Berlin

11. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst – Der Riss beginnt im Inneren

Bartolina Xixa: Szenenbild aus "Ramita Seca. La Colonialidad Permanente" (Trockener Zweig. Die permanente Kolonialität), HD-Video, 5'07'', 2019, Courtesy Bartolina Xixa, Foto: ohe

Kunst als Traumatherapie und Sozialarbeit: Die 11. Berlin Biennale versteht sich als Gedenkkapelle für benachteiligte Minderheiten. Ihre Theologie der Befreiung geht einher mit geistiger und ästhetischer Schlichtheit, aus der nur wenige Arbeiten positiv herausragen.

Schluss mit Kolonialismus, Kapitalismus, Patriarchalismus, Heteronormativität und allen anderen Formen von Unterdrückung! Seit 5. September wird zurückkuratiert: „In ihren zahlreichen Mutationen setzt die Religion des Kolonialkapitalismus den kriminellen Amoklauf gegen die wachsende Mehrheit der Ungläubigen fort“, warnt das vierköpfige Kuratoren-Team. Doch Rettung naht: „Emanzipatorische Kosmologien und Sexualitäten bauen private und kollektive Gegenkirchen, queere und transfeministische Tempel. Sie vollziehen Rituale feministischer Spiritualität. Sie sind spirituelle Heiler*innen. Sie sind immer viele, und niemals allein.“

 

Info

 

11. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst –
Der Riss beginnt im Inneren

 

05.09.2020 – 01.11.2020

täglich außer dienstags

11 bis 19 Uhr,

donnerstags bis 21 Uhr

im KW Institute for Contemporary Art, Auguststr. 69;

 

+ Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstraße 7;

 

+ daad Galerie, Oranienstr.161;

 

+ Ex-Rotaprint, Gottschedstraße 4

 

Katalog 7 €

 

Website zur Ausstellung

 

Eine solche Gegenkirche oder -tempel errichtet das Team auch in der großen Halle der KW (Ex-KunstWerke): Werke von vier Künstlern werden zu einem Chorraum arrangiert, der einige der besten und schlechtesten Beiträge dieser Biennale auf engstem Raum versammelt. Vorne, wo in Gotteshäusern sonst das Weihwasserbecken steht, hat der Koreaner Young-jun Tak zehn lebensgroße Jesus-Figuren im Kreis ausgebreitet und mit schwulenfeindlichen Pamphleten christlicher Sekten beklebt – die meisten Koreaner sind bekennende Christen. Ein einfaches, aber eindrucksvolles Arrangement.

 

Polymorph-perverse Zeichnungen

 

Davor stehen Bildtafeln im Halbkreis. Mannshohe Bleistiftzeichnungen der Argentinierin Florencia Rodriguez Giles zeigen Ungeheuerliches: utopische Mischwesen, üppig mit eher weiblichen Geschlechtsorganen und erogenen Zonen bestückt, die sich allerlei leiblichen Genüssen hingeben. Weil diese Leiber transhuman sind, unterlaufen sie jeden Pornographie-Verdacht: Selten wurde Freuds These einer „polymorph-perversen Sexualität“ so dezent und drastisch zugleich veranschaulicht.

Impressionen der Ausstellung in den KW (KunstWerken) + im Martin-Gropius-Bau


 

Katholisch bipolare Weltsicht

 

Gegenüber das glatte Gegenteil: Comic-Collagen zu allen Körperöffnungen des Brasilianers Pedro Moraleida Bernardes, der 1999 mit 22 Jahren Selbstmord beging, würden obszön wirken, wären sie nicht so dilettantisch ausgeführt. Und die wirre Materialsammlung der Spanierin Azucena Vieites zu ignorieren, fällt leicht.

 

Die Mächte der Finsternis gegen die des Lichts: Dass die manichäische Weltsicht von Erlösungsreligionen diese Biennale im säkularisierten Berlin derart prägt, mag erstaunen. Sollte es aber nicht: Alle Kuratoren kommen aus Lateinamerika, dem katholischsten aller Kontinente. Ebenso die Mehrheit der rund 70 teilnehmenden Künstler und Kollektive, zählt man Spanien und die Philippinen als Teile des hispanischen Kulturraums dazu. Die Mehrzahl von ihnen betrachtet die Schau als Forum, um Böses anzuprangern und Mitstreiter für das Gute zu gewinnen.

 

Heilreise + Gesundheitsrecherche

 

Die wichtigste Frontlinie verläuft zwischen Nord und Süd bzw. Weißen und Indigenen. Edgar Calel beklagt die Diskriminierung von Maya in Guatemala, Paula Baeza Pailamilla und Francisco Huichaqueo unabhängig voneinander die der Mapuche in Chile. Sara Sejin Chang spürt auf einer „schamanischen Heilreise“ zwangsadoptierten asiatischen Kindern in den Niederlanden nach. Und Castiel Vitorino Brasileiro setzt sich gefälschte Masken auf, um gegen Raubkunst zu protestieren.

 

Da dieser Kampf ein globaler ist, bezieht er auch Frauen und Nonkonformisten mit ein. Im Vorfeld dieser „Epilog“ genannten Schau – zuvor gab es Workshops und Probeläufe – trug eine „Feministische Gesundheitsrecherchegruppe“ in Berlin allerlei Daten und Fakten zusammen. Mit gefilmten Ritualtänzen werben drei Filmemacherinnen für die afrobrasilianische Candomblé-Religion.

 

They Sing, They Dance, They Fight

 

Für (trans-)weibliche Rechte streiten etwa die Brasilianerin Bartolina Xixa, Elena Tejeda-Herrera aus Peru und Naomi Rincón Gallardo aus Mexiko. Sie preisen in ihren bonbonbunten Videos feminine Schönheit und Stärke: „They Sing, They Dance, They Fight“. Anspruchsvoller ist die Drei-Kanal-Installation des Kolumbianers Carlos Motta: Ein Sänger, eine Theologin und SM-Praktiken sollen queere Lebensstile mit dem Christentum versöhnen.

 

Das misslang Daniel Paul Schreber: Der Transsexuelle wurde 1894 wegen seiner Psychosen in eine Nervenheilanstalt eingewiesen. An ihn erinnert das spanische Kollektiv „El Palomar“ mit einem Video, der wie ein Werbetrailer für einen Film von Pedro Almodóvar inszeniert ist. Langjährige Aufenthalte in der Psychiatrie erlebte auch der Chilene Óscar Fernando Morales Martínez: Mit Filzstiften bemalt er unzählige Papierseiten mit seinem Privatkosmos. Eine Auswahl wird in der Schau gezeigt – ebenso Bilder brasilianischer Psychatrie-Patienten aus Sammlungen dortiger Spezialmuseen.

 

Zwischen VHS-Kurs + Eine-Welt-Laden

 

Von kanadischen Inuit über die LGBTQI-Community bis zu Schizophrenen gibt es kaum minoritäre Gruppen, deren Anliegen hier nicht vertreten würden. Dagegen wäre nichts einzuwenden, geriete die Ausführung nicht so geistig schlicht. Ethno-Traditionen und Spuren erlittener Gewalt werden wie Wundmale anklagend vorgezeigt: Herr, erbarme Dich unser! Bevorzugte Medien sind statische Filmbilder, ungelenke Comic-Strips und Serien spröder Dokumente; je plakativer, desto besser.

 

Mit ausgeklügelten Theorien und raffinierten Techniken – außer textilem Sticken und Weben – haben diese Akteure kreativer Identitätspolitik nichts zu schaffen. Sie singen, tanzen und trommeln lautstark für ihre Interessen – ihre Ästhetik bewegt sich zwischen Volkshochschulkurs und Eine-Welt-Laden. Komplexe Konzepte und mehrdeutige Bildfindungen sucht man vergebens; sie würden vom revolutionären Elan nur ablenken.

 

Ähnlich wie documenta 14

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung „10. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst – We don’t need another hero“ in Berlin 2018

 

und hier eine Kritik der „documenta 14“ – Überblick über die weltgrößte Gegenwartskunst-Ausstellung 2017 in Kassel

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung „9. Berlin Biennale – The Present in Drag“ in Berlin 2016

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung  „8. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst“ in Berlin 2014

 

und hier einen Bericht über die „7. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst“ in den KunstWerken, 2012.

 

Dennoch finden sich auch ein paar vielschichtige und attraktive Arbeiten. Mit wenigen Drahtgebilden und Lichtern gelingt dem Bolivianer Andrés Pereira Paz eine traumschöne Hommage an eine bedrohte Vogelart. Cansu Çakar übersetzt Tagesaktuelles aus der Türkei in flirrend surreale Aquarelle. Und die Filipina Pacita Abad verarbeitete die Gräuel der Marcos-Diktatur zum fünf Meter hohen Stepptechnik-Teppich; ein echtes Pandämonium dieser Epoche. Allerdings bereits 1995 entstanden – ohnehin beeindrucken die ältesten Beiträge am ehesten. Allen voran Radierungen, die Käthe Kollwitz 1901 anfertigte: Ihre Fähigkeit, menschliches Leid in aufrüttelnden Kompositionen zwingend darzustellen, erreicht keiner ihrer Nachfolger.

 

Damit ähnelt diese Berlin Biennale der documenta 14, die vom Leiter Adam Szymczyk 2017 in ein ausuferndes Agitprop-Seminar verwandelt worden war; samt ein paar nostalgischen Ausgrabungen. Was für die Biennale einen herben Rückschlag bedeutet: Nach langer Orientierungslosigkeit hatte sie in den letzten beiden Ausgaben an Profil gewonnen – vor allem vor zwei Jahren, als sie erstmals ausgiebig nichtwestliche Kunst berücksichtigte.

 

Nicht loszuwerden

 

Nun verspielt sie diesen Kredit wieder mit Westentaschen-Revoluzzertum; was erneut die Frage aufwirft, wofür Berlin mit seinen rund 80 Museen und 300 Galerien dieses teure Spektakel eigentlich braucht. Es verhält sich offenbar wie mit Volksfesten oder Kleingärten: Sind sie einmal in der Welt, wird man sie nie wieder los.