Sandra Hüller

Schlaf

Marlene (Sandra Hüller) leidet unter krankhaft wiederkehrenden Albträumen. Foto: Edition Salzgeber

(Kinostart: 29.10.) Schläfer im Größenwahn: Regisseur Michael Venus schickt in seinem Horrorfilm-Debüt Mutter und Tochter in ein abgründiges Provinzhotel – und überzeugt mit dem Bogen, den er zwischen dunkler Geschichte und der Gegenwart schlägt.

Wer sind wir, wenn unser Bewusstsein abschaltet? Anders gefragt: Wohin führt uns das Gehirn, während es im Schlaf daraufhin arbeitet, dass wir erfrischt aufwachen? Aufräumen und Träumen liegen eng beieinander; geistige Spreu trennt sich dabei vom Weizen. Aus gutem Grund ist das Meiste davon bald vergessen. Was der Geist in diesem Standby-Modus produziert – dem wird allerdings trotzdem große Bedeutung beigemessen.

 

Info

 

Schlaf

 

Regie: Michael Venus,

102 Min., Deutschland 2020;

mit: Sandra Hüller, Gro Swantje Kohlhof, August Schmölzer

 

Weitere Informationen

 

In vielen Kulturen gelten Traumwelten als Wegweiser für die wache Lebenszeit. Vor diesem Hintergrund verwundert nicht, dass auch im Horrorfilm unheimliche Botschaften oft über Träume vermittelt werden. Ähnlich wie das gerade in den Kinos gestartete Psychorätsel „Cortex“ (2020) von Moritz Bleibtreu nimmt Michael Venus‘ Regiedebüt „Schlaf“ das bedrohliche Unbewusste in den Fokus.

 

Albtraum mit Realitätsgehalt

 

Was, fragt sich die Flugbegleiterin Marlene (Sandra Hüller), hat es mit dem merkwürdigen Hotel auf sich, das immer wieder in ihren quälenden Albträumen auftaucht? Ein zufälliger Blick in ein Magazin lässt sie erschaudern. Der Ort existiert tatsächlich: Es handelt sich um ein Waldhotel in der Nähe der beschaulichen Gemeinde Stainbach – ein Provinznest, das hier mit Sorgfalt eingeführt wird. Und das überall liegen könnte.

Offizieller Filmtrailer


 

Mutter im Stupor

 

Heimlich, ohne ihre besorgte Tochter Mona (Gro Swantje Kohlhof) zu informieren, reist Marlene dorthin. Sie quartiert sich am Ort ihrer Albträume ein, im „Hotel Sonnenhügel“. Die menschenleere Herberge verströmt den Geruch miefiger Bürgerlichkeit; Jagdtrophäen an den Wänden sprechen Bände. Doch bevor hier etwas Außergewöhnliches passieren kann, überrascht das Drehbuch mit einer Wendung. Nach einem schweren Anfall in ihrem Hotelzimmer landet Marlene direkt in einer nahe gelegenen Klinik.

 

Gefangen in einem Stupor, einem Zustand der völligen psychischen und motorischen Erstarrung, liegt sie im Bett. Sandra Hüller, sonst regelmäßig in tragenden Rollen zu erleben, wird zur Regungslosigkeit verdammt; als eine die Handlung vorantreibende Kraft fällt sie erst einmal aus. Dass Mona die eigentliche Hauptfigur ist, hatte sich allerdings schon zu Beginn angedeutet. Als wäre die junge Frau die Mutter in der Beziehung, packt sie Marlenes Butterbrote ein und kümmert sich um ihre Termine.

 

Wirkungsvolle Provinzatmosphäre

 

Nach dem Zusammenbruch will Mona herausfinden, was ihre ohnehin labile Mutter so sehr aus der Bahn geworfen hat – und betätigt sich als Detektivin. Auch Mona taucht auf ihrer Suche nach Antworten bald in surreale Albträume ab. Die sind bemerkenswert wirkungsvoll in Szene gesetzt; Bild- und Toneffekte sorgen für unbehagliche Momente. Gelegentlich greift Venus zu eher lauten Schockeffekten, doch die meiste Zeit lässt er vor allem die bedrückende Provinzatmosphäre wirken.

 

Das schwer greifbare Unheil, auf das Mona bei ihren Nachforschungen stößt, führt nicht nur tief in ihre eigene Familiengeschichte. Der Film schlägt zudem einen Bogen von der deutschen Vergangenheit zu besorgniserregenden Tendenzen in einer Gegenwart, in der rechtsradikale Kreise Morgenluft wittern und sich neu formieren.

 

Grauenvoller Größenwahn

 

Dass Venus‘ gelungen inszenierter Horror-Heimatfilm dabei nicht ins Eindimensionale kippt, ist nicht zuletzt den Darstellerleistungen zu verdanken. Gro Swantje Kohlhof vermittelt Monas wachsende Verwirrung überzeugend. Sandra Hüller zeigt, wie viel man allein durch Mimik ausdrücken kann. Besonders hervorzuheben sind jedoch August Schmölzer und Marion Kracht, die dem Geschehen eine besonders eindringliche Intensität verleihen.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Cortex“ – abgründiger gelungener Psychothriller von und mit Moritz Bleibtreu

 

und hier einen Beitrag über den Film „A Cure for Wellness“ – glänzend gruseliger Mystery-Horror-Thriller von Gore Verbinski

 

und hier einen Bericht über den Film „Exil“ – subtiles Diskriminierungs-Drama von Visar Morina mit Sandra Hüller

 

Schmölzer gibt den leicht schmierigen, allzu freundlichen Hotelbesitzer, der sich vor dem Schlafengehen ans Bett fesseln lässt und vom Aufbau einer Bürgerwehr träumt; Kracht spielt seine misstrauische Frau. Wie „Schlaf“ das Grauen und den Größenwahn hervorzerrt, die hinter der spießbürgerlichen Fassade lauern, ist verstörend und hält Überraschungsmomente bereit.

 

Horrorkino spiegelt Realität

 

Besonders in Erinnerung bleibt eine Szene an einem reichlich gedeckten Esstisch, bei der erstmals einige Masken fallen – ein Vorgeschmack auf die Raserei, in die das Ganze mündet. Der schlichte Titel des Films verweist auf unterschiedliche Aspekte: Auf Marlenes Albträume, auf die verschlafene Provinz, aber auch auf verborgene Tendenzen im Untergrund.

 

In diesem Fall geht es konkret um langsam erwachende Kräfte, die von einem anderen Deutschland träumen. Die Mittel des Horrorkinos erweisen sich dabei als überaus passend zu den gesellschaftlichen Tendenzen, die Venus in seinem ambitionierten Debüt ins Visier nimmt.