Clive Owen + Tim Roth

The Song of Names

Dovidl Rapaport (Clive Owen) ist ein polnisch-jüdischer Violin-Virtuose. Fotoquelle: Kinostar Filmverleih GmbH

(Kinostart: 6.8.) Wenn ein Wunderkind verschwindet: Ein jüdischer Violinvirtuose aus Polen ließ 1951 seine Ersatzfamilie im Stich. 35 Jahre später findet ihn sein Kindheitsfreund wieder – komplexes Melodram von Regisseur François Girard, am Ende leicht verkitscht.

Erinnerung, sprich: Ein Geruch, ein Ton oder eine Geste können lange Verschüttetes wieder ins Bewusstsein holen. So trifft es den Musikprofessor Martin Simmonds (Tim Roth) wie ein Schlag, als ein junger Violinist bei einem Wettbewerb seinen Bogen in einer ganz bestimmten Weise glättet. Diese Geste katapultiert ihn zurück ins Jahr 1941, als sein Vater, ein Musikverleger, das polnische Violinen-Wunderkind Dovidl Rapaport in ihr Londoner Haus aufnimmt.

 

Info

 

The Song of Names

 

Regie: François Girard,

113 Min., Kanada/ Ungarn 2019;

mit: Tim Roth, Clive Owen, Catherine McCormack

 

Website zum Film

 

Der Junge ist sich seines überragenden Talents mehr als bewusst und stellt Martin, den etwa gleichaltrigen Sohn seines Mäzens, der sich mit ihm ein Zimmer teilt, bei weitem in den Schatten. Dovidls Arroganz wird aber begleitet von unbändiger Lebensfreude und Tiefgang, so dass beide Jungen bald eine bruderähnliche Freundschaft verbindet – nicht zuletzt wegen der Ungewissheit, was mit Dovidls Familie geschieht, die in Polen geblieben ist.

 

Jüdische Feiertage begehen

 

Sehr anschaulich erzählt Regisseur François Girard die Annäherung zweier unterschiedlicher Jungen aus völlig verschiedenen Welten. Für Dovidl werden in der christlichen Familie sogar die jüdischen Riten und Feiertage wie Bar Mizwa oder Chanuka oder eingehalten. Dennoch ist stets klar, dass das nur ein unzureichender Ersatz für Dovidls eigene Familie sein kann, die er schmerzlich vermisst.

Offizieller Filmtrailer


 

Spezialist für musikalische Filme

 

Derweil profitiert der zurückhaltende Martin von der überbordenden Energie des Freundes, der sich durch nichts und niemanden einschränken lassen will. Zehn Jahre später steht Dovidl 1951 kurz vor seinem großen Durchbruch als Geigenvirtuose – als er am entscheidenden Konzertabend verschwindet, ohne ein Lebenszeichen zu hinterlassen.

 

Dieser Abend bildet den roten Faden für den Film „The Song of Names“ nach dem gleichnamigen Roman von Norman Lebrecht. Girard hat sich mit Spielfilmen wie „Die Rote Violine“ (1998) oder „Der Chor – Stimmen des Herzens“ (2014) einen Namen als Regisseur mit einem guten Händchen für alles Musikalische gemacht. Auch hier gehören die Momente, in denen nur die Musik spricht, zu den stärksten des Films; dabei erzählt er auf mehreren Ebenen die Geschichte einer großen Freundschaft und ihres Verlustes – und fragt zugleich, was ein musikalisches Genie von einem durchschnittlich begabten Musiker unterscheidet.

 

Budapest als Kino-Warschau

 

Die Handlung springt zwischen drei Zeitebenen hin und her; von 1941 über 1951 bis 1986, als Martin (Tim Roth) nach 35 Jahren endlich eine Spur zu seinem einstigen Bruderfreund findet und dieser entschieden nachgeht. Seine Suche führt ihn nach Warschau und New York. Dabei lebt die Handlung von ihrer stimmigen Ausstattung; Regisseur Girard erliegt nicht der Versuchung, in Warschau – für das offensichtlich Budapest herhalten muss – traurig-düstere Ostblock-Atmosphäre zu kreieren.

 

Girard konzentriert sich auf die Entwicklung seiner beiden Hauptfiguren, auch wenn Dovidl zunächst nur als Kind und Jugendlicher in Martins Erinnerung präsent ist. Die Inszenierung schafft es allerdings nicht, allen vor ihr angerissenen Themen gerecht zu werden; gegen Ende gleitet sie immer mehr ins Klischeehafte ab, wenn Dovidls Version der Geschichte vermittelt wird.

 

Rührstück über gefühlte Schuld

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Das Vorspiel“ – intensives Drama über eine Geigenlehrerin + ihren Schüler von Ina Weisse mit Nina Hoss

 

und hier eine Besprechung des Films „Transit“ – vielschichtiges Flüchtlings-Drama mit Paula Beer + Franz Rogowski von Christian Petzold 

 

und hier einen Beitrag über den Film „Saiten des Lebens“ – feinsinnige Beziehungsstudie über ein Kammermusik-Ensemble von Yaron Zilberman

 

und hier einen Bericht über den Film „Die Liebe seines Lebens – The Railway Man“ – ergreifendes Schuld-und-Sühne-Drama über einen Weltkriegs-Veteranen von Jonathan Teplitzky mit Colin Firth + Nicole Kidman.

 

Die meiste Zeit aber nimmt der Film Martins Perspektive ein und vermittelt nachdrücklich, warum ihn der Verlust seines Kindheitsfreundes auch nach Jahrzehnten noch schmerzt; schließlich findet er Dovidl (Clive Owen) im jüdisch-orthodoxen Viertel von New York wieder. Bis dahin hat er nicht nur eine reale, sondern auch eine für ihn erhellende innere Reise gemacht; sie lässt eine Art Versöhnung zu, die auch auf musikalischer Ebene stattfindet.

 

Nun verwandelt sich die Geschichte vom Verlust einer Freundschaft aber in ein zu kurz greifendes Rührstück über die gefühlte Schuld eines Holocaust-Überlebenden, das in der verbleibenden Erzählzeit diesem sehr komplexen Zustand nicht gerecht werden kann.

 

Wiederholter Konzertabend

 

Inzwischen hat sich Dovidl in die jüdisch-orthodoxe Gemeinschaft integriert. Er spielt nur noch für sich selbst; ausgelöst durch ein einschneidendes Erlebnis am Tag seines Verschwindens, das den damals jungen, impulsiven Mann auf eine Reise zu seinen Wurzeln schickt; sie wird von Martin 35 Jahre später nachvollzogen.

 

Das mündet in die sehr emotionale Wiederholung des verpassten Konzertabends unter veränderten Vorzeichen, was den rätselhaften Titel erklärt. Leider schrammt der Film durch exzessive Bildmontagen zum Schluss hart an der Kitschgrenze entlang, so dass er den Zuschauer mit einem leicht schalen Gefühl zurücklässt.