlich, weil Regisseur Marco Bellocchio die Strukturen der Cosa Nostra bewundernswert nüchtern seziert. In einem Mafia-Epos, das sie nicht romantisiert, glorifiziert oder sich sonstwie von ihrem Mythos beeindrucken lässt, sondern als banale Verbrecher-Organisation darstellt, die an ihrer maßlosen Gier zugrunde geht.

 

Motive bleiben in der Schwebe

 

Am Beispiel ihres herausragenden Vertreters Buscetta, dessen Werdegang der Film wie ein konventionelles Biopic chronologisch nachzeichnet. Seinen Charakter schillernd zu nennen, wäre untertrieben. Ihm verleiht der famose Pierfrancesco Favino extrem ambivalentes Charisma: Mal leicht teigiger Lebemann und Familienmensch; mal scharf kalkulierender Stratege, der seinen Rachefeldzug aus einer Untersuchungshaft-Zelle steuert.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Paranza – Der Clan der Kinder“ – fesselndes Dokudrama über Teenie-Mafiosi in Neapel von Claudio Giovannesi

 

und hier eine Besprechung des Films „Dogman“ – düstere Mafia-Parabel in Süditalien von Matteo Garrone

 

und hier einen Bericht über den Film „Das Land der Heiligen – La Terra dei Santi“ – origineller Film über die italienische Mafia aus Frauensicht von Fernando Muraca

 

und hier einen Beitrag über den Film „Tu Nichts Böses – Non essere cattivo“ – packende Drogenmilieu-Sozialstudie aus Ostia von Claudio Caligari.

 

Seine Motive, ein pentito („Reumütiger“) zu werden, bleiben bis zum Ende in der Schwebe – neben Vergeltung spielen wohl auch Verantwortungsgefühl und Ausweglosigkeit eine Rolle. Andererseits spielt Buscetta seine eigene Schuld ständig herunter. Das führt dazu, dass seine Aussagen in späteren Prozessen gegen politisch Verantwortliche wie den siebenfachen Ministerpräsidenten Giulio Andreotti als unglaubwürdig eingestuft werden.

 

Wohltuend wenig Action

 

Was Regisseur Bellocchio ebenso wenig verschweigt wie die Eitelkeit seines Helden; er lässt sich für seinen Auftritt vor Gericht einen neuen Anzug maßschneidern und erscheint stets mit Sonnenbrille. Neben dem pentito-Paten verblassen alle anderen Protagonisten. Richter Falcone ist die personifizierte Staatsräson; alle übrigen Mafiosi erscheinen als kurzsichtige Kriminelle, die in Auge-um-Auge-Logik der Gewalt befangen bleiben.

 

Ihre verwickelten Verhältnisse entwirrt der Film mit wohltuend wenig Action, quasi als schnörkellose Chronik der Zeitgeschichte. Gerade der Verzicht auf jede Überhöhung macht ihn so großartig; er könnte fürs Genre der Mafia-Filme das werden, was die Maxi-Prozesse für die Cosa Nostra waren – eine grandios klägliche Götterdämmerung.