Midi Z

Nina Wu

Nina Wu (Wu Ke-xi). Foto: © kinofreund eG 2020

(Kinostart: 3.9.) Missbrauch führt zur Psychose: Regisseur Midi Z beleuchtet eindrucksvoll Sexismus und Ausbeutung in der Filmindustrie. Sein komplex konstruierter und stilsicher inszenierter Thriller zeigt die #MeToo-Thematik aus taiwanesischer Perspektive.

„Spione der Liebe“ – so soll der Film heißen, für den die Schauspielerin Nina Wu die von ihr seit langem ersehnte Hauptrolle angeboten bekommt. Wie das mit der Liebe genau gemeint ist, steht schon auf der ersten Seite des Drehbuchs: eine explizite Sexszene mit ihr und zwei Männern. „Hauptsache, du fühlst dich wohl“, sagt ihr Agent; Nina fühlt sich bei dieser Aussicht jedoch alles andere als wohl. „Du hast es selbst in der Hand…“ betont er; schließlich gibt sie seinem Druck nach. Der Film macht Nina Wu zum Star – und sie geht daran fast zugrunde.

 

Info

 

Nina Wu

 

Regie: Midi Z,

103 Min., Taiwan 2019;

mit: Wu Ke-xi, Vivian Sung, Kimi Hsia

 

Weitere Infomationen

 

„Nina Wu“ ist eine Anklage der Zustände im Filmbusiness und zugleich die formvollendete Abbildung einer Psychose. Plakativ gesprochen: der erste #MeToo-Film aus Südostasien. Die Koproduktion aus Taiwan, Malaysia und Myanmar spiegelt quasi das in den letzten Jahren offenbar gewordene System sexueller Gewalt von Harvey Weinstein und Konsorten. Der berühmte Filmproduzent wurde mittlerweile wegen Vergewaltigung verurteilt; ein weiterer Strafprozess gegen ihn steht aus.

 

Unterschwelliger Horror

 

Gezeigt wird der Missbrauch aus der Perspektive einer Betroffenen, deren gemartertes Gesicht im Zentrum des Films steht. Dem Regisseur Midi Z dient die Unterdrückungs- und Ausbeutungsmaschinerie als Setting für einen meditativen Thriller; die Verteilung von Macht und Ohnmacht ist klar durch Geschlechtergrenzen definiert. Seine Andeutungen von Horror und Drastik bleiben meist unterschwellig und sind gerade deswegen so wirkungsvoll; in manchen Momenten ist das schwer zu ertragen.

Offizieller Filmtrailer


 

Sog der Opulenz

 

Trotzdem sieht der Film in jeder Sekunde atemberaubend aus: Midi Z ist ein großer Stilist. Bekannt wurde er mit dem Drama „The Road To Mandalay“ (2016), in dem eine burmesische Arbeitsmigrantin zur Prostitution gezwungen wird. In „Nina Wu“ lässt er seine Ausstatter mit viel Lippenstift, perfekt sitzenden Frisuren und Gala-Garderobe hantieren. Zum Markenzeichen werden die majestätisch langsamen Kamerafahrten, die sich fast unmerklich, aber geradezu obsessiv in die opulenten Interieurs hineinsaugen.

 

Mit genau derselben Langsamkeit und Präzision spürt der Film auch dem Trauma seiner Hauptfigur nach. Nina Wu lebt als erfolglose Schauspielerin in Taipeh. Privat liebt sie Frauen; ihre Miete verdient sie mit halb-erotischem Online-Entertainment für Männer. Die Rolle, die ihr angeboten und letztlich aufgedrängt wird, ist eine große Chance – doch die Dreharbeiten werden zur Qual. Der Regisseur von „Spione der Liebe“ bedient sich der Methoden eines mittelalterlichen Schulmeisters; mit körperlicher Züchtigung und Merksätzen, die sie auswendig zu lernen hat.

 

Langsame Bewusstwerdung

 

Hauptdarstellerin Wu Ke-Xi teilt mit der Protagonistin mehr als den Nachnamen Wu. Sie ist in erster Linie verantwortlich für das Drehbuch. Es beruht auf eigenen Erfahrungen; ausgearbeitet hat sie es zusammen mit Midi Z. Schon der Vorsprechtext beim Casting ist ein bitterer, selbstreferentieller Kommentar: „Ich halte es nicht mehr aus. Sie nehmen mir nicht nur meinen Körper. Sie nehmen mir auch die Seele.“

 

Diese Sätze wiederholt Nina Wu im Laufe des Films mehrmals, mit eskalierender Verzweiflung. In seiner x-ten Wiederholung wird der Monolog noch ein Stück weitergeführt. „Ihr alle werdet eure Taten noch bereuen“, sagt sie mit bebender Stimme: „Ihr unterdrückt mich. Ihr zwingt mich zur Rache.“ Während Nina Wu allmählich wieder bewusst wird, was für Taten das überhaupt waren und wie sehr sie selbst betroffen ist, bricht ihr soziales Umfeld in sich zusammen.

 

Spagat gelingt nicht immer

 

Die Mutter erleidet einen Herzinfarkt; der Vater kämpft hilflos gegen den Bankrott seines Kleinunternehmens und die geldgierige Verwandtschaft. Die Ex-Freundin hat sich von ihr abgewandt. Parallel dazu verschwimmen die Grenzen zwischen der Film-im-Film-Handlung, Nina Wus Alpträumen und der Wirklichkeit zusehends.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Bombshell – Das Ende des Schweigens“ – Dokudrama über sexuelle Belästigung beim TV-Sender „Fox News“ von Jay Roach mit Charlize Theron + Nicole Kidman

 

und hier einen Bericht über den Film „Antiporno“ – wüste Farborgie als ätzende Parodie auf Japans „Pink Movie“-Branche von Sion Sono

 

und hier einen Beitrag über den Film „Lowlife Love“ – bissig treffendes Sittenbild der japanischen B-Movie-Filmindustrie von Eiji Uchida.

 

Midi Z macht es dem Publikum nicht einfach. Sein Spiel mit verschachtelten Realitätsebenen, Zeitsprüngen und Wahnvorstellungen treibt er mitunter eine Spur zu weit. Die große Herausforderung bei diesem Thema liegt darin, die Mechanismen einer sexistischen Industrie bloßzulegen und dabei nicht ihren manipulierenden Umgang mit Bildern zu kopieren – ein Kunststück, das „Nina Wu“ letztlich nicht ganz gelingt.

 

Schlusspunkt als Anfang

 

Wu Ke-Xi muss mehrmals auf allen Vieren als Glamour-geiles Hündchen über edle Hotelteppiche kriechen und ihr Herrchen beziehungsweise den Herrn Produzenten willig anbellen. Das taugt nicht recht als Metapher für einen Prozess, in dem der Schauspielerin das Trauma, das sie erlitten hat, erst allmählich bewusst wird.

 

Es nimmt der Botschaft von Wu Ke-Xi und Midi Z aber auch nichts an Schärfe. Nina Wus Weg führt erst durch die Qual, dann gegen die Verdrängung – und vielleicht irgendwann später hin zu einer Veränderung. Der Film setzt seinen denkwürdigen Schlusspunkt da, wo die Aufarbeitung der Missstände erst anfangen kann.