Roy Andersson

Über die Unendlichkeit

Wenn der Glaubensvorrat restlos aufgebraucht ist, kann der schlimmste Alptraum eines Pfarrers (Martin Serner) wahr werden. Foto: © Neue Visionen Filmverleih

(Kinostart: 17.9.) Mit Künstlichkeit die Normalität zerlegen: Regisseur Roy Andersson inszeniert scheinbar beiläufige Alltagsmomente und zeigt dabei die Verlorenheit des Einzelnen. So entsteht ein melancholisch-lakonisches Panorama der Entfremdung.

Eine Frau sitzt in einem Restaurant. Ein Mann schreitet durch die Tür und fragt die Frau, ob sie Lisa Andersson sei. Sie verneint. Ihre Begleitung kommt mit zwei vollen Biergläsern zurück. Der Mann verlässt das Lokal. „Ich sah einen Mann, der sich verirrt hat“. Die Stimme, die das sagt, kommt aus dem Off und wird den Film in jeder Szene begleiten – und dabei mal von einer Frau, mal von einem Mann oder Jungen sprechen.  Sie beschreibt stets das Geschehen, erklärt es aber nie.

 

Info

 

Über die Unendlichkeit

 

Regie: Roy Andersson,

78 Min., Schweden/ Deutschland/ Norwegen 2019;

mit: Martin Serner, Tatiana Delaunay, Anders Hellström

 

Weitere Informationen

 

Im Film „Über die Unendlichkeit“ des schwedischen Regisseurs Roy Andersson wird wenig auf den Punkt gebracht. Eine kurze Vignette folgt auf die nächste: Ein Vater, der seiner Tochter auf dem Weg zu einem Geburtstag die Schuhe bindet; ein Pfarrer (Martin Serner), der kurz vor der Predigt an seinem Glauben zweifelt. Oder eine Frau, die eine Pflanze mit so viel Hingabe gießt, als sei dies der einzige Moment, in dem sie Zärtlichkeit erlebt.

 

Statisch und emotionslos

 

Auch alle anderen Menschen scheinen emotionslos. Ihre Gesichter fügen sich in die blassen, pastellfarbenen Kulissen. Die Welt wirkt dabei so statisch wie ihre Bewohner; dafür sorgt eine Kameraführung, die mit unbewegten Einstellungen die Langsamkeit der Erzählung intensiviert.

Offizieller Filmtrailer OmU


 

Entfremdung produziert Komik

 

Diese Reduktion und die Zeichnung einer grauen, gesichtslosen Welt sind typisch für den schwedischen Regisseur. Der setzte auch in seinen vorherigen Filmen, wie etwa „Das jüngste Gewitter“ (2007) oder „Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“ (2014) weniger auf Geschichten, sondern vielmehr auf ihre Umsetzung – ganz in der Tradition des europäischen Autorenkinos. Die Form ist genauso wichtig wie der Inhalt. Der Film versucht gar nicht, seine Künstlichkeit zu verbergen – und zeigt seine Protagonisten, Häuser und Straßen als extrem stilisierte Schablonen.

 

Andersson setzt nicht auf eine Abbildung der Wirklichkeit, sondern spitzt die Ereignisarmut des Alltags zu; in dessen vermeintlicher Banalität verbirgt sich eine spezielle Komik. Sie löst weniger Gelächter aus, als dass sie unter die Haut geht. Sie läuft auf nichts Bestimmtes zu; sie erklärt nichts und lässt alles offen. Die Darstellung der totalen Entfremdung – eines Zustands also, bei dem man sich im eigenen Leben nicht mehr zu Hause fühlt – findet in dieser absurden Komik ihren ästhetischen Ausdruck.

 

Melancholiestau

 

Die knappen Dialoge wirken weniger reduziert als die Bilder; bisweilen sind sie geradezu philosophisch aufgeladen. Etwa in der Szene, in der ein Mann im Bus zu weinen beginnt und ein anderer sich einmischt: „Darf man denn nicht mehr traurig sein?“ Daraufhin entgegnet eine Frau: „Aber warum kann er nicht einfach zu Hause traurig sein?“

 

Die einzelnen Szenen setzen sich zu einem multiperspektivischen Alltagspanorama zusammen, das von „normalen“, wenn auch resignierten Menschen erzählt. So staut sich eine melancholische Energie auf, die sich kaum aushalten ließe – wäre der Film mit seinen knapp 80 Minuten nicht so angenehm kurz. Zugleich erlaubt diese Melancholie ein lakonisches Reflektieren über die verbreitete Sehnsucht nach einer bunteren Welt.

 

Ohne großen Erklärungen

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“ – minimalistisch-groteske Tragikomödie von Roy Andersson, prämiert mit Goldenem Löwen 2014

 

und hier einen Bericht über den Film „Vom Gießen des Zitronenbaums“skurrile Episoden-Komödie von und mit Elia Suleiman

 

und hier einen Beitrag über den Film „Border“ – origineller Fantasy-Thriller aus Schweden von Ali Abbasi

 

Das gelingt, ohne dass es dabei hochanalytisch zugeht. Bei dieser Kartografie des Lebens sind die Menschen nur lose miteinander verbunden; ein großes Ganzes ist nicht zu erkennen. Dass Andersson nur Bruchstücke zeigt, ist in unserer nach glatten Oberflächen und eindeutigen Handlungsverläufen lechzenden Gegenwart eine radikale Geste. Das Leben – so scheint es der 76-jährige Regisseur zu sehen – ist eben nicht über große, in sich geschlossene Ereignisse erfahrbar, sondern vor allem in alltäglichen Affekten.

 

Die wandern erst einmal durch Körper und Gedankenwelten, bevor sie erklärt werden können. „Über die Unendlichkeit“, der 2019 bei den Filmfestspielen in Venedig den Silbernen Löwen für die beste Regie erhielt, handelt nicht von den großen Erzählungen und ihren begrifflichen KlammernEr blickt vielmehr auf die unkontrollierbaren, ordinären Dinge, die Menschen geschehen, bevor sie überhaupt wissen, was ihnen passiert.

 

Den Alltag bestaunen

 

Dabei zuzuschauen, ist einerseits traurig. Andererseits steckt ein Trost darin, nicht auf das ferne Glück zu warten, sondern über die kleinen Momente im Alltag zu staunen. Etwa über den „Mann, der nicht bei der Sache ist“. Der gießt eine ganze Flasche Rotwein über den Tisch eines Kunden, während der stoisch weiter Zeitung liest.