Javier Bardem + Ellen Fanning

Wege des Lebens – The Roads not taken

Leo (Javier Bardem) und seine Tochter Molly (Ellen Fanning). Fotoquelle: Universal Pictures International Germany. Credit: Courtesy of Bleecker Street

(Kinostart: 13.8.) Papa ist Gemüse: Eine Tochter müht sich mit ihrem demenzkranken Vater ab, der von quälenden Visionen heimgesucht wird. Dessen Innenleben veranschaulicht Regisseurin Sally Potter plausibel; Javier Bardem spielt ihn meisterlich nuanciert.

In gewisser Hinsicht ist Demenz grausamer als der Tod. Einen Verstorbenen können seine Angehörigen begraben und betrauern; sein Angedenken gehört nur ihnen. Ein Demenzkranker bleibt jedoch körperlich anwesend, auch wenn sein Geist größtenteils abgestorben ist: Er verliert jede Orientierung, erkennt ihm Nahestehende nicht mehr und äußert, wenn überhaupt, nur noch unsinniges Zeug. Doch sein Leib ist weiterhin da und muss genährt, gekleidet und gepflegt werden – als sperriges Mahnmal für eine Person, die längst verschwunden ist.

 

Info

 

Wege des Lebens –
The Roads not taken

 

Regie: Sally Potter,

85 Min., Großbritannien/ Schweden/ Polen 2020;

mit: Ellen Fanning, Javier Bardem, Salma Hayek

 

Website zum Film

 

Leo (Javier Bardem) ist ein solches Memento seiner selbst: Physisch praktisch gesund, aber völlig geistesabwesend liegt der frühere Schriftsteller in seiner kleinen, fast leeren New Yorker Wohnung im Bett und reagiert kaum noch. Jedenfalls nicht auf das Klingeln seiner Haushälterin oder Telefonanrufe seiner Tochter Molly (Ellen Fanning). Erst als beide zur Tür hereinstürmen, scheint über sein Antlitz ein Augenblick des Erkennens zu huschen, bevor sein Blick wieder ausdruckslos wird.

 

Zwei Mal vor Frauen flüchten

 

Denn Leo ist damit beschäftigt, nach innen zu schauen. Zwei Phasen seiner Vergangenheit beanspruchen seine volle Aufmerksamkeit. Vor langer Zeit lebte er mit seiner ersten Frau Dolores (Salma Hayek) in Mexiko. Das Paar verlor seinen Sohn bei einem Unfall; dieses Unglück zerstörte ihre Beziehung. Jahre darauf findet er sich auf einer griechischen Insel wieder. Dorthin hatte er sich geflüchtet, um einen Roman fertig zu schreiben; dafür hatte er seine zweite Frau Rita (Laura Linney) mit dem gemeinsamen Baby zurückgelassen, dessen Geschrei er nicht ertrug. Doch auf der Insel quälten ihn Schuldgefühle und Versagensängste.

Offizieller Filmtrailer


 

Latent katastrophaler Alltag

 

Von all dem weiß Molly nichts. Sie hat ihre eigene Agenda: Heute muss sie ihren Vater erst zum Zahnarzt, dann zum Augenarzt bringen. Diese Praxisbesuche, die für jeden normalen Patienten lästige Routine wären, werden für Molly und Leo zur tagesfüllenden Tortur. Beim Dentisten protestiert er und nässt sich ein; beide landen in der Notaufnahme einer Klinik. Dem Weg zum Augenarzt widersetzt sich Leo nach Kräften, weil ihn die Großstadt-Reize ringsherum stark irritieren. Spätabends wird er im Bademantel seine Wohnung verlassen und durch die Straßen irren, bis er in Polizeigewahrsam landet.

 

Im neuen Film der britischen Regisseurin Sally Potter geschehen nur alltägliche, unspektakuläre Vorkommnisse – von denen jedes für einen Demenzkranken wegen seiner Hilflosigkeit zur Katastrophe werden kann. Diese latente Gefahr fängt die Kamera kongenial ein, indem sie oft nah an Leo dran bleibt; dann verschwimmen andere Menschen oder Fahrzeuge zu diffus bedrohlichen Schemen und Lärmquellen.

 

Nicht beschrittene Lebenswege

 

Scharf gestellt und perspektivisch klar sind hingegen die Rückblenden in Leos Zeit in Mexiko und Griechenland. Wobei ungewiss bleibt, ob diese Szenen seine Erinnerungen an reale Ereignisse oder Phantasien widergeben – sicher ist nur, dass ihn die Last gescheiterter Beziehungen niederdrückt. Was Plausibilität beanspruchen darf: Wenn die Außenwelt das Bewusstsein nicht mehr erreicht, dürfte lange Verdrängtes wieder emporsteigen.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „The Party“ – britische schwarzhumorige Gesellschafts-Komödie von Sally Potter

 

und hier eine Besprechung des Films „Liebe (2012)“ – ergreifendes Kammerspiel über Sterbehilfe für Demenzkranke von Michael Haneke, prämiert mit Goldener Palme 2012

 

und hier einen Beitrag über den Film „Halt auf freier Strecke“ – berührendes Porträt eines unheilbar Krebskranken von Andreas Dresen

 

und hier einen Bericht über den Film „Ginger & Rosa“ – Coming-of-Age-Drama über Bohemien-Jugend in London 1962 von Sally Potter.

 

Für diesen Sachverhalt ist der deutsche Titel „Wege des Lebens“ fast schon ärgerlich viel- bis nichtssagend, dagegen das englische Original „The Roads not taken“ bestechend präzise. Es geht um nicht gelebtes Leben, um nicht beschrittene Wege – die durch eigene Entscheidungen abgeschnitten und gekappt wurden.

 

Ergreifende geistige Leere

 

Erweisen sie sich später als Fehlentscheidungen, wenn der Geist auf sich selbst zurückgeworfen ist? Zu dieser Fragestellung inspirierte Regisseurin Potter das Schicksal ihres jüngeren Bruders, der an Demenz erkrankte und binnen zwei Jahren starb. So spekulativ die Gedanken und Empfindungen sind, die sie ihrer Hauptfigur Leo zuschreibt: allein der Mut, mit der sich Potter an dieses kaum darstellbare Sujet heranwagt, verdient Respekt.

 

Und lauten Beifall der Schauspieler, der die fast unlösbare Aufgabe meistert, einen geistig Abwesenden zu mimen: Dieser Leere verleiht Javier Bardem mit seinem kantigen Charakterkopf so viele Nuancen, dass er nicht trotzdem, sondern gerade deswegen den Zuschauer ergreift. Dennoch dürfte es dieser Film, wie alle realistischen Porträts von Todgeweihten, an der Kinokasse nicht leicht haben: Das Publikum lässt sich ungern vor Augen führen, dass manche Krankheiten grausamer sind als der Tod.