Micha Lewinsky

Moskau einfach!

Viktor (Philippe Graber) erfüllt seinen Auftrag, das Schauspielhaus Zürich auszuspionieren, mit vollem Körpereinsatz - auch bei Tier-Improvisationen. Foto: Arsenal Filmverleih

(Kinostart: 15.10.) Stasi-Methoden in der Schweiz? Allerdings: 1989 kam heraus, dass der Staatsschutz jeden zehnten Bürger bespitzelt hatte. Diesen „Fichenskandal“ verarbeitet Regisseur Micha Lewinsky zu einer feinsinnigen Spionage-Komödie der leisen Töne.

Staatsfeind-Paranoia, ein wuchernder Inlandsgeheimdienst und ausufernde Überwachung – alles typische Merkmale von Diktaturen? Keineswegs: In der Schweiz wurde 1989 enthüllt, dass der Staatsschutz insgesamt 700.000 Bürger, damals rund zehn Prozent der Bevölkerung, systematisch bespitzelt und Beobachtungen auf Karteikarten notiert hatte; auf Französisch: fiches. Der Fichenskandal erschütterte das Vertrauen in die eidgenössische Demokratie.

 

Info

 

Moskau einfach!

 

Regie: Micha Lewinsky,

99 Min., Schweiz 2020;

mit: Philippe Graber, Miriam Stein, Michael Maertens

 

Website zum Film

 

Im Visier der Schnüffler waren alle möglichen Personen, denen man staatsgefährdende Umtriebe zutraute: Linke, Friedens- und Umweltschutzaktivisten oder Nonkonformisten aller Art. Informationen wurden recht unsystematisch gesammelt, auch manche skurrilen, wie über Ess- und Trinkgewohnheiten. Geheimdienste schaffen sich eben ihre Aufgaben selbst, siehe die DDR-Stasi. Dennoch erlitten etliche Schweizer handfeste Nachteile: Sie fanden etwa keine Anstellung, weil potentielle Arbeitgeber heimlich Einsicht in ihre Dossiers nahmen.

 

Heimattreu in Zürich

 

Vor dem Hintergrund dieser für viele Betroffenen tragischen Episode der eidgenössischen Geschichte entfaltet Regisseur Micha Lewinsky eine formvollendet bittersüße Polit-Komödie. Wobei ihr Titel in die Irre führt: Mit Sowjetunion und KGB, Russland oder überhaupt allen Landstrichen nordöstlich des Bodensees hat der Film nichts zu tun. Er spielt ausschließlich in Zürich – vor und nach dem Mauerfall 1989.

Offizieller Filmtrailer


 

Geh‘ doch nach drüben auf Eidgenössisch

 

„Moskau einfach!“ ruft die Schauspielerin Odile Lehmann (Miriam Stein), als sie zum Nebenerwerb vor einem Honoratioren-Klub auftritt. Nachdem sie in Tracht ein patriotisches Soldatenlied vorgetragen hat, verfällt sie parodistisch in eine populistische Schmährede und fordert, Ausländer und linkes Gesocks entweder ohne Rückfahrkarte nach Moskau zu schicken oder gleich an die Wand zu stellen. „Moskau einfach!“ entspricht also der bundesdeutschen Vor-1989-Verwünschung: „Geh‘ doch nach drüben!“.

 

Das ist der einzige Augenblick, in dem diese Satire einen Moment lang scharf und gallig wird. Zuvor und danach bleibt Regisseur Lewinsky vordergründig beim menschelnden Miteinander: Jeder kennt fast jeden und ist mit ihm verbandelt, auch wenn er andere ausforscht. Beim Staatsschutz hört der biedere Polizist Viktor Schuler (Philippe Graber) ein alternatives Lokalradio ab. Doch sein Vorgesetzter Marogg (Mike Müller) argwöhnt, das Schauspielhaus sei von den Sowjets unterwandert, weil sich Theaterleute für eine Pazifisten-Initiative zur Abschaffung der Armee engagieren: Er schleust dort Viktor als verdeckten Ermittler ein.

 

Sprechrolle in „Was ihr wollt“

 

Dazu verwandelt er sich in Walo, einen angeblichen Ex-Matrosen in Lederjacke, Jeans und Wuschelkopf. Der wird als Statist engagiert und rutscht im chaotischen Theaterbetrieb rasch die interne Hackordnung hoch, bis er sogar eine Sprechrolle erhält – zufällig in Shakespeares Komödie „Was ihr wollt“, in der es um Täuschung und Lüge in Liebesdingen geht. Bald findet Viktor/Walo heraus, dass kein Ensemblemitglied ein Ostblock-Maulwurf ist; wohl aber der Kantinenwirt ein begnadeter Verschwörungstheoretiker.

 

Der korrupte Gast-Regisseur Carl Heymann (Michael Maertens) schafft Schwarzgeld beiseite und hat mit wolkigen Versprechungen Odile zu einer Affäre verführt. Obwohl daheim Frau und Kind warten: Als die Schauspielerin das erfährt, wendet sie sich dem netten Statisten zu, der schon lange ein Auge auf sie geworfen hat. Zugleich droht im Zuge des Fichenskandals sein illegaler Insider-Einsatz an der Bühne aufzufliegen; seine Vorgesetzten drohen, ihn fallen zu lassen. Deshalb will Viktor die Seiten wechseln – doch der Staatsschutz lässt ihn nicht einfach ziehen.

 

Spionage-Thriller als Kammerspiel

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Nichts passiert“ – Tragikomödie von Micha Lewinsky mit Devid Striesow als konfliktscheuem Familienvater

 

und hier eine Besprechung des Films „Das Ende der Wahrheit“ – spannender Thriller über BND-Spionage von Philipp Leinemann mit Roland Zehrfeld

 

und hier einen Beitrag über den Film „Dene wos guet geit“ – originelle Kriminalsatire auf Materialismus in der Schweiz von Cyril Schäublin

 

und hier einen Bericht über den Film „Der Verdingbub“ – Dokudrama über Kinder als Arbeits-Sklaven in der Schweiz bis 1950 von Markus Imboden mit Miriam Stein.

 

Geheimdienst-Paranoia, doppelte Identität und deren Verlust sowie das Dilemma jedes Spitzels, dass er seinen Job weder offen legen noch kündigen kann: Solche Motive klassischer Spionage-Thriller verarbeitet Regisseur Micha Lewinsky zu einem feinsinnigen Kammerspiel, das mit wenigen Schauplätzen und Figuren auskommt. Ohne Pathos oder gar Action, aber mit Bezügen zur Weltpolitik, die nie aufgesetzt wirken, doch dem Geschehen dramatische Fallhöhe verleihen.

 

Federleicht verwebt das Drehbuch schweizerische Zeitgeschichte mit Bühnenpossen und Irrungen des Herzens – wobei der Film genug Wendungen und Überraschungen bereit hält, um bis zum Schluss durchgängig zu fesseln. Auch dank seines sympathischen Antihelden: Mit minimalistischer Mimik und trockenem Humor wandelt sich Philippe Graber allmählich vom braven Befehlsempfänger zum passionierten Theater-Enthusiasten, für den Odile schwärmt.

 

Neue Datenbank für weitere Groteske

 

Indessen kommt der tragische Aspekt des Fichenskandals zu kurz; die De-facto-Berufsverbote für viele Überwachungs-Opfer werden nur leicht gestreift. Und die Tatsache, dass der Staatsschutz 2010 in seiner neuen ISIS-Datenbank bereits wieder 200.000 Bürger registriert hatte, bleibt völlig unerwähnt. Das wäre Stoff für eine weitere Polit-Groteske über Spitzelwesen in der Schweiz.