Dev Patel + Tilda Swinton

David Copperfield – Einmal Reichtum und zurück

David Copperfield (Dev Patel) gibt sich alle Mühe, die Übersicht zu behalten. Foto: © 2020 eOne Germany

(Kinostart: 24.9.) Roman-Biographie als Gag-Feuerwerk: In seiner Verfilmung des Klassikers von Charles Dickens stürzt sich Regisseur Armando Iannucci vor allem auf komisch exzentrische Episoden; dabei gerät die Sozialkritik der Vorlage etwas ins Hintertreffen.

Wie frischt man einen 170 Jahre alten Romanstoff auf, um ihn dem heutigen Publikum schmackhaft zu machen? Armando Iannucci, Schöpfer der Politsatiren-Serie „Veep – Die Vizepräsidentin“ und Regisseur der brillanten Abrechnung „The Death of Stalin“, wählt einen schwungvoll spielerischen Ansatz. Damit greift er die Metaebene auf, die Charles Dickens schon in seinen halb autobiografischen Klassiker „David Copperfield“ von 1850 eingearbeitet hatte.

 

Info

 

David Copperfield –
Einmal Reichtum und zurück

 

Regie: Armando Iannucci,

116 Min., Großbritannien/ USA 2019;

mit: Tilda Swinton, Dev Patel, Hugh Laurie, Ben Whishaw 

 

Engl. Website zum Film

 

Während Dickens‘ Titelheld seine Lebensgeschichte erzählt, greift er öfter kommentierend in das Geschehen ein. In dieser Verfilmung kommt das ab den ersten Minuten zur Geltung. So ist David (Dev Patel), der als erwachsener Schriftsteller auf seinen Werdegang zurückblickt, etwa bei seiner eigenen Geburt anwesend und begleitet diese mit pointierten Bemerkungen.

 

Verhältnis von Realität + Fiktion

 

Sein augenzwinkerndes Vorgehen betont, dass hier auch das Verhältnis von Realität und Fiktion thematisiert wird. Inwiefern hilft einem angehenden Autor seine ausgeprägte Beobachtungsgabe? Wie arrangiert man die persönliche Entwicklung zu einer spannenden Ereignisfolge? Was lässt man unter den Tisch fallen, und welche Erfahrungen schmückt man aus? Um solche Fragestellungen kreisen kleine Einschübe und Randnotizen; allerdings werden sie nicht differenziert diskutiert.

Offizieller Filmtrailer


 

Tempo mindert emotionalen Tiefgang

 

Regisseur Iannucci benutzt Dickens‘ Werk in erster Linie als Sprungbrett für einen temporeichen und farbenfrohen Streifzug durch das viktorianische England, der vor allem dank herrlich skurriler Begebenheiten in Erinnerung bleibt. Mit flotter Gangart, schnellen Szenenwechseln und teils abrupten Zeitsprüngen treibt der Film den episodenhaften Charakter des Romans auf die Spitze.

 

Dadurch wird aber auch das emotionale Gewicht mancher Stationen etwas geschmälert. Wie der kleine Halbwaise David (Jairaj Varsani) unter seinem strengen Stiefvater Edward Murdstone (Darren Boyd) leidet, wird an einer Stelle zwar schmerzhaft fassbar. Den seelischen Druck, den der Junge ertragen muss, hätte man aber sicher noch eindringlicher beschreiben können.

 

Erinnerungen als Hintergrund-Projektion

 

Das Auf und Ab, das der Protagonist erlebt, reibt der deutsche Untertitel dem Zuschauer überdeutlich unter die Nase; im Original heißt der Film neutraler „The Personal History of David Copperfield“. David muss schon in jungen Jahren auf Geheiß seines unbarmherzigen Stiefvaters in einer Londoner Flaschenfabrik arbeiten; dort werden Kinder gnadenlos ausgebeutet. Eine glückliche Wendung erfährt sein Schicksal, als er als junger Mann nach dem Tod seiner Mutter seine Tante Betsey Trotwood (Tilda Swinton) aufsucht; die exzentrische Frau hegt eine fast pathologische Abneigung gegen Esel.

 

Regisseur Iannucci lässt seinen Helden von einer amüsanten oder dramatischen Situation in die nächste stolpern, was er mit allerlei Kunstgriffen der Inszenierung anreichert: Wenn in einem Dialog von Erinnerungen die Rede ist, laufen sie manchmal als Projektion im Hintergrund ab. Das sorgt für Abwechslung, auch wenn nicht jeder Einfall überzeugt.

 

Gedanken eines Geköpften im Kopf

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „The Death of Stalin“brillante schwarze Komödie über Machtkämpfe im Spätstalinismus von Armando Iannucci mit Steve Buscemi

 

und hier einen Bericht über den Film „Die Poesie des Unendlichen“ – Biopic über ein indisches Mathematik-Genie von Matthew Brown mit Dev Patel

 

und hier eine Besprechung des Films „The Invisible Woman“ – gelungenes Historiendrama über Charles Dickens‘ heimliche Geliebte von und mit Ralph Fiennes

 

und hier einen Beitrag über die Literatur-Verfilmung „Große Erwartungen“ von Mike Newells nach dem Roman von Charles Dickens.

 

Am stärksten ist dieser episodenhafte Film, wenn er die schrägen Eigenheiten von Weggefährten und Bekannten des Protagonisten in den Blick nimmt; etwa die Auftritte von Mr. Micawber (Peter Capaldi), Davids Vermieter in London, der von Schulden erdrückt und von Gläubigern belagert wird. Nachhaltigen Eindruck hinterlässt überdies Hugh Laurie in der Rolle von Mr. Dick: Der Mitbewohner von Tante Trotwood glaubt allen Ernstes, die Gedanken Karls I. spukten nach dessen Enthauptung in seinem Kopf herum.

 

Zwar stürzt sich diese Verfilmung vor allem auf die komischen und exzentrischen Aspekte des Romans, doch Regisseur Iannucci schenkt der oft sehr präzisen Klassen- und Milieuzeichnung von Dickens auch etwas Aufmerksamkeit. Obwohl nicht annähernd so ausführlich wie die Vorlage, vermittelt der Film dennoch eine Vorstellung von der gesellschaftlichen Atmosphäre im Viktorianismus: dem harten Kampf gegen weit verbreitete Armut, den Träumen von sorgenfreiem Wohlstand und von der Arroganz der Oberschicht.

 

Appetitanreger zur Neuentdeckung

 

Damit kann „David Copperfield – Einmal Reichtum und zurück“ als Appetitanreger dienen, um die Werke von Charles Dickens wieder oder neu zu entdecken: Seine oft sozialkritischen Underdog-Geschichten passen durchaus in die gegenwärtig stark aufgeheizte gesellschaftliche Atmosphäre, in der etliche Menschen das Gefühl haben, nicht gehört oder übergangen zu werden.