Diao Yinan

See der wilden Gänse

Dolchstoß mit Regenschirm: Regisseur Diao Yinan bevorzugt unkonventionelle Todesarten. Foto: Eksystent Distribution

(Kinostart: 27.8.) Sterben in Schönheit: Regisseur Diao Yinan, Berlinale-Gewinner 2014, hat einen weiteren Neo-Noir-Thriller in Chinas Provinz gedreht. Seine exquisite Bildgestaltung geht aber zu Lasten von Handlungslogik und Figurenzeichnung.

Es kommt sehr selten vor, dass ein chinesischer Film den Berlinale-Wettbewerb gewinnt. Als „Das Rote Kornfeld“ 1988 mit dem Goldenen Bären prämiert wurde, war das für den Regie-Debütanten Zhang Yimou der Auftakt zu einer fabelhaften Karriere. Inzwischen gilt er als der erfolgreichste Filmemacher seines Landes, der abwechselnd Blockbuster mit horrenden Budgets und ambitionierte Autorenfilme mit sozialkritischem Einschlag dreht.

 

Info

 

See der wilden Gänse

 

Regie: Diao Yinan,

113 Min., China/ Frankreich 2019;

mit: Hu Ge, Gwei Lun-mei, Liao Fan

 

Weitere Informationen

 

Auf der Berlinale 2014 siegte sein Landsmann Diao Yinan mit „Feuerwerk am helllichten Tag – Black Coal, Thin Ice“: einem stark stilisierten und verrätselten Neo-Noir-Thriller über einen unehrenhaft entlassenen Ex-Polizisten in der chinesischen Provinz, der eine zweite Chance bekommt. Vor allem die dichte und ausgefeilte Bildsprache begeisterte Kritik und Publikum; voller Details und Symbolik, die weitere Bedeutungsschichten erahnen ließen. Dann geschah – lange nichts.

 

Wartezeit tut Plot nicht gut

 

Für seinen nächsten Film hat sich Diao fünf Jahre Zeit gelassen; ob das an Perfektionismus, Finanzierungsschwierigkeiten oder Ärger mit der Zensur lag, bleibt offen. Die lange Vorbereitungsphase hat jedoch „See der wilden Gänse“ nicht gut getan, zumindest nicht dem Plot. Während die Bildgestaltung abermals exquisit gelungen ist, wirkt die Handlung eher zäh und streckenweise unausgegoren.

Offizieller Filmtrailer


 

Kopfgeld für die Ex-Frau

 

Bei einem Untergrund-Treffen mehrerer Diebesbanden, die ihre Reviere in einer Großstadt abstecken wollen, läuft etwas schief. Im anschließenden Tohuwabohu wird ein Gauner geköpft, sein Kumpel Zhou Zenong (Hu Ge) verteidigt sich und erschießt dabei versehentlich einen Polizisten. Daraufhin ist die geballte Ordnungsmacht der Stadt hinter ihm her; Captain Liu (Fan Liao) lässt alle Viertel durchkämmen, um den Polizistenmörder dingfest zu machen.

 

Auf ihn wird ein hohes Kopfgeld ausgesetzt, so dass auch etliche Unterwelt-Schurken nach ihm suchen. Verletzt und lebensmüde, will Zhou das Geld seiner Ex-Frau Yang Shujun (Wan Qian) zuschustern, die er vor Jahren mit dem gemeinsamen Sohn zurückließ: Sie soll der Polizei den entscheidenden Tipp geben, um mit der Belohnung ein neues Leben zu beginnen. Ähnliches plant auch die Teilzeit-Prostituierte Liu Aiai (Gwei Lun Mei), die von einem Zuhälter auf Zhou angesetzt wird.

 

Kaum entschlüsselbare Andeutungen

 

Dass die Ausgangslage schlicht und das Ende erwartbar ist, entspricht durchaus dem Film-Noir-Genre; ebenso die wortkarge Resignation, mit dem sich alle Akteure trotz ihres Aufbegehrens ins Unvermeidliche fügen. Auf dem Weg dorthin mit diversen Finten und Fluchtversuchen wird aber zusehends undurchschaubar, wer sich gerade mit wem gegen wen verbündet oder die Seiten wechselt. Was an der chinesischen Kunst der dezenten Andeutung liegen mag, die für westliche Zuschauer häufig nicht leicht zu entschlüsseln ist.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Feuerwerk am helllichten Tage – Black Coal, Thin Ice“ – brillanter Neo-Noir-Krimi in Nordchina von Diao Yinan, Berlinale-Sieger 2014

 

und hier eine Besprechung des Films „Asche ist reines Weiß“ – präzise Mafia-Beziehungs-Studie aus China von Jia Zhangke mit Liao Fan

 

und hier einen Bericht über den Film „A Touch of Sin“ – schonungsloses Sozialdrama über Ausbeutung + Gewalt im heutigen China von Jia Zhangke

 

und hier einen Beitrag über den Film „A Touch of Zen“ – legendärer Kampfkunst-Klassiker (1971) aus Taiwan von King Hu.

 

Dennoch beschleicht einen der Eindruck, dass Regisseur Diao sich für sein Personal nicht sonderlich interessiert. Alle Charaktere bleiben recht profillos; selbst Polizeichef Fan Liao, der für seinen fulminanten Auftritt in „Black Coal, Thin Ice“ als bester Hauptdarsteller mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet wurde. Seine damalige Mit- und Gegenspielerin Gwei Lun Mei irrlichtert nun als ätherische Femme fatale mit Leidensmiene durch das Geschehen.

 

Auto-Scheinwerfer als Glühwürmchen

 

Selbst bei einer Liebesszene im Ruderboot auf dem „See der wilden Gänse“: Der ist nämlich das sommerliche Freizeitareal der Großstadt – gedreht wurde zufällig im mittlerweile weltberühmten Wuhan. Dort finden sich abends Vergnügungen aller Art, feilgeboten von halbseidenen Gestalten, und tagsüber Badespaß wie am Meer. Animierdamen wie Liu, die Ausflügler umgarnen, nennen sich „Badeschönheiten“.

 

Dieses zwielichtige Milieu hat es dem Regisseur offensichtlich angetan; er scheut keinen Aufwand, um es mit grellen Farben, Schattenspielen und schrägen Perspektiven effektvoll in Szene zu setzen. Dabei gelingen ihm manchmal betörende Bilder, wenn etwa Auto-Scheinwerfer in der Ferne wie Glühwürmchen erscheinen, doch auf Dauer wirkt das ziemlich manieriert.

 

Im Labyrinth der kleinen Leute

 

Allerdings ist es eine attraktive Variante, um die Lebenswelt kleiner Leute zu präsentieren, die sonst im chinesischen Kino kaum noch vorkommt: ein Labyrinth aus Garküchen, Hinterhof-Werkstätten und Absteigen. Die wird von der modernitätssüchtigen Parteiführung gern verleugnet; vielleicht hat das die Fertigstellung des Films so lange verzögert?