Nina Hoss

Pelikanblut – Aus Liebe zu meiner Tochter

Nikolina (Adelia Ocleppo) und Raya (Katerina Lipovska), die gegen Wiebke (Nina Hoss) rebeliert. Foto: DCM

(Kinostart: 24.9.) Traumatisiert oder besessen? Regisseurin Katrin Gebbe inszeniert ihr Drama um ein gewalttätiges Adoptivkind als überraschenden Genre-Mix – mit einer brillanten Nina Hoss als Mutter zwischen Entschlossenheit und Überforderung.

Dass sie hierzulande zu den Besten ihres Fachs gehört, demonstrierte Nina Hoss erst unlängst in „Das Vorspiel“ (2020). Dem eindringlichen Drama drückte sie ihren ganz eigenen Stempel auf – als verbissen-neurotische Geigenlehrerin, die an den eigenen Ansprüchen scheitert. Eine ähnlich intensive Darbietung bietet Hoss nun in „Pelikanblut – Aus Liebe zu meiner Tochter“, dem zweiten Kinospielfilm von Regisseurin Katrin Gebbe.

 

Info

 

Pelikanblut –
Aus Liebe zu meiner Tochter

 

Regie: Katrin Gebbe,

121 Min., Deutschland/Bulgarien 2019;

mit: Nina Hoss, Murathan Muslu, Adelia Ocleppo

 

Weitere Informationen

 

Gebbes Debüt „Tore tanzt“ (2013) handelte von einem jungen Jesus Freak, der die Quälereien seines sadistischen Umfelds als Prüfung Gottes versteht und letzlich daran stirbt; nun wendet sich die Regisseurin erneut einer psychologisch komplexen Dynamik zu. Hoss spielt dabei die Rolle der Pferdetrainerin Wiebke. Mit ihrer Adoptivtochter Nikolina (Adelia-Constance Ocleppo) lebt sie auf ihrem Hof irgendwo in der deutschen Provinz und betreut Reiterstaffeln der Polizei.

 

Hier Freude, dort Distanz

 

Eines Tages beschließt sie, ein zweites Mädchen bei sich aufzunehmen. Da alleinstehende berufstätige Frauen in Deutschland nicht adoptieren dürfen, reist sie nach Bulgarien. Dort wird ihr die kleine Raya (fulminant: Katerina Lipovska) vorgestellt. Zurück in ihrer Heimat freut sich Wiebke über die Erweiterung ihrer Familie, auch wenn die Fünfjährige zunächst sehr distanziert wirkt. Bald schon wird Rayas Verhalten bedrohlich aggressiv.

Offizieller Filmtrailer


 

Fragwürdige Friedensstrategien

 

Bereits der Untertitel deutet es an: So leicht gibt Wiebke nicht auf. Wie bei ihrer Arbeit, wo sie jedes noch so widerspenstige Pferd zu bändigen versucht, ist sie entschlossen, Raya zu helfen. Geduldig versucht sie sich an unterschiedlichsten Strategien – und greift in letzter Konsequenz zu fragwürdigen Mitteln, um den familiären Frieden wiederherzustellen. Nina Hoss spielt die kämpferische Protagonistin so ungekünstelt wie unangestrengt. Dabei bleibt ihr Spiel nuanciert; billige Effekthascherei vermeidet sie.

 

Wiebke ist der tiefen Überzeugung, dass es sich lohnt, um ihre Adoptivtochter zu kämpfen. Wie sich trotzdem langsam die Sorge in ihr Gesicht gräbt und ihr Handeln zunehmend von Überforderung geprägt wird, ist große Schauspielkunst. Die Situation wirft zudem weitreichende Fragen auf: Welche Belastungen nehmen Eltern für ihre Kinder auf sich? Wie weit gehen sie für deren Wohlbefinden? Und wie geht die Gesellschaft mit jungen Menschen um, die zum Problemfall abgestempelt werden?

 

Unterschwelliger Horror

 

Wiebke möchte das Verhalten ihrer Adoptivtochter begreifen – anders als viele Menschen in ihrem Umfeld, die Raya umgehend in ein Heim abschieben würden. Gebbe, die auch das Drehbuch schrieb, vermeidet bei der Schilderung dieser schmerzhaften Situation alles Moralinsaure oder den sprichwörtlichen erhobenen Zeigefinger. Vielmehr erzählt sie die Geschichte als irritierenden, auch in der Farbgebung zunehmend düsteren Genre-Mix.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Der Geburtstag“ – stilvolle Schwarzweiß-Tragikomödie über elterliche Überforderung von Carlos A. Morelli

 

und hier eine Besprechung des Films „Systemsprenger“ – mit Silbernem Bären 2019 prämiertes Jugend-Drama von Nora Fingscheidt

 

und hier einen Bericht über den Film „Das Vorspiel“ – intensives Lehrerin-Schüler-Drama von Ina Weisse mit Nina Hoss.

 

Von Anfang an begleitet eine unterschwellig mysteriöse Stimmung das Familiendrama sie könnte ebenso gut aus einem Horrorstreifen stammen. Nebelschwaden wabern unheilbringend durchs Bild; auch bei der musikalischen Untermalung schwingt immer wieder etwas Gespenstisches mit. Dazu spielt Gebbe mit dem Motiv des von finsteren Mächten besessenen Kindes, das zum Standardrepertoire des Gruselkinos gehört.

 

Erfrischend unberechenbar

 

Sind Rayas wilde Ausbrüche Zeichen einer dämonischen Besessenheit? Oder stecken traumatische Erlebnisse hinter ihrem unberechenbaren Auftreten? Ähnlich wie in „Tore tanzt“, ihrem kontroversen Debütfilm, macht es die Regisseurin auch diesmal dem Zuschauer nicht leicht. Ihr neuer Film eckt im besten Sinne an und wirft unbequeme Fragen auf.

 

Durch seine ungewöhnliche MIschung von Genre-Elementen bleibt er erfrischend unvorhersehbar. Das provokante Ende könnte so manche Diskussion auslösen. Wie viele deutsche Filme können das heutzutage schon von sich behaupten?