Mišel Matičević

Ich bin kein Macho, sondern scheu

Mišel Matičević. © Jens Koch, berlinale.de

Im Hamsterrad des Verdachts: Im Drama „Exil“ spielt Mišel Matičević einen gut integrierten Ingenieur aus dem Kosovo, der argwöhnt, diskriminiert zu werden. Solche Erfahrungen seien ihm nicht fremd, erzählt Matičević im Interview.

Herr Matičević, im Film „Exil“ spielen Sie Xhafer, einen Techniker und Familienmenschen. Er hat sich in der Mittelschicht etabliert, fühlt sich aber wegen seiner Herkunft diskriminiert. Warum?

 

Xhafer lebt schon lange in Deutschland, stammt aber aus dem Kosovo. Er arbeitet bei einer Pharma-Firma als Ingenieur, glaubt aber, dass er und seine Arbeit von einem Kollegen sabotiert wird. Die Frage ist, ob das stimmt, oder nur seiner Fantasie entspringt. Das zieht ihn in eine Krise.

 

Von Lehrern schlecht behandelt

 

Bei Xhafer scheint irgendetwas an seinem Arbeitsplatz einen heiklen Punkt in ihm zu berühren, der vielleicht aus seiner Biografie herrührt. Der Zuschauer kennt ihn nicht, spürt ihn aber. Können Sie das näher beschreiben – und ist Ihnen Ähnliches aus Ihrem Leben vertraut, da Ihre familiären Wurzeln in Kroatien liegen?

 

Info

 

Exil

 

Regie: Visar Morina,

126 Min., Deutschland/Belgien/ Kosovo 2020;

mit: Sandra Hüller, Mišel Matičević, Rainer Bock

 

Weitere Informationen

 

Xhafer fühlt sich und seine Arbeit torpediert und vermutet dahinter eine Diskriminierung. Wenn damit gemeint ist, durch Deutsche schlecht behandelt zu werden, ist mir das auch als Kind widerfahren – von Lehrern. Ansonsten finden sich im Film nicht viele biographische Erfahrungen von mir, eher die von Regisseur Visar Morina, der im Kosovo geboren wurde. Er hat auch das Drehbuch verfasst.

 

Bis heute trotzig + dickköpfig

 

Wie haben Sie diese Diskriminierung während der Schulzeit verarbeitet?

 

Ich will kein Drama daraus machen. In der Schule wurde mir gesagt, ich sei nur Gast in diesem Land und müsse mich gefälligst benehmen. Ich habe als Kind viel Unsinn gemacht, wie andere Kinder auch; ich war aber derjenige, der mehrmals diesen zu Satz zu hören bekam. Das ließ mich als Kind trotzig und dickköpfig werden, bis heute. Darin liegt vielleicht doch eine Parallele zur Figur von Xhafer: Fühle ich mich – wie er im Film – ungerecht behandelt, bin ich trotzig und lasse mich kaum auf Diskussionen ein. Das ist ein Überbleibsel der damaligen Erfahrung.

Offizieller Filmtrailer


 

Menschen lernen nur aus Schmerz

 

Rassismus und Diskriminierung sind wichtige Themen unserer Zeit; man denke an die rassistischen Morde von Halle und Hanau oder die „Black Lives Matter“-Bewegung in den USA. Was denken Sie darüber?

 

Gewalt gibt es überall auf der Welt. Schnell landet man bei Floskeln über das, was nicht sein darf und was man besser machen muss. Das ist immer das Gleiche. Es wird aber nicht wirklich etwas dagegen unternommen; wir regen uns nur kurz darüber auf. Ob im Jemen Krieg herrscht, ob in Bagdad oder Kabul Autobomben hochgehen, ob in Afrika immer noch Kinder verdursten, weil sie keine Brunnen haben –  all das nehmen wir hin.

 

Wir müssen offenbar erst alle blutend am Boden liegen, bevor wir verstehen, dass wir besser miteinander umgehen müssen. Wir Menschen lernen nur aus Schmerz und Leid, besser zu werden. Wir alle; egal ob weiß, schwarz oder braun; egal welcher Religion, Herkunft oder Rasse. Extremisten, Rassisten und Faschisten gibt es überall. Natürlich leben wir in Deutschland unheimlich privilegiert; doch ich schaue nicht nur auf die grauenvollen Taten von Hanau und Halle. Wir gehen damit alle unterschiedlich um; der eine wird traurig, ich werde wütend.

 

Müde, gegen Klischee anzugehen

 

Es gibt kaum einen Beitrag über Sie, ohne dass Schlagworte wie Kerl, Macho oder Testosteron fallen. Fühlen Sie sich darauf reduziert? Oder empfinden Sie das auch als eine Form von Diskriminierung?

 

Ich werde so wahrgenommen, und dementsprechend wird über mich berichtet. Dieses Image wird mir von außen aufgedrückt. Ein Image ist wie eine Schublade – und Schubladen sind langweilig, weil sie alles auf einen einzigen Sachverhalt reduzieren. Ich habe niemals dieses Image bedient. Früher habe ich versucht, mich stärker dagegen zu wehren. Mittlerweile bin ich es müde, immer wieder dagegen anzugehen.

 

Premieren und ähnliche Auftritte in der Öffentlichkeit scheinen Ihnen eher lästig zu sein.

 

Sieht man das? Mist. Aber ja, ich mache eher einen Bogen um große Auftritte.

 

Auftritte sind mir eher lästig

 

Gehört das nicht zum Schauspieler-Beruf dazu?

 

Das ist ein Teil des Spiels, das man mitmachen muss; es hat auch seine Berechtigung. Hat ein Film seine Premiere auf der Berlinale, ist das ein Geschenk und fantastisch. Aber solche Auftritte sind mir eher lästig, weil ich scheu bin. Das passt selbstredend nicht zum Macho-Image; Machos sind nicht scheu. Ich mache das mit, bin da aber nicht erpicht drauf. Es gibt Kollegen, die machen sich da einen Spaß draus, die gehen super damit um und machen das gerne. Ich weniger, obwohl ich immer mit dem Herzen bei meinen Filmen dabei bin.

 

Wie wählen Sie Ihre Rollen aus?

 

Generell muss mich das Drehbuch ansprechen. Mein Bauchgefühl muss mir sagen, dass muss ich machen – und kein anderer auf der Welt. Mein Instinkt muss mir sagen, dass ich das machen will. Ich kann mich auf meinen Instinkt fast 100-prozentig verlassen.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Exil“ von Visar Morina mit Mišel Matičević

 

und hier eine Besprechung des Films „Babai – Mein Vater“ – eisiges Drama über Kosovo-Emigranten von Visar Morina

 

und hier einen Bericht über den Film „Der Albaner“ – Immigrations-Thriller über die Kriminalisierung eines Kosovaren in Deutschland von Johannes Naber

 

und hier einen Beitrag über den Film „In den Gängen“poetische Kleine-Leute-Studie in Ostdeutschland von Thomas Stuber mit Sandra Hüller.

 

Wie haben Sie sich die Figur von Xhafer erarbeitet?

 

Das Drehbuch von Visar Morina war sehr dicht, gerade bei dieser Figur. In mir entstand meine Version von Xhafer. Die haben Visar Morina und ich in der Vorbereitungszeit abgeglichen; indem wir überlegt haben, wie er aussieht und auf gewisse Situationen reagiert.

 

Im Strudel des Zweifelns

 

Herausragend gelingt Ihnen die Darstellung des Drucks, der auf Xhafer lastet. Wenn er zu seinem Reihenhaus geht, wirkt es, als würde ihn ein unsichtbarer, schwerer Rucksack belasten. Dazu kommt die Hitze. Der Druck auf ihn wächst permanent, in der Familie wie im Job, er scheint einfach nichts mehr richtig machen zu können. Was passiert, wenn jemand in eine solche Extremsituation getrieben wird?

 

Ob der Verdacht der Diskriminierung stimmt oder nicht, bleibt offen; aber Xhafer nimmt es so wahr. Er denkt darüber nach, ob jemand bewusst gegen ihn arbeitet. Ein solcher Zustand des Zweifelns führt in eine Krise; und aus diesem Strudel heraus zu finden, wird immer schwieriger. Das kann zu einem Punkt führen, an dem Gewalt ins Spiel kommt; das erleben wir im Film.