Kristen Stewart

Jean Seberg – Against all Enemies

Jean Seberg (Kristen Stewart). Foto: © 2019 PROKINO Filmverleih GmbH

(Kinostart: 17.9.) Chanel-Kostüme und heimliche Verehrer statt dubioser Polizei-Machenschaften: Regisseur Benedict Andrews verschenkt im Biopic über die Schauspielerin und Bürgerrechtsaktivistin Jean Seberg das Potenzial ihrer dramatischen Lebensgeschichte.

Die Kamera kam mir vor wie eine Waffe. Als ‚Action!‘ geschrien wurde, dachte ich, gleich wird auf mich geschossen.“ Das sagte Jean Seberg 1960 in einem Interview. Die US-Schauspielerin war durch ihre Hauptrolle in Jean-Luc Godards „Außer Atem“ gerade zum Star der Nouvelle Vague geworden. Drei Jahre zuvor wäre sie an ihrer ersten Filmrolle, in dem sie die Jeanne d’Arc spielte, fast zerbrochen – vor allem an den Methoden des Regisseurs Otto Preminger.

 

Info

 

Jean Seberg – Against all Enemies

 

Regie: Benedict Andrews

102 Min., USA 2019;

mit: Kristen Stewart, Anthony Mackie, Jack O’Connell

 

Website zum Film

 

Ab Ende der 1960er Jahre kümmerte sich dann das FBI darum, sie wirklich fertig zu machen. Benedict Andrews Biopic „Jean Seberg – Against All Enemies“ mit Kristen Stewart in der Hauptrolle konzentriert sich auf diesen entscheidenden Abschnitt in ihrem Leben. Seberg wurde 1938 in einem Kaff in Iowa geboren. Im Alter von 14 Jahren trat sie der „National Association for the Advancement of Colored People“ (NAACP) bei, der einflussreichsten afroamerikanischen Bürgerrechtsorganisation.

 

Im Fokus des FBI

 

Ihr Leben lang unterstützte sie die Bürgerrechtsbewegung in den USA, vor allem die vergleichsweise militante „Black Panther Party“. Deswegen wurde sie jahrelang observiert. Dieser Film bündelt ihr Engagement in einem ikonischen Bild: Seberg im kanariengelben Kostüm, inmitten einer Gruppe schwarzer Aktivisten, mit nach oben gereckter Faust. Power to the people! Mit Hakim Jamal (Anthony Mackie), einem Protagonisten der Bewegung, hatte Seberg eine Affäre. Das rückte sie in den Fokus des „Counter Intelligence Program“ des FBI, einem geheimen Programm der US-Bundespolizei.

Offizieller Filmtrailer


 

Diskreditiert im Auftrag des Präsidenten

 

Damit wurden Personen oder Gruppen, die man auf Staatsseite für subversiv hielt, überwacht und ihre Aktivitäten gestört. FBI-Direktor J. Edgar Hoover erklärte Seberg persönlich zu einem vorrangigen Zielobjekt – und hielt darüber auch Präsident Richard Nixon auf dem Laufenden. Eine Schwangerschaft Sebergs wurde vom FBI gezielt und fälschlicherweise mit einem Black-Panther-Mitglied in Verbindung gebracht und an die Presse gestreut, um sie zu diskreditieren.

 

Seberg hatte in der Folge eine Frühgeburt; ihre Tochter lebte nur zwei Tage lang. Dieses Trauma verfolgte sie bis zu ihrem Tod 1979 in Paris, der als Selbstmord ausgelegt wurde. Benedict Andrews‘ Film gibt einiges davon eher kursorisch wieder. Er konzentriert sich auf Sebergs Affäre mit Jamal, die Überwachung durch den Geheimdienst und die daraus entstehende Verfolgungsangst.

 

Coolness und Glamour verpuffen

 

Die Geschichte ist definitiv filmreif: Ein junger Kinostar setzt sich für die Rechte von Unterdrückten und Marginalisierten ein und wird vom Machtapparat im Lichte der Öffentlichkeit „neutralisiert“. Diesen Ausdruck verwendete das FBI in seiner später öffentlich gemachten Seberg-Akte selbst. Es ist ein Stoff voll zeitgeschichtlichem und persönlichem Drama, der obendrein das Potenzial hat, mit aktuellen Entwicklungen – Black Lives Matter, Überwachungsstaat und Medienmacht, öffentlicher Pranger – zu korrespondieren.

 

Wenn aus dieser wahren Geschichte samt Nouvelle-Vague-Coolness, Hollywood-Glamour und Black Power kein packender Film wird, ist etwas gründlich schief gegangen. Bloß was? Jean Seberg, wie sie in diesem Film skizziert wird, ist keine ernstzunehmende Aktivistin. Eher eine unreife Göre, die zum Frühstück Whisky gurgelt und im goldenen Käfig ihrem Midwest-Kleinstadt-Komplex nicht entkommt. Ein trotziger Kindskopf, der irgendwie mehr will, als ein Filmstar sein, aber nicht recht weiß, wie und was.

 

Fiktive Figur im Mittelpunkt

 

Kristen Stewart in der Hauptrolle ist zwar das kleinste Problem des Films, trotzdem unterstreicht ihre Performance diese Figurenzeichnung. Viel Spielraum bleibt ihr auch nicht. Stewart fungiert in erster Linie als Kleiderständer für Chanel-Kostüme und durchscheinende Negligés. Das Drehbuchs verpasst zudem der historischen Figur Seberg ein fiktives Gegenstück: Jack Solomon (Jack O’Connell) gibt einen jungen Abhörspezialisten, der beim FBI Karriere machen will und auf die Bürgerrechtsaktivistin angesetzt wird.

 

Schon bei seinem ersten Einsatz schneidet Solomon auf Tonband mit, wie Jean Seberg mit Hakim Jamal ins Bett geht. Schnell wird er zum größten und heimlichen Verehrer ihrer Kunst. Und allmählich schiebt sich die Rolle des Beobachters vor die der Beobachteten. Der FBI-Agent verliebt sich, wird zunehmend von Zweifeln wegen seines Tuns geplagt und riskiert sogar den Hausfrieden mit seiner Ehefrau (Margaret Qualley). Ach, wie putzig! Und wie deplatziert.

 

Relativierung oder Entschuldigung?

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Moonlight“ – vielschichtiges Drama über schwarze Jugend im Ghetto von Miami von Barry Jenkins, Oscar für den besten Film 2017

 

und hier einen Beitrag über den Film  „Detroit“ – Rekonstruktion der Rassenunruhen von 1967 in Detroit von Kathryn Bigelow

 

und hier einen Bericht über den Film „The Black Power Mixtape 1967 – 1975“ – brillante Doku über die US-Bürgerrechtsbewegung von Göran Hugo Olsson.

 

Wieso „Jean Seberg – Against All Enemies“ weniger die Skrupellosigkeit der FBI-Aktionen und deren tödliche Folgen zum Thema macht als die ausgedachten Zweifel eines einzelnen Mittäters, bleibt schleierhaft. Was soll das sein: eine nachträgliche Relativierung? Eine Entschuldigung? In der ersten Szene des Films sieht man Seberg in Lumpen an einen Pfahl gekettet. Sie atmet schwer und blickt verzweifelt Richtung Himmel, bevor sie in einem Flammenmeer untergeht.

 

Dabei wird sie von einem gigantischen Kameraapparat beobachtet, hinter dem ein paar Gestalten mit Hut in der Dunkelheit verschwinden. Diese Einstellung – sie bezieht sich auf Sebergs Rolle in Premingers „Die heilige Johanna“, also auf die Erfahrung, für die sie später so martialische Worte fand – wäre als programmatisches Exposé für diesen Film durchaus sinnvoll gewesen.

 

Ignoriertes Opfer

 

Hier wird klar unterschieden, wer gnadenlos im Licht steht und wer sich im Dunkel versteckt. Leider interessiert sich „Jean Seberg – Against All Enemies“ letztlich aber mehr für den Scheiterhaufen als für das Opfer, das darauf verbrannt wurde.