Keira Knightley

Die Misswahl – Der Beginn einer Revolution

Nachdem sie ein Plakat 'umgestaltet' haben, fliehen Jo (Jessie Buckley, re.) gemeinsam mit Sally (Keira Knightley, li.) vor der Polizei. Foto: © 2020 eOne Germany

(Kinostart: 1.10.) Schluss mit 90-60-90: Britische Feministinnen probten 1970 den Aufstand gegen TV-Schönheitsterror. Daran erinnert der Historienfilm von Regisseurin Philippa Lowthorpe: mit schwungvoll sinnlichem Erzählfluss, aber auch schablonenhaft didaktischen Dialogen.

Brust, Taille, Po: Mit dem Vermessen und Vergleichen vor allem von Frauen macht man im Fernsehen auch heute noch gute Quote. Dass bereits vor 50 Jahren Aktivistinnen antraten, um diese Art Fleischbeschau zu stören, wird wohl nur noch wenigen präsent sein.

 

Info

 

Die Misswahl –
Der Beginn einer Revolution

 

Regie: Philippa Lowthorpe,

106 Min., Großbritannien/ Frankreich 2019;

mit: Keira Knightley, Jessie Buckley, Gugu Mbatha-Raw, Greg Kinnear

 

Weitere Informationen

 

1970 starteten einige junge Frauen einen spektakulären Angriff auf die Wahl der „Miss World “ in London, die weltweit im Fernsehen übertragen wurde, und riefen damit ein globales Medienecho hervor. Ihr Vorgehen war simpel: Sie versteckten sich als normale Zuschauer im Publikum der Veranstaltung, und brachten sie dann mit Mehlbomben und etwas Randale einen Moment lang zum Erliegen.

 

Zweite Welle des Feminismus

 

An dieses Ereignis will Regisseurin Philippa Lowthorpe mit ihrem Film „Die Misswahl“ erinnern. Es blieb nicht folgenlos, zumindest in Großbritannien: Dort machte es eine neue Generation der Frauenbewegung, die so genannte „zweite Welle des Feminismus“, in der breiten Öffentlichkeit bekannt. Allerdings versucht Lowthorpe, viele unterschiedliche Aspekte in einem Spielfilm unterzubringen, was nicht durchgängig gelingt.

Offizieller Filmtrailer


 

Schwarze aus Grenada + Südafrika

 

Die Regisseurin verknüpft drei unterschiedlich gewichtete, aber parallel erzählte Handlungsstränge miteinander. Ihr größtes Interesse gilt der positiven Radikalisierung von Hauptfigur Sally Alexander (Keira Knightley). Die Mutter eines Kleinkinds erkämpft sich mit Eloquenz und unschlagbaren Argumenten einen Studienplatz an der Universität, indem sie fordert, nicht anders als männliche Mitbewerbern behandelt zu werden. Frustriert von der Ignoranz ihrer männlichen Kommilitonen, schließt sich Sally einer Frauen-Gruppe um Jessie Buckley (Jo Robinson) an, die mit spektakulären Aktionen gegen Sexismus ankämpft.

 

Währenddessen spürt Eric Morley (Rhys Ifans), Erfinder und Ausrichter der Miss-World-Wahl, gesellschaftlichen Gegenwind gegen seine Veranstaltung, die fast ausschließlich europäisch aussehende Kandidatinnen präsentiert. Entnervt von dieser Kritik, lässt er neben der ohnehin eingeplanten „Miss Grenada“ (Gugu Mbatha-Raw) eine weitere schwarze Mitbewerberin aus Südafrika rekrutieren.

 

Bob Hope versteht die Welt nicht mehr

 

Nun muss er nur noch den berühmten US-amerikanischen Komiker Bob Hope als Moderator gewinnen. Ihn präsentiert Lowthorpe als Inkarnation eines sexistischen weißen alten Mannes (wunderbar: Greg Kinnear), der den Mentalitätswandel in den 1960/70er Jahren nicht mehr versteht – und erst recht nicht den weiblichen Aufstand, der seine Show-Moderation durchkreuzen wird.

 

Bis es dazu kommt, illustriert der Film episch breit die Lebensumstände, aus denen die Antagonisten kommen. Da sind einerseits Sallys kleine, improvisiert eingerichtete Wohnung, in der sie mit ihrem Kind und neuem Mann lebt, sowie die chaotischen Räumlichkeiten der Aktivistinnen; dem gegenüber stehen das britisch-klassizistische, wohlgeordnete Büro der Misswahl-Organisation und das protzig modernistische Interieur von Bob Hopes Villa – alles im bräunlich-orangeroten 1970er-Look gehalten, auf dessen Rekonstruktion die Ausstatter viel Sorgfalt verwendet haben.

 

Kurzurlaub von der Apartheid

 

Das lässt sich nicht von allen Charakteren sagen. Liebevoll und detailreich gezeichnet sind die britischen Hauptfiguren. Die Charakterisierung der damals am Wettbewerb teilnehmenden schwarzen Bewerberinnen gerät hingegen zu schablonenhaft.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Bombshell – Das Ende des Schweigens“ – Drama über Aufbegehren gegen sexuelle Belästigung in der Medienwelt von Jay Roach

 

und hier einen Bericht über den Film „Hustlers“ – Gauner-Tragikomödie über betrügerische Striperinnen von Lorene Scafaria mit Jennifer Lopez

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung „Feministische Avantgarde der 1970er Jahre“ – grandiose Überblicks-Schau zu Kunst + Emanzipation im ZKM, Karlsruhe

 

Der Film will nur vorführen, dass die Show für diese jungen Frauen zumindest eine Chance darstellte, aus den schwierigen Verhältnissen in ihren Heimatländern auszubrechen; insbesondere die Südafrikanerin machte quasi einen Kurzurlaub von der Apartheid. Doch ihr Part ist auf didaktische Aussagen beschränkt, die sie schauspielerisch nicht gerade fordern.

 

Score stört sinnlichen Erzählfluss

 

Die männlichen Akteure erhalten zumindest genug Raum, um unterhaltsam zu chargieren. Die übrigen Misswahl-Kandidatinnen wirken dagegen nur wie hübsche Negativfolien, um die Lebendigkeit der frauenbewegten Aktivistinnen zu unterstreichen. Selbst als beide Gruppen von Frauen aufeinanderstoßen, gerät dieses Treffen eher zum Lehrstück als zum spannenden Schlagabtausch.

 

Derart sentenzenhaften Dialoge sollen die Handlung wohl mit noch mehr Bedeutung aufladen; sie stehen aber im Kontrast zum durchaus sinnlichen und energischen Erzählfluss, der allerdings öfter durch einen überzuckert geigenseligen Score gestört wird.

 

Vorbilder erst im Abspann

 

Was diese britischen Feministinnen vor 50 Jahren in Bewegung setzten, ist der Erinnerung gewiss wert. Doch diese filmische Würdigung driftet leider zu häufig in Bedeutungskitsch ab; damit wird er den realen Vorbildern kaum gerecht, die erst im Abspann auftauchen.