Steve Carell

Irresistible – Unwiderstehlich

Lebendige Debatte: Kandidaten-Tochter Diana Hastings (Mackenzie Davis) und Kampagnen-Leiter Gary Zimmer (Steve Carell) sprechen miteinander. Fotoquelle: Universal Pictures International Germany , Foto: Daniel McFadden / Focus Features

(Kinostart: 6.8.) Jeder kann es schaffen: Ein PR-Profi will mit viel Getöse einen Nobody zum Bürgermeister machen. Regisseur Jon Stewart seziert genüsslich die Inhaltsleere des US-Politbetriebs – auch wenn manche Gags hierzulande kaum verständlich sind.

Eine lebende Legende: Jon Stewart ist in den USA mindestens so berühmt wie hierzulande Jan Böhmermann – eher mehr. Von 1999 bis 2015 war er anchorman von „The Daily Show“ im Kabelkanal „Comedy Central“: Diese tägliche Nachrichten-Satire, die als Vorbild für die „heute-show“ im ZDF diente, war zeitweise derart populär, dass viele US-Zuschauer sie anstelle der üblichen Nachrichtensendungen einschalteten – sie fühlten sich von Stewart besser und ausgewogener informiert.

 

Info

 

Irresistible  Unwiderstehlich

 

Regie: Jon Stewart,

101 Min., USA 2020;

mit: Steve Carell, Chris Cooper, Mackenzie Davis

 

Engl. Website zum Film

 

Seit seinem Abschied vom TV-Bildschirm macht Stewart sich rar; sein Regie-Debüt „Rosewater“ über einen Iraner, der 2009 inhaftiert worden war, nachdem er zuvor der „Daily Show“ ein Interview gegeben hatte, entstand schon 2014. Nun hat Stewart seinen zweiten Spielfilm gedreht. Mit „Irresistible – Unwiderstehlich“ kehrt er zum Brot-und-Butter-Thema seiner Satiresendung zurück: der tiefen politischen Spaltung der Vereinigten Staaten in liberale städtische Milieus an Ost- und Westküste und konservative Landbewohner in den flyover states dazwischen.

 

Trendwende im swing state

 

Ohne deren Stimmen können aber die Demokraten keine Präsidentschaftswahlen gewinnen, ist Wahlkampfmanager Gary Zimmer (Steve Carell) überzeugt. Daher wird er hellhörig, als ihm ein Videoclip zugespielt wird: Darin hält der Armeeveteran Jack Hastings (Chris Cooper) bei einer Bürgerversammlung im Nest Deerlaken, Wisconsin, eine flammende Rede zugunsten von illegalen Einwanderern. Wisconsin ist einer der swing states, die mal für demokratische, mal für republikanische Kandidaten stimmen und damit auf US-Ebene für wechselnde Mehrheiten sorgen.

Offizieller Filmtrailer


 

Schlachtfeld heiß laufender Maschinen

 

Hastings sei sein Mann, entscheidet Zimmer: Er will ihn als demokratischen Kandidaten bei den nächsten Bürgermeisterwahlen in Deerlaken aufbauen – und dadurch der ganzen Nation beweisen, dass die Demokraten auch Hinterwäldlern im Mittleren Westen eine politische Heimat bieten. Zimmer reist also nach Wisconsin und überredet Hastings mithilfe seiner Tochter Diana (Mackenzie Davis), gegen den amtierenden Bürgermeister Braun anzutreten. Der wird von den Republikanern unterstützt; sie schicken Zimmers ewige Rivalin Faith Brewster (Rose Byrne) nach Deerlaken.

 

Im Nu wird das beschauliche Örtchen, das unter der Schließung eines Armeestützpunkts leidet, zum Schlachtfeld für heiß laufende Wahlkampf-Maschinen aus Washington. Enorme Summen fließen in die Kampagnen beider Parteien; die Bürgermeisterwahl wird zur Entscheidung von nationaler Tragweite aufgebauscht. Selbstredend sorgt der culture clash zwischen smarten Politprofis aus der Hauptstadt und gemütlichen Provinzlern für allerlei Situationskomik – bis letztere die ach so gerissenen PR-Strategen als Düpierte vorführen.

 

Kandidat als schießwütiger Rambo

 

Doch auf diese Volte kommt es gar nicht an; für hiesige Zuschauer ist interessanter, wie Stewart genüsslich den hochtourigen Wahlkampfbetrieb als inhaltsleer seziert. Da werden die Stimmbürger mittels Mikrotargeting in immer kleinere Zielgruppen zerlegt – bis die Kandidaten jedem einzelnen Wohnblock spezifische Versprechen machen, die man dort vermeintlich hören will. Beziehungsweise machen lassen: Kampagnenhelfer verteilen Flyer oder schalten TV-Reklame, von deren Inhalt die Kandidaten gar nichts wissen.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Vice – Der zweite Mann“ – brillante Tragikomödie über US-Vizepräsident Dick Cheney von Adam McKay mit Steve Carell

 

und hier eine Besprechung des Films „Die Erfindung der Wahrheit – Miss Sloane“ – treffendes Porträt einer Polit-Lobbyistin von John Madden mit Jessica Chastain

 

und hier einen Bericht über den Film „Die Wahlkämpferin – Our Brand is Crisis“ – schillernde Polit-Satire über PR-Profis in Lateinamerika von David Gordon Green mit Sandra Bullock

 

und hier eine Besprechung des Films „The Ides of March – Tage des Verrats“ – fesselnder Polit-Thriller über den US-Präsidentschafts-Wahlkampf von + mit George Clooney.

 

So lässt Zimmer einen Werbespot produzieren, in dem sein Kandidat als schießwütiger Rambo erscheint – um dem Vorwurf der Republikaner vorzubeugen, Hastings könne nicht hart durchgreifen. Und wenn die Umfragewerte partout nicht steigen wollen, bleibt noch der Griff in die unterste Schublade: Dann muss irgendein privater Fehltritt in der Vergangenheit her, um den Gegenkandidaten anzuschwärzen.

 

Kampagnen kreisen um sich selbst

 

Denn es geht nicht um einen banalen Bürgermeisterposten, sondern um sehr viel Geld: Ohne Spenden kein Wahlkampf, und sobald der viel versprechend verläuft, lassen sich damit noch mehr Spenden eintreiben. In einem grotesken Intermezzo fliegen Zimmer und Hastings nach New York, um bei reichen Mäzenen zu antichambrieren. Der Kandidat bringt keinen geraden Satz heraus – halb so wild, die Schecks werden trotzdem ausgestellt. Letztlich kreisen die Kampagnen um sich selbst; politische Überzeugungen oder Botschaften stören da nur.

 

Von der US-Presse wurde der Film eher ungnädig aufgenommen; Kritiker warfen ihm vor, er sei zu zahm und altmodisch. Was wenig über seine Qualitäten aussagt, sondern mehr darüber, wie zugespitzt die parteipolitische Polarisierung in den USA mittlerweile ist: Satire, die ihren Gegenstand nicht rhetorisch hinrichtet, gilt als halbherzig und überholt. Zwar ließe sich einwenden, dass der gewiefte Comedian Stewart arg viele Gags abfeuert, die sich Nichtamerikanern eher begrenzt erschließen. Doch als schaurig schönes Sittenbild eines Politikbetriebs, der nur noch mit Projektionsfiguren hantiert, taugt „Irresistible“ allemal.