Marina Abramović + Shirin Neshat

Body of Truth

Shirin Neshat bei der Arbeit. Foto: (c) Börres Weiffenbach. Fotoquelle: NFP

(Kinostart: 10.9.) Frauenpower im Quartett: Regisseurin Evelyn Schels porträtiert vier erfolgreiche Künstlerinnen, die mit Ausdrucksformen des Körpers arbeiten. In der optisch gefälligen Doku bleiben Fragen nach dem, was sie verbindet, oder gar Kritik außen vor.

Es ist so banal, dass es kaum bemerkt wird: Jeder Mensch hat einen Körper. Dieser Körper ist mehr als individuelle Verfügungsmasse; stets schwingen soziale und politische Implikationen mit. Die Dokumentation „Body of Truth“ stellt vier Künstlerinnen vor, die sich intensiv mit weiblichen Körpern und deren politischen Rollen in spezifischen kulturellen Kontexten auseinandersetzen: Marina Abramović, Shirin Neshat, Sigalit Landau und Katharina Sieverding.

 

Info

 

Body of Truth

 

Regie: Evelyn Schels,

92 Min., Deutschland/ Schweiz 2019;

mit: Marina Abramović, Sigalit Landau, Shirin Neshat, Katharina Sieverding

 

Weitere Informationen

 

Unter den Porträtierten ist die in den USA lebende Serbin Abramović mit Abstand am bekanntesten; auch im Film nimmt sie gefühlt den größten Raum ein. Gezeigt werden etwa Ausschnitte ihrer Performances wie „Balkan Baroque“ (1997), in der Abramović das Grauen der Balkankriege eindrücklich vor Augen führte, indem sie tagelang Rinderknochen abschabte. Zwischen solchen Archivbildern spricht die Starkünstlerin in ihrem New Yorker Domizil ausführlich über sich und ihre Kunst. Wirklich Neues erfährt man dabei allerdings nicht.

 

Allahs Frauen mit Waffen

 

In derselben Stadt wie Abramović lebt auch die Exil-Iranerin Shirin Neshat; sie verließ ihre Heimat nach der islamischen Revolution 1979. International bekannt wurde sie mit ihrer Fotoserie „Women of Allah“ (1993/97), in denen sie die Hautpartien verschleierter Frauen mit Kalligraphie in arabischer Schrift versieht, etwa Zeilen moderner Lyrik – häufig auch mit Waffen. Die Rolle der Frau in islamischen Gesellschaften und die männliche Verfügungsmacht über ihre Körper sind zentrale Themen ihres Werkes.

Offizieller Filmtrailer, OmU


 

Kunst mit dem Toten Meer schaffen

 

Dafür schuf sie einige Videoinstallationen, die etwa auf der Biennale in Venedig und der documenta zu sehen waren. Zudem hat sie zwei Spielfilme gedreht, die regulär ins Kino kamen: „Women Without Men“ malte 2009 die Utopie einer persischen Frauen-Gemeinschaft ohne männlichen Einfluss aus. In „Auf der Suche nach Oum Kulthum“ (2017) beschäftigte sich Neshat mit Ägyptens berühmtester Sängerin; sie wird in ihrer Heimat bis heute verehrt wie im Westen allenfalls Maria Callas.

 

Hauptsächlich um Verletzungen und Schmerz kreist das vielseitige Werk der Israelin Sigalit Landau. Die Nachfahrin von Holocaust-Überlebenden verarbeitet in Fotografie, Objektkunst und Performances die zahlreichen Wunden, die der Nahost-Konflikt in ihrem Land hinterlassen hat. Die auf Künstler-Porträts spezialisierte Filmemacherin Evelyn Schels begleitet Landau an ihren bevorzugten Arbeitsort: das Tote Meer.

 

Zwischen Selbstporträts + Politkunst

 

Dort treibt die Künstlerin etwa in der See mitten in einem Kreis aus Wassermelonen; ein stilles Bild von eindringlicher Schönheit. In anderen Arbeiten lässt sie aufgewickelten Stacheldraht von Salzkristallen des Toten Meeres überwuchern: Das lebensfeindliche Material verwandelt sich in bizarre Objekte. Gänsehaut ruft hingegen ihre Performance „Barbed Hula“ (2000) hervor: Dabei ließ sie einen Ring aus Stacheldraht um ihren nackten Bauch kreisen.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Auf der Suche nach Oum Kulthum“ – komplexes Dokudrama über Ägyptens berühmteste Sängerin von Shirin Neshat

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung „Starke Stücke – Feminismen und Geographien“ – Themen-Schau mit Werken von Sigalit Landau in der Stadtgalerie Saarbrücken

 

und hier einen Beitrag über den Film „The Artist is Present“ – Doku über eine Dauer-Performance von Marina Abramović im MoMA von Matthew Akers

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung „geteilt | ungeteilt: Kunst in Deutschland 1945 bis 2010“ – Ost-West-Vergleichs-Schau mit Werken von Katharina Sieverding in der Galerie Neue Meister im Albertinum, Dresden

 

und hier eine Kritik des Films „Georg Baselitz“ – Doku über den Gegenwartskünstler von Evelyn Schels.

 

Solch voller Körpereinsatz kommt für die deutsche Fotografin Katharina Sieverding nicht infrage. Die ehemalige Schülerin von Joseph Beuys betreibt die künstlerische Erkundung des „gesellschaftlichen Körpers“ samt Auswüchsen wie Rechtsextremismus. Ihre großformatigen Fotoarbeiten – im Film ist zu sehen, wie ein monumentaler Bilderfries für ein Düsseldorfer Einkaufszentrum entsteht – bewegen sich zwischen stilisierten Selbstporträts und Politkunst, die mitunter recht plakativ anmutet. Dadurch bildet ihr Werk einen Kontrapunkt: Es ist eher abstrakt-intellektuell angelegt als die Arbeiten der drei anderen Künstlerinnen, die sehr unmittelbar auf Emotionen abzielen.

 

Was ist das spezifisch Weibliche?

 

Allerdings wirkt die Auswahl der Künstlerinnen leicht beliebig. Zwar stellt Regisseurin Schels alle Protagonistinnen in ruhiger Abfolge vor; doch bis auf Abramović und Neshat, die sich schon lange kennen, begegnen sich die Frauen nicht – und die Bezüge ihrer Werke zueinander erscheinen allenfalls rudimentär. Auch fragt man sich unwillkürlich, ob das Quartett zum Körperlichen einen anderen Zugang hat als andere Kolleginnen oder männliche Künstler.

 

Doch solche analytischen Fragestellungen und Vergleiche bleiben außen vor. Umso mehr Zeit bleibt den Künstlerinnen zur ausführlichen Selbstdarstellung; Regisseurin Schels erspart ihnen kritische Fragen. So berichtet Abramović ausführlich über ihre harte Erziehung durch Eltern, die in Jugoslawien angeblich berühmte Partisanen gewesen sein sollen. Dass es ernsthafte Zweifel an ihrer Selbststilisierung gibt, thematisiert der Film nicht.

 

Im natürlichen Habitat

 

Damit wird „Body of Truth“ in erster Linie zum kurzweiligen und optisch ansprechend inszenierten Vorstellungs-Reigen international erfolgreicher Künstlerinnen. Sie bewegen sich meist in großzügigen Ateliers und sind dabei stets von einem Team emsiger Mitarbeiter umgeben. Vier Großkünstlerinnen in ihrem natürlichen Habitat; ob Körper nun wirklich nicht lügen, wie Abramovic postuliert, bleibe dahingestellt.