Christopher Nolan

Tenet

Elizabeth Debicki und John David Washington. Foto: © 2020 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved

(Kinostart: 26.8.) Der Feind ist unsere eigene Frage als Gestalt: In seinem SciFi-Spionage-Thriller lässt Regisseur Christopher Nolan die Zeit rückwärts laufen – parallel zur Normalzeit. Etliche James-Bond-Anleihen ergeben ein absurdes Action-Gedankenspiel aus einem Guss.

Was wäre, wenn: Mit gewagten Gedankenspielen hat Regisseur Christopher Nolan eine der erstaunlichsten Karrieren in der heutigen Filmbranche hingelegt. Er ließ in „Memento“ (2000) die Handlung rückwärts ablaufen, weil die Hauptfigur unter Amnesie litt. Zwei Jahre später plagten den Held von „Insomnia“ durch Schlafentzug ausgelöste Halluzinationen. Im Historienfilm „Prestige“ (2006) ging es um das Phänomen der Bilokation, an zwei Orten zugleich zu sein. Und in „Inception“ (2010) tauchte Leonardo DiCaprio in die Träume seiner Mitmenschen und damit tief in ihr Unterbewusstsein ein.

 

Info

 

Tenet

 

Regie: Christopher Nolan,

151 Min., USA/ Großbritannien 2019;

mit: John David Washington, Elizabeth Debicki, Robert Pattinson

 

Weitere Informationen

 

Spätestens seither gilt Nolan als Kino-Magier, der diffizile Denksportaufgaben in fesselnde Filmerlebnisse verwandeln kann; als einer der wenigen Autorenfilmer, denen es gelingt, sich die Illusionsmaschine von Hollywood dienstbar zu machen – und nicht umgekehrt. Seine „The Dark Knight“-Trilogie (2005/12) über Batman brach diverse Kassenrekorde und machte ihn weltberühmt; seitdem kann Nolan aus dem Vollen schöpfen.

 

Bislang gerade noch denkbar

 

Bei aller Freude an ausgeklügelten Kopfgeburten hat der Regisseur doch bislang stets darauf geachtet, sich am Rande des Gerade-noch-Denkbaren zu bewegen: Die Traumtänzerei von „Inception“ erscheint mittelfristig durchaus möglich, falls die Hirnforschung weiterhin rasante Fortschritte macht. Vor dem Dreh seiner Weltraumoper „Interstellar“ (2013) konsultierte Nolan führende Experten für Schwarze Löcher, um sie so plausibel wie möglich darzustellen.

Offizieller Filmtrailer


 

Struktur klassischer Spionage-Thriller

 

Diesen Anspruch auf Plausibilität lässt der Regisseur in „Tenet“ fallen. Sein neuer Film ist pure Science Fiction, im Sinne von: Wenn Schauwerte den Naturgesetzen widersprechen, umso schlimmer für die Naturgesetze. Das macht aber nichts, denn im Übrigen orientiert sich das Drehbuch an der geläufigen Struktur klassischer Agenten-Thriller, etwa der „James Bond“-Serie. Und diesem Genre war das Menschenmögliche schon immer egal, sofern die im Helden gebündelten Allfähigkeits-Fantasien das verlangten.

 

Passend dazu trägt der Protagonist von „Tenet“ keinen Namen. Diese Geheimdienst-Geheimwaffe verkörpert John David Washington mit derart stoischem Aktionismus, wie man das seit den blaxploitation-Klassikern der 1970er Jahre nicht mehr gesehen hat. Da er zu dunklem Teint einen gestutzten Vollbart trägt, ist in schwach beleuchteten Szenen kaum auszumachen, ob sein reduziertes Minenspiel überhaupt irgendeine Regung zeigt. Wobei alle anderen Akteure ebenfalls pokerfaces zur Schau tragen; Lächeln war gestern.

 

Herrlich absurde Paradoxien

 

Weltrettung ist eben eine todernste Angelegenheit, und um nichts Geringeres geht es natürlich. Weil nicht nur die gegenwärtige, sondern auch sämtliche zukünftigen Welten auf dem Spiel stehen: Bei einer Terror-Attacke auf die Kiewer Oper, die an den Überfall von Tschetschenen auf ein Moskauer Musicaltheater 2002 erinnert, wird invertierte Munition verwendet. Deren Lokalzeit verläuft rückwärts: Erst ist das Einschussloch da, dann die Flugbahn des Projektils.

 

Dieses Teufelszeug soll aus Antimaterie bestehen, in der Positronen und Elektronen vertauscht sind: Kommt sie mit normaler Materie in Kontakt, löschen sich beide gegenseitig aus und setzen enorme Energie frei. Das steht in jedem Physik-Lehrbuch; dass Antimaterie dabei auch den Zeitstrahl umkehrt, ist jedoch völliger Nonsens. Für den hat sich Regisseur Nolan eine Reihe herrlich absurder Szenen ausgedacht: Dass Antimaterie-Gestalten im Feuersturm einen Kälteschock erleiden, bildet eine der vergnüglicheren Paradoxien.

 

Visionärer Masken-Gebrauch

 

Der Protagonist muss sich mit ungemütlicheren herumschlagen. Nachdem er zur Auftrags-Erledigung in Antimaterie umgewandelt wurde, begegnet er sich zwangsläufig selbst – im Zweikampf auf Leben und Tod, wie es sich für archetypische Mythen gehört. Wobei der Moment der Selbsterkenntnis ausbleibt: Alle Antimaterialisten müssen aus irgendeinem Grund entstellende Sauerstoffmasken tragen. Als hätte Nolan beim Skript-Schreiben visionär vorausgeahnt, wie das Publikum beim Kinostart aussehen werde.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Inception“(WA) – spektakulär verschachtelter Traumdiebe-Thriller mit Leonardo DiCaprio  von Christopher Nolan

 

und hier einen Bericht über den Film „Interstellar“ – visuell überwältigendes Sci-Fi-Epos in fünf Dimensionen von Christopher Nolan

 

und hier einen Beitrag über den Film „Dunkirk“ – monumentales Echtzeit-Epos über die Evakuierung britischer Truppen im Zweiten Weltkrieg von Christopher Nolan

 

Ansonsten mangelt es nicht an genretypischen Versatzstücken. Der Superschurke ist ein russischer Oligarch, der bei einem Atomunfall mental verstrahlt wurde und nun im Augenblick seines Ablebens alles mit sich reißen will: Weltuntergang als höchste Form der Weltherrschaft. Kenneth Branagh spielt ihn so daseinsmüde, als habe er wirklich alles hinter sich. Seine rehäugige Gazellen-Gattin (Elizabeth Debicki) tritt als zeitgemäßes Bond-Girl für die #MeToo-Ära des empowerment auf.

 

Dialoge in Marmor meißeln

 

Den Sidekick des Helden namens Neil (Robert Pattinson) befähigt sein Master in Physik, sämtliche Welträtsel in drei Sätzen zu erklären. Ohnehin reden alle Akteure in derart verknappten Sentenzen, dass man sie umstandslos in Marmor meißeln könnte. Auch die Schauplätze und Actionszenen sind angemessen originell: Rasend ineinander verkeilte Polizei- und Feuerwehr-Wägen auf der Stadtautobahn von Tallinn kamen wohl noch nie auf die Leinwand. Oder war es in Oslo?

 

Gleichviel: Hier passt nichts zur uns bekannten Welt, aber alles erscheint wie aus einem Guss. Nachdem die Mission erwartungsgemäß erfüllt ist, bleibt nur eine Frage offen: Nolan hat mittlerweile für das Kino die Erinnerung, Wahrnehmung, Topologie, das Bewusstsein und nun gar den Zeitablauf manipuliert – worüber will er bloß seinen nächsten Film drehen?